09. Februar 2008 Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) haben angesichts heftiger türkischer Reaktionen nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen für verstärkte Integrationsbemühungen geworben.
Skeptisch reagierte Merkel am Freitag in Berlin aber auf einen Vorschlag Erdogans zur Entsendung türkischer Lehrer nach Deutschland. Der Ministerpräsident hatte in einer Diskussionsrunde mit deutschen und türkischstämmigen Schülern im Kanzleramt vorgeschlagen, in Deutschland Gymnasien zu gründen, in denen in türkischer Sprache unterrichtet wird.
Die Türkei sei bereit, für Bildungseinrichtungen in Deutschland eigens geschultes türkisches Lehrpersonal zur Verfügung zu stellen. Es wäre ein Fehler, dies zu verhindern, sagte der Regierungschef. Er verwies darauf, dass es in der Türkei deutsche Schulen gebe, in denen in deutscher Sprache unterrichtet werde.
Der Schlüssel zur Integration
Merkel sagte, die Arbeit türkischer Lehrer an deutschen Schulen stelle sie sich schwierig vor. Etwas anderes sei der Einsatz von Sozialpädagogen, die sich speziell um Migrantenkinder kümmern könnten. Sie tue sich schwer mit der Entsendung türkischer Lehrer nach Deutschland. Allerdings befürwortete Merkel den verstärkten Einsatz von Lehrern mit türkischem Migrationshintergrund.
Andere Politiker von CDU und SPD lehnten Erdogans Vorschlag in der Berliner Zeitung BZ vom Samstag mit deutlichen Worten ab. SPD-Fraktionsvize Fritz Rudolf Körper sagte: Wir brauchen den Lehrstuhl für Islamwissenschaften im Rahmen der deutschen Hochschulordnung. Aber wir brauchen keine Schulen und Hochschulen des türkischen Staates in Deutschland. Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) erklärte: Die deutsche Sprache ist und bleibt der Schlüssel zur Integration.
Auch der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, äußerte sich ablehnend: Wer an einer türkischen Hochschule studieren will, kann dies in einer der 115 Universitäten in der Türkei tun. Deutschland besitze hervorragende Hochschulen, es sei höchste Zeit, dass mehr türkische Jugendliche hier ein Studium aufnehmen, sagte er der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom Samstag.
Genügend Studienmöglichkeiten für Türkischlehrer
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschland, Kenan Kolat, sagte dem Hamburger Abendblatt : Es ist sinnvoll, an deutschen Schulen mehr Angebote für türkisch zu schaffen. Türkisch muss an deutschen Schulen den Stellenwert von Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Französisch bekommen. Anders als Erdogan forderte er aber, die Lehrer nicht aus der Türkei zu holen, sondern in Deutschland auszubilden. Türkische Lehrer sind für türkische Kinder in der Türkei ausgebildet. Sie kennen die Situation hier nicht. In Deutschland gibt es genügend Studienmöglichkeiten für Türkischlehrer.
Erdogan sagte in der von Merkel moderierten Diskussionsrunde: In Deutschland sollten Gymnasien gegründet werden können, die in türkischer Sprache unterrichten, und die Bundesregierung sollte darin kein Problem sehen. Er kündigte an, dass in Istanbul eine deutsche Universität gegründet werden solle. Im Gegenzug könne in Deutschland eine türkische Universität etabliert werden.
Ja zur Integration - Nein zur Assimilation
Aus der Internetseite des Auswärtigen Amtes geht hervor, dass das Erziehungsministerium in Ankara türkische Lehrer bereits entsendet, die türkischen Kindern an Schulen in Deutschland muttersprachlichen Unterricht erteilen. Durchschnittlich halten sich dazu 550 Lehrer in Deutschland auf. Im September 2006 riefen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und sein damaliger türkischer Amtskollege Abdullah Gül in Istanbul die Ernst Reuter Initiative für den interkulturellen Dialog ins Leben. Wichtigstes Vorhaben ist die Gründung einer deutsch-türkischen Universität bei Istanbul.
Merkel wie Erdogan betonten die Bedeutung guter Sprachkenntnisse für die Integration. Es komme darauf an, dass die Schüler ihre Lehrer verstünden. Ungeachtet der Diskussion über bessere Bildungschancen sagte Erdogan: Ja zur Integration - Nein zur Assimilation.
Text: FAZ.NET mit dpa
Bildmaterial: AP
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