Von Hans Christoph Buch
11. Dezember 2005 Stellen Sie sich vor, Sie sind soeben in Santiago gelandet, und der Bus setzt Sie - wie man heute so sagt - in the middle of nowhere ab: Links verschneite Andengipfel, von der Mittagssonne zum Greifen nahe gerückt, rechts das Valle Central, menschenleeres Acker- und Weideland, durch das Busse und Lastwagen donnern, ohne auf die rudernden Arme zu achten, mit denen Sie vergeblich auf sich aufmerksam zu machen versuchen. Irgendwann erscheint ein Gaucho, der in Chile Huaso heißt, und weist Ihnen den Weg nach Melipilla, einer Kleinstadt, wo die Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet eine Wahlrede halten soll.
Die Plaza de Armas ist mit Luftballons und Fahnen geschmückt, eine Folkloregruppe führt aus der Kolonialzeit stammende Tänze vor, und auf der Ehrentribüne schwitzen die Honoratioren der Stadt. Sprechchöre sind zu hören, vergessen geglaubte Slogans aus der Zeit von Allendes Unidad Popular, und Mütter halten ihre Kinder hoch, als Chiles Hoffnungsträgerin aus einem Landrover mit dunkel getönten Scheiben steigt, von jubelnden Anhängern, Fernseh- und Radioreportern fast erdrückt. Im Gedränge rufe ich ihr zu, ob sie sich Angela Merkel nahe fühle, und die Antwort kommt postwendend: Como no, warum nicht?
Gleiche Haarfarbe und Frisur wie Merkel
Michelle Bachelet sieht nicht nur aus wie die deutsche Kanzlerin - fast dasselbe Alter, die gleiche Haarfarbe und Frisur -, sie ist die Angela Merkel Chiles: Sie kandidiert für ein Bündnis von christlichen Demokraten und Sozialdemokraten, genannt Concertacion, und hat gute Chancen, die heutige Wahl zu gewinnen und nach der Stichwahl im Januar Lateinamerikas erste Staatspräsidentin zu werden - seit Isabelita Peron. Die Parallele zu Angela Merkel reicht weiter: Nach Pinochets Putsch gelangte sie auf dem Umweg über Australien in die DDR, wo sie erst in Potsdam, später in Leipzig Deutsch lernte, einen Chilenen heiratete, ihr erstes Kind bekam und an der Berliner Humboldt-Universität Medizin studierte.
Michelle Bachelets Mutter Angela war damals in Exilkreisen bekannter als die Tochter, nachdem ihr Mann Alberto, Armeegeneral und loyaler Gefolgsmann von Präsident Allende, unter der Folter gestorben war. Mutter und Tochter waren ebenfalls vorübergehend in einem Geheimgefängnis des Pinochet-Regimes inhaftiert, bevor sie Anfang 1975 nach Intervention eines befreundeten Generals ausreisen durften. Michelle Bachelet spricht nicht öffentlich darüber, was damals in der Villa Grimaldi, dem Folterzentrum des chilenischen Geheimdiensts Dina, geschah. Bekannt ist nur, daß sie, als die Augenbinde verrutschte, ihren Peiniger zu Gesicht bekam, den sie an seinem Körpergeruch identifizierte, als sie ihn Jahre später im Verteidigungsministerium wiedersah.
Verlobter erwies sich als Doppelagent
Auch ihr Leben in der DDR, wo sie vier Jahre zubrachte, bleibt in Dunkel gehüllt, weil ihr dort nach dem Tod des Vaters ein zweites Trauma widerfuhr: Ihr Verlobter Jaime Lopez, als Kurier der sozialistischen Partei nach Ost-Berlin entsandt, erwies sich als Doppelagent, der von der Dina umgedreht worden war und nach der Rückkehr in Chile spurlos verschwand - sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Nur soviel ist sicher: Obwohl eigentlich Sozialistin, sympathisierte Michelle Bachelet mit der chilenischen KP wegen deren harter Linie gegen das Pinochet-Regime und blieb mit Mann und Kind in der DDR, während ihre Mutter nach Washington übersiedelte, um Lobbyarbeit für Chiles Rückkehr zur Demokratie zu betreiben.
Politisch und psychologisch ist es nur zu verständlich, daß Michelle Bachelet, um ihren ultrarechten Feinden keine Munition zu liefern, die Vergangenheit ruhen läßt. Aber ihre Zurückhaltung hat einen tieferen Grund - als Präsidentin müßte sie den Riß kitten, der Chiles Gesellschaft in feindliche Lager teilt, um die durch Pinochets Putsch geschlagene Wunde zu heilen, die stets aufs neue aufzubrechen droht. Die Rede ist von mehr als 3.000 Ermordeten und/oder spurlos Verschwundenen, eine schwere Hypothek für ein kleines, vergleichsweise friedliches Land.
Als Ärztin Kinder von Gefolterten betreut
Groß geworden im Umkreis von Offizierskasinos und Kasernen, kehrte Michelle Bachelet 1979 aus dem Exil zurück und betreute als Ärztin die Kinder von Gefolterten und Ermordeten, bevor sie am Inter-American Defense College in Washington Militärstrategie studierte und vom Gesundheits- ins Verteidigungsressort wechselte. Das Ergebnis dieser Karriere gleicht der Quadratur des Kreises: Chiles Verteidigungsministerin, eine Ex-Aktivistin von Salvador Allendes sozialistischer Partei, genießt das volle Vertrauen der Streitkräfte, die nicht nur durch Pinochets Putsch belastet, sondern traditionell eine Männerdomäne sind.
Einmal faschistisch, immer faschistisch - so lautet das wie ein Mantra vorgetragene Motto einer linken Ideologie, die Chile, aber auch Deutschland in die rechte Ecke stellt und zu Geiseln ihrer unbegriffenen Geschichte erklärt. Abgesehen davon, daß Argentiniens Militärs zehnmal soviel Menschen ermordeten, aber nicht an den Pranger gestellt wurden, weil sie der Sowjetunion Weizen lieferten, ignoriert, wer so argumentiert, den friedlichen Übergang zur Demokratie, den Chile seit Ende der Pinochet-Diktatur vollzog - begleitet, wie einst in der Bundesrepublik, von einem erstaunlichen Wirtschaftsboom. Anders als die Nachbarstaaten hat Chile kein Defizit, erwirtschaftet Überschüsse und schloß Freihandelsabkommen ab mit China, den Vereinigten Staaten und der EU, die dem Land nie dagewesenen Wohlstand bescherten - daß davon nicht alle Volksschichten gleichermaßen profitieren, steht auf einem anderen Blatt.
Politische Gegnerschaft gespalten
Michelle Bachelets Gegner machen es ihr leicht. Die rechtskonservative Allianz ist gespalten und tritt mit rivalisierenden Kandidaten an: Santiagos Ex-Bürgermeister Joaquin Lavin ist belastet durch seine Nähe zu Pinochet, dem er als Wirtschaftsberater diente - aus Solidarität war er gar dem in London unter Hausarrest gestellten General nachgereist. Populistische Maßnahmen wie künstlicher Schnee für die Armenviertel, um deren Bewohnern das Skilaufen zu ermöglichen, oder das Aufschütten eines Strands in der Innenstadt haben seinem Image eher geschadet als genutzt.
Lavins Gegenspieler Sebastian Pinera studierte in Harvard und stieg schnell zu einem der reichsten Männer Chiles auf, dem die Aktienmehrheit der Fluggesellschaft Lan-Chile gehört. Obwohl er beim Referendum 1988, anders als Lavin, gegen Pinochet stimmte, wirft man Pinera vor, er vermenge Politik und Geschäft auf undurchsichtige Weise und manipuliere, wie Berlusconi, mit privaten Fernsehkanälen die öffentliche Meinung. Tomas Hirsch, Kandidat der Postkommunisten und Grünen, die hierzulande Humanisten heißen, ist keine Gefahr für Michelle Bachelet, könnte aber im möglichen zweiten Wahlgang zum Zünglein an der Waage werden: Der ehemalige Botschafter in Neuseeland ist bei Studenten und Intellektuellen beliebt und hat die von anderen vernachlässigten Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Ökologie besetzt.
Verglichen mit Kolumbien oder Haiti, wo Wahlkämpfe von Brandanschlägen und Entführungen überschattet sind, geht es in Chile höchst gesittet zu. Der Streit um die politische Mitte wird sachlich und fair ausgetragen, und die Tatsache, daß Michelle Bachelet nicht zur Messe geht, geschieden ist und Kinder von mehreren Männern hat, wird nirgendwo thematisiert - keine Selbstverständlichkeit in einem katholischen Land, dessen Elite dem Opus Dei nahesteht. Einziger Mißton sind bezahlte Demonstranten, die Kreuzungen blockieren und Plakate der Gegenpartei von den Wänden reißen. Nach Allendes Volksfront und Pinochets Militärdiktatur hat die Mehrheit radikale Experimente satt und ist wie die Mitteleuropäer um die Erhaltung ihres Wohlstands, die Ausbildung ihrer Kinder, Gesundheit und Renten besorgt.
Bachelets Hauptfeind ist die eigene sozialistische Partei
Nicht das Blut, das er vergossen, sondern das Geld, das er veruntreut hat, brach Pinochet das Genick, sagt Carlos Huneeus, Chiles ehemaliger Botschafter in Bonn und heute Leiter eines chilenischen Meinungsforschungsinstituts, und legt eine Umfrage vor, wonach Pinochets Popularität nun von 27 auf 14 Prozent gesunken ist - der tiefste Wert seit 1987. Mein Bruder war für den Putsch. Aber als er hörte, daß Pinochet am Fiskus vorbei 25 Millionen Dollar auf Geheimkonten in Washington deponierte, zweifelte er zum ersten Mal an seinem Idol. Die Rückkehr zur Diktatur sei unmöglich, fügt der Politikwissenschaftler hinzu, der meint, Michelle Bachelets Hauptfeind sei deren eigene sozialistische Partei - genauer gesagt, der amtierende Präsident, dessen Beliebtheit alle Rekorde schlägt. Michelle tut sich schwer, aus dem Schatten von Lagos herauszutreten. Aber Chile ist auf einem guten Weg, und Demagogen wie Chavez in Venezuela haben hierzulande keine Chance.
Jorge Edwards, ein Schriftsteller, sieht das anders. Den Chilenen gehe es besser denn je, selbst die Armen hätten vom Boom profitiert, meint der Träger des Cervantes-Preises. Aber das jüngste Schiffsunglück auf dem Maihue-See spreche eine andere Sprache: Dort gab es weder Rettungsboote noch Schwimmwesten, und die Opfer waren Kinder des Mapuche-Volks, für das die Regierung nichts tut. Chile ist ein rassistisches Land mit einer zur Selbstzufriedenheit neigenden, saturierten Oberschicht. Wir leben auf einer Wohlstandsinsel, aber ethnische und soziale Konflikte gibt es auch hier!
Zurück nach Melipilla, wo Michelle Bachelet auf der Plaza de Armas ein Bad in der Menge nimmt, das sie, anders als Angela Merkel, zu genießen scheint. Man überreicht ihr Briefe und Blumensträuße. Dann hebt sie Kinder hoch und liebkost sie, während Fans und Verehrer ihr Haar und ihr Kleid betasten, als wäre sie eine Heilige. Michelle Bachelet ist eine gute Rednerin: Sie verspricht Schulen und Kindergärten, Schutz vor sexueller Gewalt und Betreuung von Behinderten, Förderung von Frauen und Kleinunternehmern, lobt den Konkurrenzkampf und kritisiert den Freihandel mit China. Daß alles zusammen nicht geht, behält sie für sich, während sie unter tosendem Beifall in einen Apfel beißt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.12.2005, Nr. 49 / Seite 12
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