12. August 2005 Im Wahlkampf ist in Bayern immer Aschermittwoch. Da herrscht in der CSU, aber auch in der Stiegler-SPD durchgängig der rhetorische Ausnahmezustand, das gehört zur Brauchtumspflege.
Lautes Granteln über die anderen Stämme, die man mitschleppen müsse, weil sie halt keine so schlauen Wähler und keine so gute Regierung hätten, findet meistens Zustimmung - nur in Franken nicht, denn da gibt es auch viele, Stoiber würde sagen: Frustrierte. Aus Münchner Sicht aber hat er alles richtig gemacht im Bierzelt. Nur wird die Bundestagswahl, so sie kommt, nicht allein im Allgäu entschieden.
Was für ein Doppelschlag!
Im deutschen Osten aber ist der Kollateralschaden groß. Dort hat Stoiber die Urteile bestätigt, die über ihn und die CSU im Umlauf sind. Chapeau!, müßte man sagen, wenn es der Union in den vergangenen Wochen darum gegangen wäre, ihren Stimmenanteil in den neuen Bundesländern zu minimieren. Erst Schönbohm, jetzt Stoiber - was für ein Doppelschlag!
Sollte das am Ende ein strategischer Schachzug zur Mobilisierung des lahmenden westdeutschen Wählerpotentials gewesen sein, nach der Devise, im Osten könne man nach dem Aufschwung der Linkspartei die Wahl sowieso nicht mehr gewinnen? Doch auf diese Idee wäre wahrscheinlich nicht einmal Söder gekommen.
Der aufrichtige Schönbohm hatte wohl das Pech, daß ihm in seiner Erschütterung über die unbemerkte neunfache Kindstötung ein Mikrofon vor die Nase gehalten wurde. Und Stoiber ließ sich schon früher gerne vom eigenen Redefluß zu Formulierungen tragen, von denen er annehmen konnte, daß sie bei seinem jeweiligen Publikum ankommen.
Am bayerischen Wesen genesen?
Die Umdeutungsversuche aus München sind nicht nur deswegen so wirkungslos, weil nur wenige der höheren CSU-Dialektik folgen wollen. Angesichts Stoibers jüngster Darbietungen - Hochlegen der Meßlatte für das Wahlergebnis, Vorpreschen beim Namennennen für das Kompetenzteam, beharrliches Bedeckthalten der eigenen Absichten - könnten Böswillige zu dem Schluß kommen, hier arbeite ein weiterer Frustrierter mehr gegen als für Angela Merkel.
Das bestritte die CSU freilich mit Recht. Denn sie arbeitet immer zuerst für ihre eigene Macht; schließlich könnte Deutschland nach CSU-Lesart nur am bayerischen Wesen genesen. Doch wer Kanzler wird, das entscheiden die Ostdeutschen nicht weniger als die Bayern, ob es Stoiber gefällt oder nicht.
Text: bko./Frankfurter Allgemeine Zeitung
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