Ramallah

Fischer vor verschlossenem Tor

Von Eckart Lohse, Kairo

12. November 2004 Es ist 11.47 Uhr ägyptischer Zeit, als Außenminister Joseph Fischer die Tür vor der Nase zugemacht wird. Es ist vielmehr ein Tor, eines, das zum Flughafen in Kairo führt und durch das Fischer und seine Delegation hätten gehen sollen, um wenigstens in einem zweiten feierlichen Akt von Palästinenserpräsident Arafat Abschied zu nehmen.

Doch auch zu dieser kleinen Zeremonie kam Fischer am Freitag in Ägypten zu spät. So konnte er nur noch auf dem Absatz kehrt machen, einen Moment verharren und dem gerade auf ihn zukommenden Halbbruder Arafats, Muhsen Arafat, kondolieren. Das war's, für alles andere war es zu spät. Um 11.54 Uhr bestieg Fischer wieder seine Limousine und ließ sich in ein nahegelegenes Hotel fahren, sprach dort kurz mit dem Hohen Beauftragten der EU für die Außenpolitik, Solana, verweilte noch einen Moment und wurde anschließend zurück zum Rollfeld gefahren. Um dreizehn Uhr saß er schon wieder im Flugzeug.

„Nummer fünf oder sechs auf dem Weg zur VIP-Rampe“

Fischer suchte Trost in der Feststellung, politisch sei es entscheidend gewesen, daß er mit der Delegation nach Kairo gekommen sei. Gleichwohl war ihm sein Mißvergnügen darüber anzumerken, daß er um 4.20 Uhr am Freitag morgen in Berlin aufgebrochen war, um Arafat die letzte Ehre zu erweisen, und daß dieses so mißlang. Der deutsche Botschafter in Kairo, Fischers einstiger Büroleiter Kobler, grämte sich noch mehr, aber schließlich half es nichts. Es waren einfach zu viele internationale Trauergäste auf einmal nach Kairo geflogen.

Fischers Airbus war pünktlich im Luftraum über Kairo angekommen, wie vereinbart um 10.05 Uhr. Doch dann kam der Befehl, man müsse sich über der ägyptischen Hauptstadt kreisend noch eine Weile gedulden. Aus der Weile wurden annähernd fünfzig Minuten. Später hieß es, es seien zunächst die Gäste muslimischen Glaubens aus dem Luftraum auf den Boden gelassen worden. Denn schließlich durften auch nur diese zum Gebet in die nahegelegene Galaa-Moschee, in der der erste Teil der Trauerfeierlichkeiten stattfand. Als Fischers Flugzeug endlich gelandet war, mußte es sich mitsamt allen Insassen an Bord weiter gedulden. Aus dem Cockpit war zu hören: "Wir sind schätzungsweise die Nummer fünf oder sechs auf dem Weg zur VIP-Rampe." Kaum war das angekündigt, teilte die Fischer-Truppe mit, der erste Teil der Trauerfeier, also der Besuch in der Moschee und der Zug hinter Arafats Sarg her, sei schon zur Hälfte vorüber.

Kein Vorwurf

Für Fischer stand zu diesem Zeitpunkt fest: Wenn überhaupt, dann würde er sich noch in einem zweiten Teil der Feierlichkeiten in ein Kondolenzbuch eintragen können. Also eilige Fahrt zum vorgesehenen Flughafenportal. Doch dort verließ der iranische Außenminister Charrasi eben noch als einer der letzten Gäste das Gelände, und dann- siehe oben - schlossen sich die Pforten. Manche, die für den Tag nach Kairo geeilt waren, hatten es noch geschafft.

Solana war es gelungen, dem französischen Außenminister Barnier ebenso. Auch der türkische Ministerpräsident Erdogan stand verrichteter Dinge vor dem Tor. Schwedens Ministerpräsident Persson, der einzige Regierungschef aus einem EU-Land, hatte es auch nicht mehr rechtzeitig geschafft. Auf dem Rollfeld, nach dem unerfreulichen Kurzaufenthalt von knapp eineinhalb Stunden, wies Fischer nur auf die Schwierigkeiten hin, eine solch große Veranstaltung ad hoc zu organisieren, wollte niemandem einen Vorwurf machen und verneinte die Frage, ob alles jetzt einen "unwürdigen" Ausgang genommen habe.

Fischer hatte die meisten Kontakte zu Arafat

Von Anfang an war in Berlin klar gewesen, daß Außenminister Fischer und nicht Bundeskanzler Schröder nach Kairo fliegen würde. Auch die übrigen Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten hatten lediglich ihre Außenminister geschickt. In der kurzen Zeit der Vorbereitung hatte man sich in der EU auf diese Ebene geeinigt, die Teilnahme von Staats- oder Regierungschefs wurde als zu ranghoch angesehen, von der Ausnahme Schwedens einmal abgesehen. Amerika hatte sogar nur den Abteilungsleiter im Außenministerium, Burns, zur Trauerfeier geschickt.

Fischer hatte unter den deutschen Politikern mit die längsten und intensivsten Kontakte zu Arafat. Dreistellig ist die Zahl ihrer Begegnungen zwar nicht, aber doch sehr hoch. Erstmals war Fischer Arafat in jungen Jahren begegnet, 1969. Damals war er mit einer Delegation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu einem PLO-Kongreß nach Algerien geflogen. Auch Arafat nahm daran teil. Fischer wurde diese Reise viel später zum Problem. Als in der ersten Hälfte des Jahres 2000 seine militante Vergangenheit als Straßenkämpfer öffentlich aufgearbeitet wurde, hatte der Außenminister zunächst falsche Angaben über seine Nahost-Reisen gemacht. Er habe lediglich 1966 eine "völlig unpolitische Tramptour" durch den Nahen Osten gemacht. Anschließend sei er erst in den neunziger Jahren wieder in die Region, nach Israel, geflogen.

Wischnewski sieht Arafat eher positiv

Einer war am Freitag mit zum Kurzausflug nach Ägypten gekommen, der Arafat noch viel länger kennt, als es Fischer tut: Hans-Jürgen Wischnewski. Der so außerordentlich Nahost-erfahrene SPD-Politiker sagt, er kenne Arafat länger als alle anderen. Im Rückblick zeichnet er ein positives Bild von dem Palästinenserführer. So habe dieser bei der Entführung des Flugzeugs "Landshut" versucht, auf die Entführer einzuwirken.

Arafats Beziehungen zum irakischen Diktator Saddam Hussein habe er, Wischnewski, jedoch nicht gutgeheißen. Schwer, so sagt der Sozialdemokrat beim Anflug auf Kairo, sei es für ihn zu beurteilen, ob Arafat bei der Bekämpfung des Selbstmordterrorismus genug getan habe. Dennoch bezeichnet er sich als Freund des verstorbenen Palästinenserführers. Von dem hatte er Abschied nehmen wollen. Doch war auch Wischnewski das nicht vergönnt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2004, Nr. 266 / Seite 2

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