Von Wolfgang Tiefensee
17. Juni 2008 In meinem Geburtsjahr 1955 war die Schockwelle, die der Aufstand in den Tagen um den 17. Juni 1953 in der jungen DDR hervorgerufen hatte, bereits abgeklungen. Auch wenn ich jene Tage nicht miterlebt habe, bin ich in die von den Juni-Ereignissen gezeichnete Gesellschaft hineingeboren worden. Still und starr war es im selbsternannten Arbeiter-und-Bauern-Staat, nachdem die SED-Führung mit Hilfe sowjetischer Panzer sowohl die Forderungen nach vernünftigen Normen und Löhnen als auch die nach Freiheit und Demokratie niedergeschlagen hatte.
In meiner Schule wurde eine andere, die offizielle Version der Geschehnisse vermittelt. Dort war die Rede von den Faulen, die die notwendigen Normerhöhungen zum Aufbau des Sozialismus nicht hatten akzeptieren wollen, instrumentalisiert für einen vom Westen gesteuerten, konterrevolutionären, faschistischen Putschversuch. Das stand im scharfen Gegensatz zu dem, was im Kreise der Familie und mancher Freunde erzählt und berichtet wurde. Diese Kluft zwischen Propaganda und Wirklichkeit wurde für mich zur prägenden Erfahrung mit einem System, das offensichtlich und unverfroren log und brutal gegen seine Kritiker vorging.
Rücksichtslose Demonstration von Stärke
So setzte dieses System auch am Ende jenes Frühlings, in dem die Menschen in Prag von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz nicht nur zu träumen, sondern auch zu sprechen wagten, auf die rücksichtslose Demonstration von Stärke. Und auch allein um Stärke zu zeigen, sprengten die Machthaber am 30. Mai 1968 die Leipziger Paulinerkirche vor den Augen der entsetzten Bürger. Niemals werde ich diesen Tag vergessen: Um 9.58 Uhr war bis in mein Klassenzimmer hinein ein dumpfer Knall zu hören. Nur einen Tag später rollten sowjetische Panzer zu Stabsmanövern in Richtung Prag.
All dies legte sich wie ein dunkler Schatten über unsere Gesellschaft und stand in krassem Widerspruch zu den großen Traditionen meiner Heimatstadt Leipzig als Zentrum von Internationalität und Weltkultur. 700 Kilo Sprengstoff wurden eingesetzt, um eine Kirche auszumerzen. Aber vernichtet wurde allein das Gebäude und nicht das, was Kirche eigentlich ausmacht: der Glauben und die Hoffnung, die im Herbst des Jahres 1989 ihren sichtbarsten Ausdruck in Kerzen und Gebeten fanden.
Ins Absurde perfektionierte Überwachungssystem
Weder Sprengstoff noch Panzer vermochten auf Dauer ein System zu stabilisieren, zu dessen Wesenszügen die Lüge gehörte. Die Propaganda der Partei und die von ihr vorgeführte Stärke, die von den Staatsorganen ausgeübte Brutalität und das bis ins Absurde perfektionierte Überwachungssystem der Staatssicherheit trugen entscheidend zur Entstehung ihrer Opposition und damit zu ihrem eigenen Untergang bei.
So hatten sich die Parteiführer in Wandlitz die Dialektik der Geschichte nicht vorgestellt. Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange hat diese Zusammenhänge so beschrieben: Als die Paulinerkirche stürzte und der Staub sich verzog, wurde hinter ihr der Turm von St. Nikolai sichtbar. 21 Jahre später waren die Friedensgebete in der Nikolaikirche der entscheidende Ausgangspunkt für die friedliche Revolution. So auch am 9. Oktober, dem Tag von Leipzig, als mit den Rufen Wir sind das Volk! und Keine Gewalt! ein Sieg über das Regime errungen wurde, was letztlich mit zum Fall der Mauer führte.
Der Anfang vom Ende der Diktatur
Aus heutiger Sicht war der 17. Juni 1953 zwar der Anfang vom Ende der Diktatur, aber auch der Beginn einer mir unglaublich lang erscheinenden Zeit der Starre und der Lähmung. Es war das Leben in einem Käfig - kommod, aber eben in einem Käfig. Heute ist kaum noch zu vermitteln, wie es war, in einem Staat zu leben, in dem sich nichts mehr bewegte, bewegen durfte.
Von Ulrike Poppe stammt das gute Wort, dass nur der die Fesseln spürt, der sich bewegt. Das ist am 17. Juni 1953 passiert. Es mussten lange Jahre vergehen, bis der Mut und die Kraft der Menschen wieder groß genug waren, um diese Fesseln endgültig abzustreifen. Drei Tage markieren so im Nachhinein das lange Ende der kommunistischen Diktatur in meiner Heimatstadt Leipzig: der 17. Juni 1953, der 30. Mai 1968 und schließlich der 9. Oktober 1989.
Der Verfasser ist Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, AP , dpa