CDU-Spitzenkandidatur in Berlin

Friedbert Pflüger: Der Ichwillige

Von Eckart Lohse, Berlin

Pflüger: Mit Berlin hatte er bisher nicht viel zu tun

Pflüger: Mit Berlin hatte er bisher nicht viel zu tun

23. Januar 2006 Der Berliner CDU-Landesvorstand hat Friedbert Pflüger am Montag einstimmig als Spitzenkandidat der Partei für die Abgeordnetenhauswahl am 17. September akzeptiert. Der Verteidigungs-Staatssekretär und stellvertretenden niedersächsische CDU-Vorsitzende soll nun auf einem Landesparteitag Ende März oder Anfang April offiziell nominiert werden.

Am Montag vormittag hatten auch die zwölf Kreisvorsitzenden der CDU die Nominierung unterstützt. Pflüger sagte dazu, er habe nicht nur „Zustimmung und Unterstützung“, sondern auch „gute Ratschläge“ bekommen endlich Schluß sein mit dem Gerede „über eine angeblich nicht gute, provinzielle CDU. Wir haben klasse Leute hier.“

„Mit dem ersten Kontakt ist das Eis geschmolzen“

Merkel und Wulff dankten Pfügers Loyalität bisweilen mit Spott

Merkel und Wulff dankten Pfügers Loyalität bisweilen mit Spott

Der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) betonte, Pflüger sei die bessere Wahl als der vermeintliche Wunschkandidat Klaus Töpfer. Die Bundestagsabgeordnete Monika Grütters sagte über die anfänglichen Vorbehalte der Landes-CDU: „Mit dem ersten Kontakt ist das Eis geschmolzen.“ Pflüger soll als Kandidat in einem Wahlkreis im Bezirk Neukölln antreten. Am 17. Februar soll er auf einem Kreisparteitag der Neuköllner CDU für die Bezirksliste nominiert werden.

Gerade mal ein Vierteljahr ist es her, da wollte Friedbert Pflüger noch unbedingt Verteidigungsminister werden. Angela Merkel, die künftige Kanzlerin, war anderer Ansicht, blieb bei ihrer Entscheidung, Ursula von der Leyen als Familienministerin ins Kabinett zu holen - und keinen weiteren Niedersachsen.

Streben nach exekutivem Einfluß

Pflüger, der aus Hannover kommt, fiel durch den Rost, landete zwar im Verteidigungsministerium, allerdings nur im Nebenraum, als Parlamentarischer Staatssekretär. Fachlich paßt das, denn Pflüger beschäftigt sich seit langem mit außen- und sicherheitspolitischen Fragen, war bis zur Bundestagswahl außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag.

Doch ist er lange genug im politischen Geschäft, um zu wissen, daß der Posten eines Parlamentarischen Staatssekretärs mit wenig exekutivem Einfluß ausgestattet ist und von den Parteiführungen als Abstellgleis benutzt wird für verdiente Abgeordnete, die man glaubt, nicht übergehen zu können, denen man aber ein Ministeramt nicht geben will.

Beherzter Sprung ins Ungewisse

Pflügers erste Reaktion darauf, nicht Minister geworden zu sein, nötigte Respekt ab. Er stürzte sich in die Arbeit und konnte schon nach kurzer Zeit mit einem Erfolg aufwarten. Es gelang ihm, in Verhandlung mit der usbekischen Regierung jenen Vertrag zu verlängern, der es der Bundeswehr erlaubt, den usbekischen Luftwaffenstützpunkt Termez zu nutzen, der höchst wichtig ist, um nach Afghanistan zu kommen. Das war im Dezember.

Die Trennung von Ehefrau Margarita Mathiopoulos machte Schlagzeilen

Die Trennung von Ehefrau Margarita Mathiopoulos machte Schlagzeilen

Doch dann sah Pflüger plötzlich die Chance, sich durch einen beherzten Sprung ins Ungewisse auf dem Weg nach oben selbst zu überholen. Während überall über die verzweifelten Bemühungen der Berliner CDU berichtet wurde, einen Spitzenkandidaten für die Wahl im September zu finden, kam Pflüger der Gedanke, er selbst könnte der Richtige für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin sein.

Erste Pressemeldungen über eine mögliche Kandidatur Pflügers erschienen, als er Anfang des Jahres mit seiner Familie Ferien auf Gran Canaria machte. Die Berliner CDU reagierte zunächst ablehnend, weil der Gedanke allzuweit weg schien. In der Bundespartei und der Fraktion war aus demselben Grund zunächst nur ungläubiges Kopfschütteln zu registrieren.

Eindeutige Botschaft: Ich will!

Wie ernst Pflüger es meint, wurde auf der Klausurtagung des CDU-Vorstandes am 6. und 7. Januar in Mainz klar. Nachdem die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Merkel am Freitag, dem 6. Januar, Berichte hatte dementieren lassen, sie habe sich gegenüber der Berliner CDU für Pflüger eingesetzt, verließ dieser nachts um elf Uhr ungewöhnlich nervös für eine Weile die Vorstandssitzung. Im Foyer des Tagungshotels „Hyatt“ tat er zwar noch so, als wisse er gar nicht recht, wie sein Name in die Diskussion gekommen sei. Doch zwischen den Zeilen war seine Botschaft völlig eindeutig: Ich will!

Wer ist der Mann, der zum allgemeinen Erstaunen glaubt, er könne bei einer Umfragesituation von nicht einmal 20 Prozent für die Berliner CDU im September in das prestigeträchtige Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin gewählt werden?

Frieden gemacht mit der neuen Hauptstadt

Mit Berlin hatte er in seinem bisherigen Leben nicht viel zu tun, mit der dortigen CDU schon gar nicht. Immerhin begann der im März 1955 in Hannover geborene Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs nach dem Studium der Politischen Wissenschaft, des Staatsrechts und der Soziologie an den Universitäten von Bonn und Harvard seine berufliche Laufbahn 1981 in Berlin.

1984 wurde er Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters, der damals Richard von Weizsäcker hieß und dessen persönliches Büro Pflüger leitete. Als von Weizsäcker Bundespräsident wurde, machte er den 1971 der CDU beigetretenen Pflüger zu seinem Sprecher. Von Bonn aus kämpfte Pflüger gegen den Umzug der Regierung nach Berlin, forderte schließlich, die Quadriga auf dem Brandenburger Tor solle wenigstens ohne Preußenadler und Eisernes Kreuz bleiben, und setzte sich für die Verhüllung des Reichstags durch den Verpackungskünstler Christo ein mit dem Argument: „Wir packen den Reichstag ein und nach einigen Wochen den Bundestag aus.“ Später machte er dann seinen Frieden mit der neuen Hauptstadt, wie er gerade jetzt aus gegebenem Anlaß immer wieder öffentlich versichert.

Bisweilen Spott für einen klugen Fachpolitiker

In seiner Partei kam Pflüger bisher trotz seines Fleißes und Ehrgeizes über die Ebene von Ausschußvorsitz und Sprecherämtern nicht hinaus. Niemand bestreitet, daß er ein kluger Fachpolitiker ist, zahlreiche Bücher tragen seinen Autorennamen. Daß der Übereifrige in den eigenen Reihen gern ein wenig belächelt wird, wurde sehr deutlich, als er im März vorigen Jahres anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages ein etwas überdimensioniertes Fest ausrichtete

Pflügers Neigung, mit gelegentlichen Querschüssen auf sich aufmerksam zu machen, spießte die CDU-Vorsitzende Merkel in ihrer Geburtstagsansprache mit den Worten auf: „Du hast dich nie gescheut, Minderheitenpositionen zu vertreten.“

Als anschließend der niedersächsische Ministerpräsident Wulff, ein langjähriger Weggefährte Pflügers, dessen Fähigkeit beschrieb, im Verlauf einer Rede derart auf die Reaktion des Publikums einzugehen, daß am Ende das Gegenteil des anfangs Gesagten herauskomme, wußte mancher Zuhörer nicht mehr zu sagen, ob das noch in die Kategorie Spott unter Freunden gehörte. Einge Parteigefährten feixten.

Mit Privatleben in den Schlagzeilen

Pflüger versteht es, so oder so, immer wieder öffentlich auf sich aufmerksam zu machen. Eine wichtige Stütze dabei war paradoxerweise der einstige Außenminister Joseph Fischer von den Grünen, der wie kein zweiter zu spotten pflegte, wenn Pflüger sich außenpolitisch äußerte. Auch wenn Pflüger am Ende von Fischers Amtszeit sagte, daß dessen „Arroganz oft schwer erträglich war“, genoß der CDU-Politiker immerhin die Aufmerksamkeit des populären Grünen.

Ganz wie Fischer ist Pflüger mit seinem Privatleben immer wieder in die Schlagzeilen geraten, ohne allzuviel dagegen zu tun. Die Trennung von seiner Ehefrau Margarita Mathiopoulos inklusive saftigem Streit ums Geld füllt seit Wochen die Seiten der Boulevardpresse. Gern führt er der Öffentlichkeit auch sein neues Glück an der Seite seiner 23 Jahre jüngeren einstigen Mitarbeiterin vor, mit der er einen Sohn hat.

Nach der Neuordnung des Privatlebens scheint Pflüger jetzt entschlossen, sein berufliches Schicksal in die Hand zu nehmen. Da Angela Merkel, zu der er stets loyal gestanden hat, ihn weder zum Minister machte noch seine jünsten Berlin-Ambitionen allzu aktiv unterstützt, ist er im wesentlichen auf sich selbst gestellt.

Einen ersten Erfolg kann er schon verbuchen: Nie fand er solche öffentliche Aufmerksamkeit wie zur Zeit. Und auch diejenigen in der CDU, die anfangs nur ungläubig staunten und Pflügers Chancen für klein halten, wollen zumindest keine Wetten darauf abgeben, daß er es nicht irgendwie doch noch schafft, das große Ziel zu erreichen - und sei es mit Hilfe von FDP und Grünen in einer „Jamaika“-Koalition. Ein bißchen Hochachtung vor soviel Mut schwingt in manchem kritischen Kommentar mit.

Text: F.A.S. /ddp
Bildmaterial: dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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