Bildungsstandards

"KMK auch in Zukunft unverzichtbar"

15. Oktober 2004 Für die Kultusminister aller 16 Länder ist die Koordinierung in Bildung, Wissenschaft und Kultur von zentraler Bedeutung. "Die Kultusministerkonferenz ist deshalb zur Wahrnehmung gesamtstaatlicher Verantwortung auch in Zukunft unverzichtbar. Die Kulturhoheit der Länder ist das Kernstück des Föderalismus", lauten die Kernaussagen eines Beschlusses, den auch Kultusminister Busemann (CDU) und Wissenschaftsminister Stratmann (CDU) aus Niedersachsen mitgetragen haben. Vor kurzem hatte der niedersächsische Ministerpräsident Wulff (CDU) die Verwaltungsvereinbarung über das Sekretariat der Kultusministerkonferenz gekündigt.

Es ist jedoch nicht mehr auszuschließen, daß Wulff seine Kündigung irgendwann zurücknimmt. In jedem Fall bewegt sich Niedersachsen wieder auf die Kultusministerkonferenz (KMK) zu, nachdem die übrigen 15 Länder damit gedroht hatten, untereinander eine neue Vereinbarung über die KMK ohne Niedersachsen zu treffen. "Niedersachsen bezweifelt weder die Kernaufgaben der KMK noch die Notwendigkeit ihrer Existenz", sagte die baden-württembergische Kultusministerin Schavan (CDU) in Orscholz. Ihre wichtigsten Aufgaben sieht die KMK in der Qualitätsentwicklung in Schule und Hochschule. Bis zu ihrer nächsten Sitzung im Dezember wollen die Kultusminister weitere Einsparungen im Sekretariat der KMK und bei den Gremien vorschlagen. Zehn Prozent der Stellen waren schon in einem ersten Schritt in den neunziger Jahren gestrichen worden, 30 Prozent der Gremien wurden bereits gekürzt. Eine Ministerarbeitsgruppe mit den beiden Koordinatoren der unionsregierten und sozialdemokratisch regierten Länder arbeitet seit einem Jahr an weiteren Reformschritten, die noch vor der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Dezember vorliegen sollen.

Vorsitz im "Rat für deutsche Rechtschreibung" offen

Beschlossen haben die Kultusminister auch den "Rat für deutsche Rechtschreibung", sofern die zuständigen Stellen der Bundesregierung sowie Österreichs und der Schweiz zustimmen. Der Rat tritt an die Stelle der aufgelösten Zwischenstaatlichen Kommission und soll seine Arbeit noch in diesem Jahr aufnehmen. Unklar ist noch, wer den Vorsitz des Rates übernehmen soll. Der Rat solle durch "ein hohes Maß an Pluralität gekennzeichnet sein", sagte die Präsidentin der KMK, die rheinland-pfälzische Kultusministerin Ahnen (SPD). Die Auswahl der vorgeschlagenen Institutionen zeige, wie wichtig es der KMK sei, möglichst viel Kompetenz und viele Sichtweisen einzubinden. Der Rat sei ein faires Angebot an die Kritiker, sich an der Weiterentwicklung der Rechtschreibung zu beteiligen. Die Kritiker verweisen unterdessen darauf, daß etwa die gegnerische "Forschungsgruppe Deutsche Sprache" nicht vorgeschlagen wurde, sondern genau die Institutionen im Rat zu finden sind, die auch schon im Beirat der Zwischenstaatlichen Kommission an der neuen Schreibung beteiligt waren.

Der neue Rat habe die Aufgabe, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu bewahren. Er werde die Entwicklung der Schreibpraxis beobachten und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthographischen Regelwerks im notwendigen Umfang weiterentwickeln. Entsprechend dem Beschluß der Ministerpräsidentenkonferenz erwarten die Kultusminister so rasche Vorschläge zu möglichen Änderungen für Getrennt- und Zusammenschreibung, Fremdwörter, Interpunktion und Trennung, daß die Reform mit diesen Änderungen zum 1. August 2005 in Kraft treten kann. Auch hält die KMK daran fest, daß die Reform mit dem Vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission mit den Änderungsvorschlägen in Kraft tritt. Dort hatte die Zwischenstaatliche Kommission aber selbst festgestellt, daß sich die Getrennt- und Zusammenschreibung nicht in Regeln fassen lasse. Deutschlehrer sehen dadurch ihre Arbeit erschwert.

Noch mehr Bildungsstandards

Nach den Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluß hat die KMK nun auch die Bildungsstandards für die Jahrgangsstufen vier und neun verabschiedet. Für Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) sollen vom Schuljahr 2005/2006 an in ganz Deutschland die gleichen Anforderungen gelten. Bisher sind die Bildungsstandards jedoch nicht mehr als verschlankte Lehrpläne der Länder. Die Normierung und Überprüfung soll das "Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen", das die KMK als "An-Institut" an der Humboldt-Universität in Berlin gegründet hat, übernehmen. Das Deutsche Institut für Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt soll die Federführung bei einem gemeinsamen Bildungsbericht übernehmen, der Anfang 2006 vorliegen soll.

Bis Dezember wollen die Kultusminister außerdem die ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor- und Master-Studiengängen um Regelungen für Lehramtsstudiengänge ergänzen, damit diese akkreditiert werden können. Bis dahin sollen auch Standards für die Bildungswissenschaften vorliegen. Der sogenannte Akkreditierungsrat soll künftig als Stiftung des öffentlichen Rechts arbeiten und die gesamte Verantwortung für alle Akkreditierungsverfahren übernehmen. Mit den Agenturen zur Akkreditierung soll eine rechtliche Vereinbarung geschlossen werden. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit hat die KMK eine Rahmenvereinbarung unterzeichnet, die eine genauere Beratung und Unterstützung der Schüler bei Abschluß, Studium und Beruf regelt.

Den Bachelor gleichgestellt

Verabschiedet wurde auch die hochschulrechtliche Gleichstellung von Bachelor-Abschlüssen an Berufsakademien mit Bachelor-Abschlüssen an Hochschulen. Die Voraussetzung für die Gleichstellung soll die erfolgreiche Akkreditierung des entsprechenden Ausbildungsgangs sein, wobei die Ausbildungsgänge zu modularisieren und mit ECTS-Punkten zu versehen seien, heißt es in dem Beschluß. Selbst die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hatte darauf hingewiesen, daß die Abschlußbezeichnung zu Verwechslungen führen kann. Zwar heißt es über den Bachelor an Berufsakademien: "Bei der Abschlußbezeichnung handelt es sich nicht um einen Hochschulgrad, sondern um eine staatliche Abschlußbezeichnung", doch öffnet die Bezeichnung Tür und Tor, den Bachelor immer mehr als staatliche Abschlußbezeichnung einzuführen und zu verwenden. Die Arbeitgeber befürchten, daß ein sogenannter "Bachelor professional" eingeführt werden könnte.

Der "Rat"

In dem neuen Gremium sind folgende Institutionen vertreten: Institut für Deutsche Sprache (zwei Sitze), Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (zwei Sitze), Duden-Verlag, Wissen Media Verlag/Bertelsmann Wörterbuch, Gesellschaft für deutsche Sprache, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, VdS Bildungsmedien, Deutscher Journalisten-Verband, Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Nachrichtenagenturen, Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, PEN-Zentrum Deutschland, Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband, Symposion Deutschdidaktik und die Lehrerverbände im DGB und im Deutschen Beamtenbund. Die Schweiz und Österreich entsenden jeweils neun weitere Mitglieder. (oll.)

Text: oll., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2004, Nr. 242 / Seite 4

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