Islam in Deutschland

Aus den Hinterhöfen in die Öffentlichkeit

Von Uta Rasche, Köln

Die erste Generation: Blick in das Café der Kölner Ditib-Zentrale

Die erste Generation: Blick in das Café der Kölner Ditib-Zentrale

13. März 2008 Im Entree hängen ein Porträt des Bundespräsidenten Köhler, des türkischen Staatspräsidenten Gül und des Staatsgründers Atatürk. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (Ditib), der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, hat ihren Sitz in einem Kölner Verwaltungs- und Fabrikgebäude aus den fünfziger Jahren.

Sie hat in Räumlichkeiten Quartier bezogen, in denen die Gastarbeiter der ersten Generation arbeiteten: in der Produktion. Zum Selbstverständnis der Ditib passen solche Gebäude nicht mehr; für die Einwanderer der dritten und der vierten Generation möchte sie moderne, würdige Räume. Bisher sind nur 130 der mehr als 800 Ditib-Moscheen Neubauten mit Kuppel und Minarett, die von außen als Moscheen zu erkennen sind.

Das Gesicht der Ditib

Modell der geplanten Kölner Moschee

Modell der geplanten Kölner Moschee

Die Pläne für den Moscheeneubau in Köln-Ehrenfeld resultieren aber nicht allein aus dem Wunsch, Repräsentationsansprüche zu erfüllen und türkisches Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Es wird zu eng. In den Büros der Kölner Zentrale stapeln sich Aktenordner auf dem Fußboden und bis unter die Decken; drangvolle Enge herrscht in der Bibliothek, im Buchladen, in den Unterrichtsräumen. Doch ist die Moschee nicht die einzige Großbaustelle. Allergrößte Erwartungen knüpfen der Präsident der Ditib, Sadi Arslan, und Bekir Alboga, Referatsleiter für interkulturellen Dialog, an die Islamkonferenz.

Erstmals werde nicht über, sondern auf höchster Ebene mit den Einwanderern geredet. Alboga, der Teilnehmer der Konferenz ist, ist das Gesicht der Ditib in Deutschland. Während die Präsidenten aus der Türkei kommen und alle drei bis vier Jahre wechseln, sorgt er für Kontinuität. Als Absolvent einer Predigerschule im türkischen Konya folgte er 1980 mit 17 Jahren seinen Eltern nach Deutschland. Er arbeitete als Imam in der Göttinger Ditib-Gemeinde; nebenher studierte er Islam- und Kommunikationswissenschaften an der dortigen Universität. Nach jahrelanger Arbeit als Dialogbeauftragter in Mannheim wurde er 2004 in die Ditib-Zentrale berufen.

Wie kaum ein anderer muslimischer Funktionär in Deutschland repräsentiert er das gebildete, freundliche, abwägende Antlitz des Islams. Zurzeit ist Alboga auch Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime (KRM), zu dem sich vor einem Jahr die drei großen konservativen muslimischen Organisationen zusammengeschlossen haben. Beim dritten Plenum der Islamkonferenz an diesem Donnerstag wird Alboga direkt nach Bundesinnenminister Schäuble (CDU) das Wort ergreifen.

Ganz ohne Religionsunterricht

Das Büro des Ditib-Vorsitzenden Arslan, der seit einem Jahr in Deutschland ist, steht dem des früheren Fabrikdirektors nicht nach: elegante Holzverkleidung, schwarze Ledersessel. Hinter dem Schreibtisch eine deutsche und eine türkische Flagge. Die zwei wichtigsten Ziele der Islamkonferenz sieht der Theologe langfristig darin, „dass der Islam eine anerkannte, gleichberechtigte Religionsgemeinschaft wird“, und in der Einführung muslimischen Bekenntnisunterrichts an deutschen Schulen. Er solle auch auf Deutsch sein, und wichtig sei, dass er schnell komme, sagt Arslan. Denn viele türkische Kinder wüchsen ganz ohne Religionsunterricht auf. Im freiwilligen Unterricht am Wochenende in den Moscheegemeinden erreicht die Ditib höchstens ein Drittel von ihnen.

Alboga meint, dass durch die Erlangung der Privilegien einer Religionsgemeinschaft die Muslime in Deutschland sich noch stärker eingeladen, gleichberechtigt und willkommen fühlen würden. „Wie die Kirchen in Deutschland hätten wir dann einen rechtlichen Status, der uns mehr Handlungsmöglichkeiten gibt. Langfristig streben wir auch eine Art Staatsvertrag an, wie ihn die Kirchen haben“, sagt er. Dieser Status würde aus seiner Sicht viele Probleme lösen: Die Frage zum Beispiel, ob Imame abgehört werden dürfen, würde sich dann gar nicht mehr stellen.

Keine französischen Verhältnisse

Die Aufregung über die Kölner Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und die Äußerung, Assimilation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, hält Alboga für die Folgen eines Übersetzungsfehlers. „Verbrechen gegen die Menschenrechte“ hätte es heißen müssen.

Arslan erklärt die Abneigung gegen Assimilation theologisch: „Im Koran und in den heiligen Schriften aller Religionen steht, dass Gott die Menschen in Vielfalt geschaffen hat; zwar aus einem Mann und einer Frau, aber er hat sie in verschiedene Stämme geteilt. Er will uns in Vielfalt.“ Die Einwanderung der Türken nach Deutschland habe doch gezeigt, dass beide Völker auch in Verschiedenheit friedlich miteinander leben könnten. Arslan und Alboga sind stolz darauf, dass es in Deutschland keine französischen, dänischen oder holländischen Verhältnisse gebe, also keine Unruhen in den Vorstädten, keine bedrohten oder ermordeten Islamkritiker.

Für die Neigung mancher Türken in Deutschland, sich diskriminiert und als Opfer zu fühlen, hat Alboga ein gewisses Verständnis. „In den neunziger Jahren gab es ja Brandanschläge, das darf man nicht vergessen.“

„Geld verdienen und dann wieder nach Hause“

Von den Bundesländern erhofft sich die Ditib mehr muttersprachlichen Unterricht an den Schulen. „Es ist nötig, die Muttersprache gut zu beherrschen, um auch gut Deutsch zu lernen“, sagt Alboga. Diese Theorie über Bilingualität verträten immer mehr Sprachwissenschaftler. Auch die Wirtschaft weise immer wieder darauf hin, dass qualifizierte Arbeitnehmer mit Kenntnissen beider Sprachen wichtig seien. Von dem von Erdogan in Köln benannten Ziel, türkische Schulen in Deutschland zu errichten, nimmt Arslan diplomatisch Abstand.

„Wenn wir mehr türkische Schüler an deutschen Gymnasien und Universitäten haben, verstummt die Forderung nach türkischen Schulen ganz von selbst“, sagt er. Bildung und Sprachkenntnisse hält er für den wichtigsten Beitrag zur Integration. Bei seinen Besuchen in den Ortsgemeinden fordert er die Vorstände dazu auf, die Bemühungen um die deutsche Sprache zu intensivieren. Er selbst lernt mit großem Eifer Deutsch - musste aber feststellen, dass sein Ziel, sich nach einem Jahr flüssig unterhalten zu können, zu hoch gesteckt war. „Für die Einwanderer der ersten Generation war Bildung nicht entscheidend“, sagt Arslan. „Sie wollten schnell Geld verdienen und dann wieder nach Hause. Das hat sich geändert.“

Imam - ein gutbezahlter Beruf

Auch die Ditib, die größte türkisch-muslimische Organisation in Deutschland, hat sich geändert. Gegründet 1984 mit dem Auftrag, die Seelsorge für die Türken im Ausland zu gewährleisten und sie zur Pflege ihrer türkischen Identität anzuhalten (sie also nicht Deutsche werden zu lassen), unternimmt sie nun große Anstrengungen zur Integration. Vor zwei Jahren hat das Diyanet auch ein Stipendienprogramm für junge Türken, die in Deutschland Abitur gemacht haben, aufgelegt: Sie werden eingeladen, in Ankara islamische Theologie zu studieren, und können nach bestandenem Examen in Deutschland Imame werden. Das ist ein gutbezahlter Beruf, denn zum türkischen Lohn kommen umfangreiche Auslandszulagen.

Mit Arslans Amtsantritt vor einem Jahr änderte sich auch die Rolle der Frauen bei der Ditib: Er engagierte erstmals ein weibliches Vorstandsmitglied für die Zentrale und hält alle Ortsvereine dazu an, ebenfalls Frauen in die Vorstände aufzunehmen. Diese Öffnung in alle Richtungen ist auch ein Werk des Kommunikators Alboga. Wenn er im April das Sprecheramt im Koordinierungsrat der Muslime wieder abgeben muss, fehlt dem Gremium eine besonnene Stimme.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, ddp

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