Wahlen in Kongo

„Wir sind das Volk“

Von Thomas Scheen, Kinshasa

31. Juli 2006 Sein bestes Hemd hat er angezogen für diesen denkwürdigen Tag, die Schuhe auf Hochglanz poliert und sogar den Saum seiner verschlissenen Hose neu genäht. Seit sechs Uhr morgens hat Sylvain Kinunga geduldig auf den Einlaß in das Wahllokal von Thsobo gewartet, hat geschwitzt und der Durst unter der prallen Sonne hat ihm zugesetzt. Und nun das.

„Du bist im falschen Wahlbüro“, sagt ihm der Polizist am Eingang und blickt auf einen kleinen Zettel, den er in der hohlen Hand hält. 1665 bis 1690 stehen darauf, die Nummern der Wahllokale, deren Tor er hütet. Sylvain soll laut seiner Wählerkarte im Büro mit der seltsamen Nummer 0000 wählen. Das aber ist nicht zu finden. „Natürlich ist das hier mein Wahlbüro“, insistiert Sylvain. „Nein, ist es nicht“, sagt der Polizist. „Du spinnst“, entgegnet Sylvain. „Ich spinne nicht, Monsieur, und außerdem verrichte ich hier eine wichtige Arbeit“, empört sich der Polizist, dem längst der Schweiß aus dem Helm läuft. „Ich will hier rein“, brüllt daraufhin Sylvain und schiebt seinen dicken Bauch entschlossen in Richtung Eingang.

Ein-Mann-Sitzblockade vor dem Eingang

Doch im Innern das gleiche Spiel: „Es tut uns sehr leid, aber sie können hier nicht wählen“, sagt der Leiter des Wahlbüros, der sich diese Panne auch nicht erklären kann. „Vielleicht ein Computerfehler“, stottert er. Da erblickt Sylvain fünf oder sechs Gestalten in himmelblauen T-Shirts; Wahlbeobachter der amerikanischen Carter-Stiftung. „He, le Blanc, du mußt mir helfen“, schießt Sylvain auf den ersten Ami zu. Der versteht kein Französisch. Sylvain redet und gestikuliert, wedelt mit seiner Wählerkarte, zeigt auf den Büroleiter, als sei der Schuld an seinem drohenden Herzinfarkt, und vor lauter Aufregung fängt er sogar an, dem Amerikaner mit dem Zeigefinger auf die Brust zu tippen. Der lächelt tapfer und verdrückt sich bald. „Ich gehe hier nicht weg, bevor ich nicht gewählt habe“, sagt Sylvain trotzig, angelt sich einen Stuhl und mutiert zur Ein-Mann-Sitzblockade vor dem Eingang zum Wahlleiterbüro. „Mein Herr, das geht so aber nicht“, protestiert dieser, doch Sylvain gibt sich renitent: „Laß' mich wählen, dann bist du mich los“.

Mehr als 25 Millionen Kongolesen waren am Sonntag aufgefordert, in freien und geheimen Wahlen einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament zu wählen. Es waren die ersten Wahlen in diesem geschundenen Land seit mehr als 40 Jahren. Und die Wähler kamen in Massen: Seit den frühen Morgenstunden hatten sich überall im Land lange Schlangen vor den mehr als 50.000 Wahlbüros gebildet, von umfunktionierten Schulen in der Metropole Kinshasa bis hin zu Strohhütten im Dschungel von Equateur. Und allen Unkenrufe zum Trotz verlief diese zu Recht als historisch bezeichnete Wahl friedlich, geordnet und bis auf kleinere Zwischenfälle in Kasai problemlos.

Na ja, fast problemlos. Der Büroleiter von Tshobo telefoniert sich die Finger wund auf der Suche nach dem Wahllokal mit den vier Nullen. Sylvain läßt ihn nicht aus den Augen. Um die beiden herum geht das Wählen weiter. Frauen in bunten Kleidern, alte Männer, gestützt auf Stöcke, und junge Burschen mit verspiegelten Sonnenbrillen füllen die plakatgroßen Wahlzettel für die Parlamentswahl aus sowie die orang-weiß gestreiften für die Präsidentschaftswahl. Sylvain trommelt nervös mit den Fingern auf der Stuhllehne. „Wird das noch etwas heute?“ fragt er unfreundlich.

„Das ist doch kein Basar hier“

Dabei hat der Büroleiter mittlerweile ganz andere Sorgen. Die sechs Seiten starken Wahlzettel für die Parlamentswahl lösen sich nämlich auf. Besser gesagt: Die nur mit einer Heftklammer zusammengehalten Seiten fallen auseinander, wenn sie nicht wie rohe Eier behandelt werden. Gerade hat die Wahlzentrale angerufen und den Büroleiter angewiesen, zerfallene Wahlzettel für ungültig zu erklären. „Das ist doch Unsinn, die kann man doch wieder zusammenheften“, sagt er. Nur: Er hat keinen Hefter. Sylvain grinst verschmitzt. „Ich habe so ein Ding zu Hause, fünf Minuten von hier“, sagt er und dabei wird sein Grinsen immer breiter. „Das ist doch kein Basar hier“, empört sich der Büroleiter. „Bon, dann eben keinen Hefter“, sagt Sylvain. Jetzt steht der Büroleiter kurz vor der Explosion.

Schließlich kommt der erlösende Anruf aus der Wahlzentrale. Das Wahlbüro mit der Nummer 0000 sei eines ohne lokale Zuordnung, also eine Art Wähler-Passe-partout. Und selbstverständlich könne Sylvain im Büro Nummer 1665 wählen, säuselt die Stimme aus dem Hörer, schließlich verfüge er über eine ordnungsgemäße Wählerkarte. „Wenn das so ist“, murmelt der Büroleiter wischt sich erleichtert den Schweiß von der Stirn. „Siehst du“, triumphiert der dicke Sylvain, „wir sind das Volk“.



Text: F.A.Z., 01.08.2006, Nr. 176 / Seite 1
Bildmaterial: dpa

 
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