Drama in Pakistan

Wer tötete Benazir Bhutto?

Von Ahmed Rashid, Lahore

Trauer um Bhutto - Sorge um Pakistan

Trauer um Bhutto - Sorge um Pakistan

30. Dezember 2007 Der Tod von Benazir Bhutto hinterlässt ein gewaltiges Vakuum in der Politik ihres Heimatlandes, und kein Politiker oder General ist nun bereit oder fähig, den islamistischen Extremisten entgegenzutreten, die Frau Bhutto ermordet haben. Verantwortlich für den Mordanschlag, das ist die wahrscheinlichste Version, ist eine städtische pakistanische Terrorgruppe, die von den „Taliban in Pakistan“ und Al Qaida unterstützt wird.

Es kann beinahe als gesichert gelten, dass Frau Bhutto von einem professionellen Schützen erschossen wurde, der drei Kugeln in ihren Nacken und ihre Brust feuerte, bevor er sich selbst in die Luft sprengte; die Explosion tötete 21 Menschen. Der Stil und die Vorgehensweise des Attentäters deuten eindeutig auf eine Selbstmördergruppe von pakistanischen Extremisten hin, die von Al Qaida fachmännisch ausgebildet wurden. Im vergangenen halben Jahr gab es eine ganze Reihe von Selbstmordanschlägen in Pakistan, die mehr als 800 Menschenleben gefordert haben. Einige von ihnen wurden mit großem Geschick geplant und ausgeführt.

„Aktivposten der Amerikaner ausgeschaltet“

Die pakistanische Regierung hat Al Qaida für den Mord an der Oppositionsführerin verantwortlich gemacht. Eine Nachrichtenagentur berichtete, Al Qaida habe sich selbst der Tat bezichtigt: „Wir haben den kostbarsten Aktivposten der Amerikaner ausgeschaltet“, habe ein Al-Qaida-Sprecher mitgeteilt. Am Samstag indessen bestritt Al Qaida, in den Anschlag verwickelt zu sein, und beschuldigte den Geheimdienst.

Doch wie auch immer: Es war die doppelgesichtige Politik des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf gegenüber jenen Extremistengruppen im Land, die dazu beigetragen hat, dass der globale Kampf gegen den Terror in der Region ungleich schwerer geworden ist - und dass Pakistan zum Epizentrum für Al Qaida, die Taliban und andere Organisationen geworden ist. Heute sind islamistische Extremisten in Pakistan - mehr als jene im Irak oder in Afghanistan - die gefährlichste Bedrohung für die globale Stabilität. Seit 2004 hatte jede terroristische Verschwörung in Europa und anderswo, ob sie nun mörderischen Erfolg hatte oder fehlschlug, ihren Ursprung in den Stammesgebieten von Pakistan.

Die „Taliban in Pakistan“ bestehen aus Paschtunen

Der Kampf von Al Qaida in Pakistan wird angeführt von den „Taliban in Pakistan“, die in den vergangenen Monaten weite Gebiete in den paschtunischen Stammesgebieten im Nordwesten des Landes eingenommen und kürzlich das Swat-Tal erobert haben, das nur einhundert Kilometer von Islamabad entfernt liegt und das Zentrum der heimischen Tourismusindustrie ist. Die Taliban in Pakistan sind inzwischen eine bedeutende Kraft in allen Städten der North-West- Frontier-Provinz. Angeführt werden sie von Baitullah Mehsud, der schon im Oktober gedroht hatte, seine Selbstmordattentäter warteten nur darauf, Frau Bhutto zu ermorden, sobald sie aus dem Exil zurückkehre.

Die „Taliban in Pakistan“ bestehen vor allem aus Paschtunen, die unter den Einfluss von Al Qaida gerieten, als sie nach dem 11. September 2001 Anführern von Al Qaida und afghanischen Taliban in ihren Stammesgebieten Unterschlupf gewährten. Damals verfolgte die Armee eine doppelgesichtige Politik: Arabische Mitglieder von Al Qaida wurden gefangen genommen oder getötet, wie die Amerikaner es verlangten; die afghanischen und pakistanischen Taliban aber ließ man in Ruhe. Die pakistanische Armee misstraute dem Regime des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Nach 2004 gab die Armee selbst die Jagd auf Al Qaida auf - sie hatte erkannt, dass die Vereinigten Staaten sich auf den Irak konzentrierten statt auf Afghanistan.

Zehn Milliarden Dollar für Pakistan - von Amerika

Paschtunen in Pakistan halfen Kämpfern von Al Qaida, sich in den Stammesgebieten niederzulassen; sie versorgten sie mit Lebensmitteln und wurden darüber reich. Bald hatten diese Stammesangehörigen ihre eigenen Milizen und schworen, als die „Taliban von Pakistan“ an der Seite von Al Qaida in den Kampf zu ziehen. Sie wurden noch mächtiger und gefährlicher, als sie halfen, Anhänger islamistischer Gruppen in pakistanischen Städten zu rekrutieren - Militante, die gut ausgebildet waren und sich für städtischen Terrorismus eigneten. Man nimmt heute an, dass Mitglieder einer solchen Gruppe im Oktober, als Benazir Bhutto aus dem Exil zurückkehrte, in Karachi jene Bomben zündeten, die 134 Menschen das Leben kosteten. Mit Hilfe des Netzwerkes der paschtunischen Stämme und ideologischer Überzeugungsarbeit haben die „Taliban in Pakistan“ zudem in der pakistanischen Armee, im Geheimdienst und in paramilitärischen Einheiten Sympathisanten gewonnen, die in einflussreichen Positionen sitzen. Mehrere Anschläge der letzten Zeit, bei denen Soldaten in Kasernen getötet wurden, waren nur durch das Wissen solcher Insider möglich.

Seit „9/11“ haben die Vereinigten Staaten Pakistan zehn Milliarden Dollar an Hilfe zukommen lassen - von denen drei Viertel für die pakistanische Armee ausgegeben wurden. Doch hat Washington es versäumt, dafür Bedingungen zu stellen und die Hilfe etwa davon abhängig zu machen, dass die Armee den echten Willen und die Fähigkeit hat, gegen den Terrorismus vorzugehen. Die Weltgemeinschaft wird Pakistan in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken müssen als jemals zuvor.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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