09. Januar 2008 Der Höhepunkt der Exzellenzinitiative ist erreicht, und wir kennen inzwischen die neun angesehensten Hochschulen unseres Landes. Der Begriff Eliteuniversitäten fällt zwar vielen schwer, wurde aber in der Öffentlichkeit zur griffigsten Formel. Wenige Wochen vor der Bekanntgabe der Sieger wurde auch die Reihung der weltweit besten Universitäten publiziert, basierend auf der von der Shanghai Jiao Tong University neu aufgelegten Ranking-Liste. Unter den ersten fünfzig Nennungen findet sich keine deutsche Universität. Die zehn Erstplazierten kommen achtmal aus den Vereinigten Staaten und zweimal aus England.
Diese Universitäten gehören generell zu jenen, die wir ohne Zögern als Beispiele universitärer Eliten aufzählen würden: Harvard, Stanford, Berkeley, Cambridge, MIT, Caltec, Princeton, Oxford. Die Meinung, Ranglisten wie jene der Shanghai University brauche man nicht ernst zu nehmen, unterschätzt die Bedeutung internationaler Evaluierungen ganz erheblich. Warum sollten sich beispielsweise junge, hochbegabte Inder, um die Frau Merkel bei ihrem kürzlichen Besuch in Indien geworben hat, für Deutschland entscheiden, wenn sie im Internet fünfzig besser bewertete Universitäten finden, die ebenfalls um sie werben?
Deutschland als Wissenschaftslandschaft
Die ernsthaften Bemühungen unserer Politiker für die Exzellenzinitiative sind zu begrüßen, wenngleich diese angesichts des vorgesehenen Finanzvolumens und der Kurzzeiterwartungen bestenfalls als rührend zu bezeichnen sind. Es wundert einen aber sehr, dass wirkliche Analysen der strukturellen Unterschiede zwischen der deutschen und der angelsächsischen Wissenschaftslandschaft so gut wie nicht angestellt werden. Warum etwa erwähnt niemand in Anbetracht solch betrüblicher Ranking-Resultate, dass wir über 78 Max-Planck-Institute verfügen, in denen wir einen Großteil unserer Forschungselite fein säuberlich von den Universitäten absondern?
Oder möglicherweise noch wichtiger: Warum stellt niemand zur Diskussion, ob die Zweiteilung unserer Grundlagenforschung nicht auch erhebliche Nachteile für die deutsche Forschung und das Ausbildungssystem mit sich bringt? Denn so erfreulich die beiden Nobelpreise im Jahr 2007 für deutsche Wissenschaftler waren, es wäre entschieden wichtiger, darüber nachzudenken, warum den Nobelpreis für Medizin, seit ihn 1995 Christiane Nüsslein-Volhard bekam, zwar sechzehn Amerikaner, sechs Engländer, drei Australier erhielten, aber kein weiterer Deutscher.
Universitätsnachwuchs ist extrem benachteiligt
Eine Analyse unseres für die Grundlagenforschung verantwortlichen Wissenschaftssystems könnte wie folgt aussehen: Max-Planck-Institute (MPI) sollten ursprünglich nach dem Harnack-Prinzip gegründet werden: Um eine einzigartige, außergewöhnliche Wissenschaftler-Persönlichkeit sollte ein Institut mit großzügigsten Arbeitsmöglichkeiten gebaut werden, um Originalität und Innovation maximal zu fördern. Harnack ging dabei von der nach wie vor gültigen Erkenntnis aus, dass Exzellenz nur einzelnen Forschern und nicht pauschal Institutionen zuerkannt werden kann. Tatsache aber ist, dass beispielsweise in den Biowissenschaften an zumindest drei Vierteln der MPI dieselben Fragestellungen wie an Universitäten bearbeitet werden. Eine harte, aber ungleiche Konkurrenz ist längst Alltag: Der Universitätsnachwuchs ist dabei, was die Forschungsmöglichkeiten betrifft, extrem benachteiligt.
Umgekehrt wird der Max-Planck-Nachwuchs finanziell sehr gut gestellt, erlebt sein Waterloo aber nach einem Wechsel an ebendiese unterausgestatteten Universitäten. Hinzu kommen mangelnde Lehrerfahrung und oft genug auch mangelnde Lehrbegeisterung - ein Abstieg, der sich in aller Regel negativ und demotivierend auswirkt.
Immer wieder rekrutiert die Max-Planck-Gesellschaft Spitzenleute aus gutorganisierten und erfolgreichen Universitäts-Instituten, um ihre eigenen Positionen zu besetzen. Dieser Personenkreis aber bestimmt nicht zuletzt das internationale Ansehen und Gewicht einer Universität. Dass die Universitäten zudem unter dem Verlust doppelt leiden, muss nicht ausführlich erläutert werden. Zum einen verlieren sie besonders geschätzte Kollegen, zum anderen können auch aufgrund der Dauer deutscher Wiederbesetzungsverfahren die Lücken stets nur mühsam geschlossen werden.
Mangel an Top-Doktoranden
Studenten, die an Max-Planck-Instituten promovieren, treffen auf beste Arbeitsbedingungen und hochqualifizierte Forscher. Es ist unstreitig, dass die besten Studenten ausgezeichnete Bedingungen und bestmögliche Unterstützung erhalten sollen. Allerdings stellt sich die Frage, ob die MPI überhaupt die jeweils Besten unserer nachwachsenden Generationen als Mitarbeiter anwerben. Während es in den Vereinigten Staaten den Spitzenuniversitäten durch standardisierte, landesweite Fähigkeits- und Wissenstests ermöglicht wird, die Allerbesten aus den sich ohnehin nur bewerbenden Exzellenten auszuwählen, ist ein entsprechendes System in Deutschland nicht etabliert. Somit haben Max-Planck-Wissenschaftler weder den unmittelbaren Kontakt zu den jungen Leuten während des Studiums noch später die Möglichkeit, aus einer vorselektierten Gruppe exzellente Studenten auszuwählen und zu gewinnen.
Zudem haben MPI nicht das Recht, den Doktortitel autonom zu vergeben. In summa führt all dies dazu, dass es an Max-Planck-Instituten nicht selten an Top-Doktoranden mangelt. Dass die künstliche Trennung unserer etablierten und unserer nachwachsenden Eliten zum Problem werden muss, hat Max Delbrück früh erkannt und benannt: Mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft wurden die besten Leute aus der Lehre genommen und zu Direktoren dieser reinen Forschungseinrichtungen gemacht. Das war auf seine Weise ungeheuer erfolgreich, aber nur kurzfristig, auf lange Sicht war das in meiner Sicht ein Unheil, eben weil man die besten Leute aus der Lehre nahm und der Kontakt zu den Studenten sehr verarmte.
Größere und mutigere Schritte
Was sollte getan werden? Die Max-Planck-Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Schritten unternommen, um die Verbindung zu den Universitäten wieder zu verbessern. Beispielhaft seien hier die Gründungen von Max Planck Research Schools genannt, Einrichtungen von MPI und Universitäten, wie auch die Berufungen einiger Wissenschaftler in der Doppelfunktion als Max-Planck-Direktor und Universitätsprofessor. Insgesamt werden aber die entsprechenden Maßnahmen die aus der Zweiteilung unserer Grundlagenforschung resultierenden gravierenden Probleme nicht lösen. Größere und mutigere Schritte von Seiten der Universitäten und der Max-Planck-Gesellschaft wären nötig.
Wie könnten diese aussehen? Zum einen sollte die Max-Planck-Gesellschaft das Harnack-Prinzip wieder stringent anwenden. Zum anderen sollten erfolgreiche MPI, deren Forschungsaktivitäten parallel zu jenen an Universitäten laufen oder laufen könnten, in unser Universitätssystem eingebunden werden. Als Universitätseinrichtungen könnten diese Max-Planck-Institute Sondereinrichtungen mit eigenem Budget sein, sozusagen Eliteinstitute der jeweiligen Universitäten; die Mitglieder erhielten volle Lehrberechtigung und abgestufte Lehrverpflichtungen.
Ein Modell aus den Vereinigten Staaten
Als Modell könnte das in den Vereinigten Staaten etablierte Howard Hughes Medical Institute (HHMI) dienen. HHMI finanziert exzellente Forscher, indem es diesen einen Sonderstatus zuweist und, eingebettet in Universitäten, Räume, Personal und Sachmittel großzügig zur Verfügung stellt. Eine derartige Struktur würde unschätzbare qualitätsprägende Wirkungen auf die Universitäten ausüben - vor allem, wenn deren Ressourcen verbessert würden -, andererseits den MPI die Vorteile der Universitäten zukommen lassen.
Die Verfasser dieses Beitrags sind Hochschullehrer, die in vielfacher Hinsicht mit Max-Planck-Instituten und dortigen Kollegen freundlich verbunden sind. Sie sind überzeugt, dass eine sorgfältig geplante Umgestaltung unserer Grundlagenforschung wie hier angeregt zu einer generellen Anhebung der Qualität und zu einer deutlichen Steigerung des Ansehens unserer Universitäten führen würde. Dies wäre ein wirklich tragfähiges Exzellenzprogramm. Auf Dauer angelegt, würden die nötigen Ingredienzien für die Schaffung von Spitzenforschung zusammengeführt: hervorragende Forscherpersönlichkeiten, optimale Ausbildung des exzellenten Nachwuchses, stimulierende Kompetition, Setzen von Leuchttürmen, die Maßstäbe und Orientierung geben könnten.
Günter Blobel (Biomedizin, Rockefeller University, New York), August Böck (Biologie, Ludwig-Maximilians-Universität München), Ernst Helmreich (Biochemie, Universität Würzburg), Franz Mayinger (Maschinenbau, Technische Universität München), Walter Neupert (Chemie, Ludwig-Maximilians-Universität München), Manfred Sumper (Biochemie, Universität Regensburg), Widmar Tanner (Biologie, Universität Regensburg), Peter Walter (Biochemie, University of California, San Francisco) und Meinhart Zenk (Biologie, Danforth Plant Science Center, St. Louis)
Text: F.A.Z., 08.01.2008, Nr. 6 / Seite 35
Bildmaterial: ddp
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