Strafanzeige gegen NDR

Muslime protestieren gegen Tatort-Krimi

Mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes in den Händen protestieren Aleviten in Berlin gegen den NDR-Tatort

Mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes in den Händen protestieren Aleviten in Berlin gegen den NDR-Tatort

27. Dezember 2007 Mehrere hundert Aleviten haben am Donnerstag vor dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin-Mitte gegen einen Tatort-Krimi protestiert. Nach Polizeiangaben folgten mehr als 300 Demonstranten einem Aufruf der muslimischen Berliner Alevitischen Gemeinde.

Die Gemeinde sieht sich durch den am 23. Dezember ausgestrahlten Film mit dem Titel „Wem Ehre gebührt“
verunglimpft. In dem Spielfilm mit der Schauspielerin Maria Furtwängler als Kommissarin ging es um einen Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Die Berliner Alevitische Gemeinde hatte gegen den für die Tatort-Folge verantwortlichen Norddeutschen Rundfunk (NDR) Strafanzeige erstattet.

Die Organisation hatte versucht die Ausstrahlung zu verhindern

Die Schauspieler Maria Furtwängler und Aylin Tezel in einer Szene der Tatort-Folge “Wem Ehre gebührt“

Die Schauspieler Maria Furtwängler und Aylin Tezel in einer Szene der Tatort-Folge "Wem Ehre gebührt"

„Wir haben ein Verfahren eingeleitet“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag in Berlin. Gegen wen sich das Verfahren richte, werde sich erst im Laufe der Ermittlungen zeigen. Zunächst hatte die alevitische Dachorganisation, wie die „Berliner Morgenpost“ berichtet, versucht, die Ausstrahlung zu verhindern, der Norddeutsche Rundfunk hielt an der Sendung jedoch fest.

Die in Köln ansässige muslimische Alevitische Gemeinde Deutschland hatte im Zusammenhang mit dem Fernsehfilm angekündigt, sich mit allen friedlichen Mitteln gegen die Verleumdung und Verunglimpfung der Glaubensgemeinschaft zu wehren. Für den 29. Dezember hat die Gemeinde zu einer weiteren Demonstration in Köln aufgerufen.

Fiktiver Filminhalt

Die Aleviten sind eine muslimische Religionsgruppe. Der NDR hatte mit einer Anmerkung im Vorspann des Films auf die Kritik der Alevitischen Gemeinde reagiert. Es wurde darauf verwiesen, dass der Inhalt rein fiktiv sei. Es gehe nicht darum, „religiöse Gefühle zu verletzen oder Vorurteile gegen die alevitische Glaubensgemeinschaft zu untermauern“, sagte der NDR-Programmdirektor Volker Herres.

Die Aleviten erklärten, dass sie Jahrhunderte lang „unbegründeten Anschuldigungen“ seitens der sunnitischen Muslime ausgesetzt worden seien, in denen behauptet würde, die Aleviten würden in ihren Gemeinden Inzest betreiben, weil sie ihre religiösen Rituale gemeinsam mit Frauen und Kindern durchführten.

Beschuldigungen und Vorurteile

Bis heute seien derartige Beschuldigungen und Vorurteile unter fanatischen Sunniten gegenwärtig. Die Drehbuchautorin habe sich diese Einstellung zu eigen gemacht. Die Drehbuchautorin und Regisseurin Angelina Maccarone sagte nach Angaben des NDR, dass dieser Fall so in jeder Familie überall auf der Welt passieren könnte, egal ob deutsch oder türkisch.

Die Alevitische Gemeinde Deutschland kritisierte die „zentrale Aussage des Films”

Die Alevitische Gemeinde Deutschland kritisierte die „zentrale Aussage des Films”

„Die Vorurteile, die alle Gruppierungen gegeneinander hegen, lassen letztendlich alle nur in die Irre laufen und tragen zur Aufklärung nicht bei. Die Tat des Vaters wird in keiner Weise von seiner Religion getragen oder gerechtfertigt.“ Rund 700.000 der rund zwei Millionen in Deutschland lebenden Türken sind Aleviten. Die liberal-islamische Glaubensgemeinschaft hat ihren Ursprung im schiitischen Islam. In der Türkei leben schätzungsweise 20 Millionen Aleviten.

Text: F.A.Z., 27.12.2007, Nr. 300 / Seite 36
Bildmaterial: dpa, NDR/Christine Schroeder, picture-alliance/dpa

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