Weltpolitik

Das Atomzeitalter

Von Nikolas Busse

Hiroshima-Zentrum, August 1945

Hiroshima-Zentrum, August 1945

05. August 2005 Mit „Little Boy“ und „Fat Man“ begann eine neue Zeitrechnung. Die Weitsichtigen in der amerikanischen Regierung erkannten das rasch. Dean Acheson, damals Staatssekretär im Außenministerium und einer der strategischen Köpfe der Truman-Regierung, hielt im Herbst 1945 in einem internen Memorandum fest, Atombomben seien eine „Entdeckung, die für die menschliche Gesellschaft revolutionärer ist als die Erfindung des Rads“.

Er fügte hinzu: „Wird diese Erfindung weiterentwickelt und zerstörerisch eingesetzt, dann wird es keinen Sieger geben, und es könnte geschehen, daß keine Zivilisation überlebt.“ Little Boy, kleiner Junge, hatten die Amerikaner die Atombombe genannt, die an diesem Samstag vor sechzig Jahren um 8.15 Uhr von einem B-29-Bomber namens Enola Gay auf Hiroshima geworfen wurde. Fat Man, dicker Mann, hieß - in Anspielung auf Winston Churchill - die Bombe, die drei Tage später, am 9. August 1945, über Nagasaki gezündet wurde.

Wie die beiden japanischen Städte verbrannten und verstrahlten, machte dem kühlen Realpolitiker Acheson früher als den meisten Zeitgenossen bewußt, welche ungeheuere Neuerung die Atombombe darstellte. Die Kriege des Industriezeitalters, das hatten die beiden Weltkriege gerade noch einmal gezeigt, waren riesige Materialschlachten gewesen, die Millionen Menschen und Tausende Tonnen Stahl bewegten. Jetzt konnte mit einer Bombe eine Großstadt ausgelöscht, mit einem Dutzend eine Nation getilgt werden.

„Garantierte gegenseitige Vernichtung“

Es dauerte einige Zeit, bis sich diese Einsicht durchsetzte. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kernwaffen in Amerika zunächst als Erweiterung des Arsenals gesehen. Stadtplaner empfahlen die Auflösung von Ballungszentren, um die Auswirkungen eines Bombenangriffs möglichst gering zu halten. Die Regierung ließ Bunker bauen und den Zivilschutz verbessern. In den fünfziger Jahren entwickelte das Militär sogenannte taktische Nuklearwaffen, kleinere Bomben, die auf dem Gefechtsfeld zum Einsatz kommen sollten. Sie wurden zu Tausenden im Ausland stationiert. Präsident Eisenhower versicherte, daß Atombomben die Bedeutung von konventionellen Waffen erreicht hätten und vom Militär im Ernstfall eingesetzt würden. Allerdings soll der alte General nicht wirklich davon überzeugt gewesen sein.

Wahrscheinlich spiegelte diese Haltung noch die positive Sicht der Amerikaner auf die Abwürfe von 1945 wider. Little Boy und Fat Man hatten den Krieg beendet und verhindert, daß noch viele junge Amerikaner gefallen wären. Das war auch die Rechtfertigung von Präsident Truman gewesen. Das Leitmotiv des Atomzeitalters wurde trotzdem ein anderes. Hiroshima und Nagasaki sind bis heute die einzigen Orte geblieben, an denen Kernwaffen zum Einsatz kamen. In Wirklichkeit war es die Nichtanwendung von Atombomben, die in den folgenden Jahrzehnten das Denken und Handeln der meisten Politiker und Militärs prägte.

Das hatte viel damit zu tun, daß die Amerikaner als Atommacht nicht alleine blieben. Es folgten die Sowjetunion (erste Detonation 1946), Großbritannien (1952), Frankreich (1960) und schließlich China (1964). Von Bedeutung war vor allem die nukleare Bewaffnung der Russen. Die Atombombe wurde das zentrale Machtinstrument der heraufziehenden ideologischen Auseinandersetzung zwischen freier Welt und Kommunismus. So gebar das neue Zeitalter zugleich eine Sonderform der Weltpolitik. Statt der vertrauten Konzerte europäischer Mittelmächte bestimmten zwei weit voneinander entfernt liegende Supermächte nun allein das internationale Geschehen - mit Mitteln zur „garantierten gegenseitigen Vernichtung“, wie man in der Fachsprache sagte.

Ihr einzig sinnvoller Zweck bestand in der Abschreckung

Ihre erste Lehrstunde war die Kuba-Krise im Oktober 1962. Sie brachte die Welt zum ersten und (bisher) einzigen Mal an den Rand eines Krieges, der die menschliche Existenz hätte ausrotten können. Moskau hatte heimlich Atomraketen auf Castros Insel stationieren lassen. Sie lockte die Aussicht, im amerikanischen Hinterhof einen strategischen Außenposten zu unterhalten; auch bestand Sorge vor einer amerikanischen Invasion auf Kuba. Präsident Kennedy reagierte mit einer Seeblockade der Insel und forderte den Abzug der Waffen. Es folgten nervenaufreibende 13 Tage, auf deren Höhepunkt ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug über Kuba abgeschossen wurde. Nukleare Bomber waren auf beiden Seiten in Alarmbereitschaft. Am Ende erklärte sich Chruschtschow zur Rücknahme der Raketen bereit. Kennedy versprach dafür öffentlich, nicht in Kuba einzumarschieren, und nichtöffentlich, amerikanische Raketen in der Türkei abzubauen.

Christoph Bertram, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat einmal geschrieben, die Kuba-Krise habe gezeigt, wie die Atombombe aus Politikern Staatsmänner macht. In der Tat belegt der Schriftverkehr zwischen Kennedy und Chruschtschow, wie sehr die beiden bestrebt waren, eine Eskalation hin zum Atomkrieg zu vermeiden. Robert McNamara, der amerikanische Verteidigungsminister, hatte seinem Präsidenten von Anfang an geraten, „nie, unter gar keinen Umständen, Atomwaffen als erster einzusetzen“.

Diese Maxime wurde letztlich zum strategischen Leitfaden des Kalten Krieges. Atomwaffen taugten nicht ernsthaft zur Kriegführung, dafür war ihre Zerstörungskraft zu groß. Ihr einzig sinnvoller Zweck bestand in der Abschreckung - paradoxerweise gerade weil diese das selbstmörderische Versprechen enthielt, auf einen Angriff mit ebendiesen Waffen zu antworten. Selbst die Ersteinsatz-Doktrin der Nato, mit der das konventionelle Übergewicht der Sowjetunion in Europa ausgeglichen werden sollte, stand unter Vorbehalt. Die vielen Kriegsspiele, mit denen das Bündnis den Ernstfall simulierte, wurden immer an dem Punkt abgebrochen, an dem der Einsatz von Atomwaffen hätte stattfinden müssen.

Moralisch-politische Unmöglichkeit

Konventionelle Kriege hat die Abschreckung aber nicht verhindert. Schon in Korea ließ sich Stalin nicht davon abhalten, den Norden zu unterstützen, obwohl die Amerikaner in den Krieg eintraten. Das nukleare Gleichgewicht führte vielmehr dazu, daß die Supermächte einander Einflußzonen zubilligten, in denen sie allenfalls verdeckt militärisch tätig wurden. In Vietnam leistete die Sowjetunion den Kommunisten nur unter der Hand Beistand, in Afghanistan beließen es die Amerikaner bei CIA-Operationen.

Den Europäern dagegen bescherte die nukleare Abschreckung eine für die Geschichte des Kontinents ungewöhnlich lange Periode des Friedens. Der Status von West-Berlin überlebte alle großen und kleinen Krisen, die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands und des Prager Frühlings wurden vom Westen zähneknirschend hingenommen. Der Gedanke, in solchen Lagen zu Kernwaffen zu greifen, lag dem politischen Personal fern. Die Überlegung, die Luftwaffe könne in Indochina taktische Atombomben einsetzen, bezeichnete Präsident Nixon als „lächerlich“.

Die moralisch-politische Unmöglichkeit, einen Atomkrieg zu führen, hielt das Militär nicht davon ab, immer neue Strategien für die Waffen zu ersinnen. Mal sollten die Schläge so begrenzt werden, daß die Raketensilos des Gegners getroffen würden, nicht seine Großstädte. Mal sollte gewährleistet werden, daß Amerika sich nicht von Kriegen in Europa „abkoppeln“ kann, was zum Nato-Doppelbeschluß führte. Jede Änderung in der Strategie brachte eine neue Generation von Kernwaffen hervor. Auf dem Höhepunkt waren es 32.500 auf amerikanischer und 45.000 auf sowjetischer Seite. Das rief zugleich das Bedürfnis hervor, nicht Opfer eines Mißverständnisses, einer Fehlkalkulation oder eines technischen Defekts zu werden. So erfand man Rüstungskontrolle und Entspannungspolitik. Für die Abschreckung wäre das Wettrüsten eigentlich nicht nötig gewesen. Dafür brauchte man nur so viele Bomben und Raketen, um einen wirkungsvollen Vergeltungsschlag zu führen.

Der Kalte Krieg endete mit dem Fall der Berliner Mauer, das Atomzeitalter am 11. September 2001. Als das World Trade Center von den Jüngern Bin Ladins gefällt wurde, hatten die Vereinigten Staaten und Rußland zwar immer noch zusammen gut 16.000 Kernwaffen in ihren Arsenalen (nach einem Abkommen soll die Zahl ihrer strategischen Waffen bis 2012 auf 1700 bis 2200 verringert werden). Seit diesem Tag kreisen die Gedanken der Verteidigungsplaner aber um Autobomben, Selbstmordattentäter, Heimatschutz und Präventivschläge.

„Wir haben etwas Teuflisches geschaffen“

Atomwaffen sind dem Zeitalter des Terrorismus nicht fremd. Sie sind aber nicht mehr die alles überragende Waffengattung. Ein Terrorist kann herkömmlichen Sprengstoff, biologische, chemische oder nukleare Waffen verwenden. Bisher haben die Islamisten ausschließlich zu konventionellen Bomben gegriffen, auch wenn bekannt ist, daß sie mit Gas und Gift experimentiert haben. Nach Einschätzung der meisten Geheimdienste ist das Ausdruck mangelnder Fertigkeiten, nicht fehlenden Willens. Daß Al Qaida eine Atomwaffenfabrik betreiben kann, scheint in absehbarer Zeit allerdings nicht vorstellbar. Wahrscheinlicher ist, daß das Terrornetz versucht, eine fertige Bombe zu rauben, oder daß interessierte Seiten (Wissenschaftler, Militärs, Diktatoren) ihm eine verschaffen. Am leichtesten dürfte es den Terroristen fallen, sich strahlendes Material zu beschaffen, etwa aus Rußland. Daraus läßt sich eine sogenannte schmutzige Bombe bauen, ein konventioneller Sprengsatz, der radioaktives Material in die Luft schleudert.

Die neue Zeit brach zugleich das alte Oligopol der Atomwaffenstaaten auf. Während des Kalten Krieges blieb es bei fünf offiziellen Atommächten, denen sich später eine heimliche hinzugesellte (Israel). Das strategische Vakuum, das der Rückzug der Supermächte in vielen Teilen der Welt hinterließ, füllte sich aber rasch wieder mit Atomwaffen, vor allem in den besonders konfliktreichen Gegenden Asiens und des Mittleren Ostens. Indien und Pakistan machten sich 1998 mit Tests zu Atommächten. Nordkorea behauptet, es verfüge über die Bombe. Und Iran arbeitet an einem undurchsichtigen Nuklearprogramm, das viele im Ausland für den Grundstock einer Kernwaffenproduktion halten.

Der Westen hat bis heute keine Antwort auf diese Entwicklung gefunden. Man versucht, den Ländern den Zugang zu „sensibler“ Technologie wie der Urananreicherung zu erschweren (Iran) oder ihnen die Bombe förmlich abzukaufen (Nordkorea). Manche alten Strategen sagen, letztlich werde die Abschreckung auch zwischen diesen Staaten ihre Wirkung nicht verfehlen. Andere befürchten dagegen, das nukleare Tabu der vergangenen sechzig Jahre könnte einem kriegerischen Zeitgeist oder dem Transfer in andere Kulturkreise zum Opfer fallen. Zustimmen würden die meisten wohl Robert Oppenheimer, dem Chefentwickler der amerikanischen Atombombe: „Wir haben etwas Teuflisches geschaffen.“

Text: F.A.Z., 06.08.2005, Nr. 181 / Seite 1
Bildmaterial: dpa

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