Von Dolf Sternberger
27. Juli 2007 Einen Friedensapostel nannte Chaplin sich in seinem Telegramm an das Komitee zur Untersuchung von unamerikanischen Aktivitäten. Der Ausdruck scheint treffend. In der Rede des Doppelgängers im Diktator zitierte er das Lukas-Evangelium: das Reich Gottes sei im Menschen - nicht in einem Menschen oder in einer besonderen Gruppe von Menschen, sondern in allen! (Ob die Stelle richtig ausgelegt ist, muss bezweifelt werden, aber darauf kommt es jetzt nicht an.) Und er beschwört eine neue Welt, wo die Menschen sich über ihre Gier, ihren Hass und ihre Gewalttätigkeit erheben.
Es ist also ein utopischer Friede, den er im Sinn hat. Es ist eine Märchenvision ganz wie jener geträumte Himmel im Kid, wo all den armen Leuten mitsamt dem Gauner und dem Polizisten weiße Engelsflügel gewachsen sind. Und wie so manches Andersensche Glückidyll, in das wir dann und wann in Chaplins komischen und rührenden Filmgedichten unversehens einen Blick tun, und wäre es selbst mitten im Getto aufgeblüht. Es ist ein Friede der Intimität, ein wunderbares Guckkastenglück, schmerzhaft fern von der Arbeit am politischen Frieden. Das hat er mit der Unschuld der komischen Person gemein: Auch der geliebte Charlie gehört zu den Mustern, die wir nicht nachahmen können und die doch gültig bleiben.
Dolf Sternbergers Nachruf auf Charlie Chaplin erschien am 27. Dezember 1977 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv