Jan Egeland

Der Koordinator

Von Robert von Lucius

28. Dezember 2004 Die sonst so nüchterne norwegische Zeitung „Aftenposten“ wurde lyrisch: „Als Jan Egeland norwegische Jugendliche für internationale Hilfseinsätze zu begeistern verstand, hörten bei seinen Worten selbst die Vögel zu zwitschern auf.“

Zu Wochenbeginn dürfte dem Norweger alles andere als lyrisch zumute gewesen sein. Er ist als stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen verantwortlich für internationale Hilfseinsätze und damit auch für die Koordination der Hilfe nach der Flutkatastrophe in Asien. Seitdem er im Juni 2003 als Nachfolger eines Japaners die Leitung des 1998 gegründeten „Büros für die Koordination humanitärer Fragen“ (Ocha) übernahm, ist er nicht nur in New York oder Oslo zu finden, sondern überall, wo es Sorgen und Nöte gibt - im westsudanesischen Darfur oder im Ostkongo, in Haiti, im Irak oder in der Elfenbeinküste.

Wissenschaftler, Journalist, Aktivist

Als UN-Generalsekretär Annan Egeland zum Hilfskoordinator berief, fiel diesem die Annahme nicht leicht, da er knapp zwei Jahre zuvor nach Oslo heimgekehrt war, als Generalsekretär des Norwegischen Roten Kreuzes; einen solchen Ruf aber könne man nicht ablehnen.

Ein Vierteljahrhundert hatte der Politikwissenschaftler sich der humanitären Hilfe, stärker aber noch der Konfliktbewältigung gewidmet, auf die er sich schon bei seinen Studien in Oslo, Berkeley, Genf und Jerusalem konzentrierte und später als stellvertretender Vorsitzender Amnesty Internationals, in wissenschaftlichen Studien und als Rundfunk- und Fernsehjournalist.

Höchster norwegischer Diplomat

Als Staatssekretär im norwegischen Außenministerium bis 1997 gründete er Einsatzgruppen, die 2.000 Norweger in die internationale Hilfe entsandten. Als höchster norwegischer Diplomat leitete oder vermittelte er bei Friedensprozessen, so den Gesprächen zwischen Israel und Palästinensern, die zum Oslo-Abkommen führten, und in Guatemala zwischen Regierung und Rebellen. Auch die in Oslo verhandelte, in Ottawa vereinbarte Konvention gegen Landminen prägte der Vater zweier Töchter. Bei den Vereinten Nationen war sein Name schon früher bekannt, etwa als Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Kolumbien bis 2002.

Die Katastrophe in Asien sei möglicherweise die größte überhaupt, sagte Egeland in New York bei seinem Aufruf für großzügige Nothilfe, auch um die Gefahren von Epidemien einzudämmen. Er wies auf die „zweite Welle“ - nach der ersten, die schon mehrere zehntausend Tote forderte: die Nachwirkungen für Millionen Menschen, denen sauberes Trinkwasser fehle. Die Kosten schätzt er auf mehrere Milliarden Dollar.

Der Aufbau eines Frühwarnsystems sei in der Region des Indischen Ozeans notwendig. Eine Konferenz über die Verringerung von Katastrophen im Januar in Japan werde sich dem Thema widmen. Eine vergleichbare Katastrophe habe die Weltorganisation noch nicht erlebt, schon weil sie sich auf mehrere Länder verteile. So ist schon die Aufgabe der Abstimmung erheblich, nachdem bei früheren überschaubareren Katastrophen oft nationale Eigenheiten und Rivalität zwischen Hilfsgruppen um Spendengelder sinnvolle Koordination erschwerten. Allein im UN-System kümmern sich mehrere Organisationen, vom Welternährungsprogramm bis zum Weltflüchtlingskommissar, um Hilfe. Egeland hat da keine Berührungsängste: Hilfe könne nur erfolgreich sein, wenn nationale Regierungen, private und überstaatliche Hilfsgruppen eng zusammenarbeiteten.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Dezember 2004
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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