Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
18. Oktober 2007 Als die Vollzugsbeamten in Stuttgart-Stammheim am Morgen des 18. Oktober 1977 den toten Andreas Baader, die erhängte Gudrun Ensslin fanden, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller gerade ins Krankenhaus gebracht wurden, saß Horst Bubeck in seinem Dienstzimmer im Erdgeschoss. Er telefonierte – mit dem Bundeskriminalamt, der Staatsanwaltschaft und dem Kanzleramt in Bonn.
Das waren mindestens 35 Gespräche, die ich an diesem Morgen zu führen hatte.“ Bubeck ging nicht zum Aufzug, fuhr nicht in den siebten Stock des Gefängnisses. Ich habe die Toten nur aus 15 Meter Entfernung gesehen“, erinnert er sich heute. Bubeck kannte die Gefangenen seit ihrer Inhaftierung in Stammheim 1974. Arschloch“, Wichser“, Schwein“ – das waren die Schimpfwörter, die Bubeck und die anderen Vollzugsbeamten täglich zu hören bekamen. Vor allem von Andreas Baader.
Irritierende Radikalität der Terroristen
Irgendwann am Morgen des 18. Oktober, erinnert sich Bubeck, habe ihn dann ein Bekannter der Familie Möller angerufen. Können Sie einen katholischen Geistlichen zu Frau Möller in die Klinik in Tübingen schicken?“, fragte der Anrufer. Bubeck gelang es, in der Hektik einen Priester aufzutreiben. Als Irmgard Möller wieder in die Haftanstalt zurückkam – sie hatte sich mit einem Anstaltsmesser verletzt und überlebte als einzige der Vierergruppe –, sprach der Vollzugsbeamte sie an: Frau Möller, den Geistlichen habe ich auf Wunsch Ihrer Mutter in die Klinik geschickt“, sagte Bubeck der RAF-Terroristin. Die freundliche Anmerkung Bubecks quittierte die Gefangene mit eisernem Schweigen.
Die Radikalität, die Verbohrtheit, die Unzugänglichkeit der Terroristen, irritieren Horst Bubeck immer noch. Heute sitzt er, seit 1991 pensioniert, im siebten Stock eines Hochhauses im Stuttgarter Norden, schaut auf den Max-Eyth-See und ärgert sich noch immer darüber, wie manche Künstler und einige Medien die RAF ästhetisieren und zum Beispiel das Wortspiel Prada-Meinhof“ lustig finden. Die Legenden vom staatlichen Mord und von der Isolationsfolter haben der zweiten und dritten Terroristengeneration sehr geholfen“, sagt Bubeck. Auch der Staat sei diesen Meinungen nicht energisch genug entgegengetreten.
Komfortable Haftbedingungen
Bis zum Tag der Schleyer-Entführung, dem 5. September 1977, genossen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller im siebten Stock von Stammheim Haftbedingungen, wie es sie zuvor in keiner deutschen Justizvollzugsanstalt gegeben hat. 16 Tageszeitungen bezogen die Terroristen, die Bibliothek umfasste mindestens 300 Bücher, Andreas Baader hatte sogar einen Plattenspieler, ein Radio und einen Fernseher in seiner Zelle.
Bubeck kannte auch die Haftbedingungen in Köln und Essen, wo die weiblichen Stammheim-Häftlinge zuvor eingesessen hatten. Diese Haftanstalten habe ich gesehen, dort waren die Häftlinge isoliert, so sollte man Gefangene nicht unterbringen“, sagt Bubeck. Der frühere Direktor der Haftanstalt, Hans Nusser, sprach einmal davon, das im siebten Stock in Stammheim der Braintrust eines Verbrechersyndikats“ habe weiterarbeiten können – nur eben effizienter und besser als in der Freiheit“.
Es war chic, Baader zu behandeln
In Stammheim verbesserten sich die Haftbedingungen dank einer teilnahmsvollen Sympathisantenszene zusehends. Mit Spenden aus der Unterstützerszene ließen sich Lebensmittel aus dem Feinkostladen bezahlen. Dass die Weintrauben aus dem damaligen Apartheidstaat Südafrika stammten, hat die Terroristen nicht gestört. Das Gericht ließ all das zu, weil man Kritik an der Behandlung der Terroristen, die sich zu politischen Gefangenen“ stilisierten, von vornherein abwehren wollte. Zwar gab es auch den aufgebrachten Mob, der vor den Toren Stammheims die Todesstrafe forderte, doch diejenigen, denen der Staat in diesen Jahren zu mächtig vorkam, waren in der Mehrheit.
Ein normaler Gefangener durfte in der Woche 15 Minuten duschen, die RAF-Leute konnten jeden Tag eine halbe Stunde ins Bad, das war in medizinischen Gutachten empfohlen worden und war gerichtlich angeordnet“, sagt Bubeck. Einige prominente Stuttgarter Ärzte fanden es chic, Andreas Baader zu behandeln. Wie sehr der Gesellschaft die Maßstäbe bei der Beurteilung von Gut und Böse abhanden gekommen waren, lässt sich an vielen Kleinigkeiten ablesen: Bubeck bekam zum Beispiel irgendwann eine Einladung von der Universität Freiburg, in einem Seminar mit dem Titel Folter im Mittelalter“ über die Haftbedingungen in Stammheim zu sprechen. Bubeck sagte zu.
Verhärtete Fronten zwischen Wärtern und Gefangenen
Die Begegnungen mit den Terroristen boten hinreichend Erzählstoff für kleine Imponiergeschichten auf dem Tennisplatz. Ein Zahnarzt erzählte Baader von seinem Wochenendflug nach Sylt, worauf der Gefangene antwortete: Der muss nicht wieder kommen.“ Ein anderer Mediziner fuhr lieber mit der Ente seines Sohnes als mit dem eigenen Mercedes vor, um den Terroristen nicht missgünstig zu stimmen. Bubeck kann aus dem Haftalltag viele Anekdoten erzählen.
Die Fronten zwischen Justizvollzugsbeamten und Gefangenen waren verhärtet, nur ganz selten wichen die Terroristen davon ab, ihre Bewacher mit aggressiver Missachtung zu strafen. Im Umgang mit normalen Gefangenen war es für die Justizvollzugsbeamten üblich, zum Beispiel über das letzte VfB-Spiel oder das Wetter zu sprechen, mit den RAF-Gefangenen gelang das nie. Der einzige, mit dem man manchmal reden konnte, war Raspe, aber zu einem Gespräch über Hobbys hat es auch mit ihm nie gereicht“, sagt Bubeck.
Baader war nicht sehr intelligent
In den Hungerstreik traten die Terroristen zwischen 1973 und 1977 fünf Mal. Helmut Schalk, heute 77 Jahre alt, arbeitete damals als Vollzugspfleger auf dem Hohenasperg. Als die Terroristen mit der Magensonde zwangsernährt werden mussten, fiel die Wahl des Anstaltsarztes auf Schalk. Zweimal am Tag, morgens um 10 Uhr und mittags um 14 Uhr, fuhr Schalk vom Hohenasperg nach Stammheim: Er legte die Magensonden, zwei Beamte mussten den Kopf der gefesselten Terroristen halten. Frau Ensslin hat mich mal angespuckt, da habe ich gesagt: ,Das machen Sie mit mir nicht noch einmal, ich kann mich wehren‘“, erzählt Schalk.
Baader sei nicht sehr intelligent“ gewesen, die meisten Bücher, die er sich in die Zelle liefern ließ, seien auch nach Wochen noch Plastik verpackt gewesen. Er war aber so eine Art Puppenspieler, die Ensslin und die Möller haben ihm gehorcht.“ Schalk war sich seiner Verantwortung bewusst, er hatte in guter Erinnerung, welche Solidarisierungseffekte der Tod von Holger Meins hervorgerufen hatte. Wenn jemand gestorben wäre, hätte es eine große Unruhe in Baden-Württemberg gegeben, es gab zahlreiche Sympathisanten, und den gesellschaftlichen Konflikt musste man doch vermeiden.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, picture-alliance/ dpa
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