27. Januar 2004 Hauptmann Simon Collyer wollte eigentlich nur im Spaß einmal schnell seine Oberarmmuskeln spielen lassen, als ihn eine Gruppe von Irakern in brauner Uniform umringte. Ehe er es sich versah, saß er jedoch an einem Tisch und mußte sich mit dem stärksten von ihnen im Armdrücken messen.
Zwei Dutzend Iraker feuern im Sprechchor ihren Landsmann an, während die Briten nur belustigt dreinblicken. Am Ende gewinnen Collyer und der Iraker jeweils einmal. Unter großem Gejohle beläßt man es gerne bei diesem diplomatischen Ausgang.
Iraker sollen für Sicherheit sorgen
In der einfachen Lagerhalle am Hafen von Basra sind tiefe kulturelle Gräben zu überwinden. Hier bilden die britischen Streitkräfte eine irakische Gendarmerie aus, die vor allem auf dem Lande die Polizei unterstützen soll. In einem drei Wochen dauernden Basiskurs lernen die angehenden Mitglieder des irakischen zivilen Verteidigungskorps (ICDC), wie man mit einer Maschinenpistole umgeht, Straßenkontrollen macht, auf Patrouille geht und auf die Entdeckung von Minen und nicht explodierten Bomben reagiert.
2.500 Männer haben in der Provinz Basra das Ausbildungsprogramm schon durchlaufen, das später in Aufbaukursen noch intensiviert werden soll. Viel Zeit bleibt nicht, denn im Juli soll die Macht an eine irakische Übergangsregierung übergehen. Die Soldaten werden dann zwar noch nicht abziehen, aber bis dahin sollen die Iraker selbst für einen Großteil der Sicherheit sorgen.
Kein "Gepäck der Vergangenheit"
Major Lee Wallace steht mit einem Übersetzer neben einem Projektor, der in einem staubigen kahlen Raum einen Lageplan an eine Wand wirft. Hier werden die künftigen Führungskräfte der ICDC ausgebildet. Ein Iraker hält ein Referat über die Verlegung einer Einheit von Punkt A nach Punkt B. Der neue Stützpunkt müsse in Patrouillen erkundet werden; dann sei er mit Sandsäcken und Stacheldraht zu sichern. Erhöhte Aussichtspunkte müßten ebenfalls errichtet werden, um die Gegend überwachen zu können.
Wallace läßt den Mann über seinen Übersetzer für seinen Vortrag ausdrücklich loben. "Das war sehr gut - vor allem, daß du auch das permanente Training deiner Leute nicht vergessen hast. Das ist wichtig", sagt er. Der Unterricht wirkt mühsam, doch nach Aussage der Briten ist er wirksam. "Besonders die ICDC bewährt sich, weil sie eine neue Einheit ist, die kein schweres Gepäck aus der Vergangenheit mit sich herumschleppt, etwa die Korruption", erklärt die britische Majorin Kate Gibbs. Die Einheit würde beispielsweise professionell ein großes Lebensmittellager des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen vor den Toren Basras bewachen und damit den zuvor weitverbreiteten Diebstahl verhindern.
Nur zwei Dollar im Monat
Auf das "Gepäck der Vergangenheit" stoßen die Briten immer wieder. Auf die Frage etwa, ob Folter eine gute Methode sei, um Informationen zu erhalten, hebt schon mal ein Viertel einer Polizeiklasse die Hände. "Doch sie lernen schnell. Am Ende einer Stunde sind das oft schon viel weniger", sagt General Andrew Stewart, der Kommandeur der multinationalen Koalitionstruppen im Südirak und der letztlich Verantwortliche für die Ausbildungsprogramme für Polizei, Zollbeamte, Grenzpolizei sowie die Gefängniswärter. Über mangelndes Interesse kann sich niemand beklagen: Hunderte von Bewerbungen liegen vor, alleine schon weil die Gehälter hoch sind: bei der ICDC zwischen 120 und 190 Dollar im Monat.
Nur zwei Dollar Soldatensold im Monat waren es zu Zeiten Saddam Husseins, wie die Iraker berichten. "Vielleicht bewerbe ich mich auch", sagt Falah Hasan Rashed, der im ICDC-Ausbildungszentrum als Übersetzer arbeitet, in gebrochenem Englisch, obwohl er mit seinen acht Dollar am Tag nicht schlecht verdient. Seine sechs Kinder von seinen drei Frauen hätten jetzt jedenfalls ein viel besseres Auskommen als vor dem Krieg. So wie viele der ICDC-Rekruten gehörte er früher zur irakischen Armee, aber nicht zu jenen Einheiten, die als besonders loyal zu Saddam Hussein galten. Sein Bruder sei von Regimeanhängern ermordet worden, berichtet er, und er selbst sei nach dem Aufstand von 1991 ein Jahr inhaftiert gewesen.
Das Leben zivilisieren
Die neuen Sicherheitskräfte von den treuesten Vertretern der gestürzten Diktatur freizuhalten ist eine weitere Aufgabe der Koalitionstruppen. In Basra hat ein lokales Gremium der Stadt eine Liste mit unerwünschten Personen erstellt. Die Briten gleichen sie dann mit ihren Bewerbern ab. "Und wenn mal einer durchrutscht, dann erkennen das die anderen Rekruten schnell", berichtet ein Major, "denn die einschlägigen Leute sind bekannt." Viele Anhänger Saddams, die in Basra von der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung als Peiniger empfunden wurden, hätten sich ohnehin nach Norden abgesetzt, meint Falah - in Richtung Bagdad und sunnitisches Dreieck. Wer bleibt, lebt in der Gefahr zur Zielscheibe extremer schiitischer Milizen zu werden, die für vereinzelte Übergriffe gegen mutmaßliche Regime-Anhänger verantwortlich sind und offenbar auch von den Briten nicht vollständig kontrolliert werden.
Polizeieinheiten im Irak aufzubauen heißt auch, das Leben etwas zu zivilisieren. Unter Saddam Hussein hätte sich die Polizei nur selten auf der Straße blicken lassen, sondern die Aufklärung von Verbrechen und deren Verfolgung häufig dem Militär überlassen, berichtete Majorin Gibbs. "Es ist nicht einfach, und wir werden ein Auf und Ab erleben", gesteht ihr Vorgesetzter General Stewart ein. Bei Demonstrationen in Amara und in Basra hat die überforderte Polizei vor kurzem in die Menge geschossen und dabei mehrere Demonstranten getötet. "Das hört sich hart an, aber manchmal muß man Fehler machen, um zu lernen", meint der britische Offizier.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2004
Bildmaterial: MOD POOL
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