Meinungsforschung

Welche Wirkung haben TV-Duelle?

Von Jürgen Kaube

Gewinnt Schröder auch 2005 das TV-Duell?

Gewinnt Schröder auch 2005 das TV-Duell?

08. August 2005 Das Fernsehduell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel wird erst das zweite in der Geschichte deutscher Bundestagswahlen sein. Das Sendeformat stammt aus der amerikanischen Massendemokratie, ihrer Präsidentenwahl und ihrem Zwei-Parteien-System. Insofern paßt es nicht ganz zu den hiesigen politischen Verhältnissen.

An der Beliebtheit solcher Sendungen zwischen Information, Unterhaltung und Reklame ändert das nichts. Gut 15 Millionen Menschen haben das erste im August und September 2002 zwischen Schröder und Edmund Stoiber gesehen; also etwa ein Viertel der Wahlberechtigten. Meinungsforscher betonen vor allem, daß sich die Wähler das Geschehen während einer solchen Sendung einfach besser merken können als die vielen Aussagen der Kandidaten während des sonstigen Wahlkampfes.

Fernsehen sorgte für größere Wahlbeteiligung

Jetzt liegen die ersten empirischen Auswertungen des Seh- und Wahlverhaltens unter dem Einfluß des Fernsehduells von 2002 vor. Die Meinungsforscher des Forsa-Instituts hatten über einen Fragebogen, der auf dem Fernsehbildschirm der Befragten erschien, die Entscheidungsbildung bei mehr als 2.000 Wahlbürgern untersucht. Mehr als 1.400 davon hatten schon in den Wochen vor dem Fernsehduell ihre Meinung zu den Kandidaten und Parteien kundgetan. Kurz nach den TV-Duellen wurden sie nun nach dem „Gewinner“ gefragt. Ein Drittel sah Schröder als den Sieger des ersten Duells, 57 Prozent als den des zweiten, die Zahlen für Stoiber lagen bei 26 und 15 Prozent.

Auf der Grundlage dieser Daten hat der Kölner Soziologe Markus Klein jetzt die Wirkung der Fernsehduelle auf die tatsächliche Wahlentscheidung von Zuschauern untersucht. Dabei stellt er zunächst einen mobilisierenden Effekt des Fernsehens fest: Zuschauer, die zuerst beabsichtigt hatten, der Wahl fernzubleiben, haben sich durch die TV-Duelle überproportional dazu anregen lassen, doch zur Wahlurne zu gehen. „Umgekehrt“, so Klein, „gehen 19 Prozent der Befragten, die ursprünglich an der Bundestagswahl teilnehmen wollten, nicht zur Wahl, wenn sie keines der beiden TV-Duelle gesehen haben.“ Bei denen, die mindestens einmal zugeschaut hatten, lag dieser Anteil zwischen 6 und 10 Prozent, also deutlich niedriger. Statistisch ausgeschlossen werden konnte dabei, daß Personen mit einer höheren Beteiligungsabsicht auch mit höherer Wahrscheinlichkeit bei den Duellen zusahen. Offenbar ist es das Fernsehen selber, das eine Reihe von Leuten dazu bringt, sich doch für die aktive Staatsbürgerrolle zu entscheiden.

Zweites Duell hatte größeren Einfluß

Was den Einfluß der TV-Duelle auf die Wahlentscheidung angeht, stehen die Meinungsforscher natürlich vor einem Interpretationsproblem: Wenn Personen, die der SPD zuneigen, nach einem Duell auch tatsächlich SPD wählen - bei 92 Prozent der SPD-Anhänger unter den befragten Zuschauern war das der Fall -, hat dann die Wahrnehmung von Schröder als dem Gewinner des Duells hierauf einen Einfluß gehabt? Oder ist umgekehrt die Wahrnehmung des Kanzlers als Gewinner abhängig von den Parteipräferenzen der Zuschauer? Auf letzteres gibt es deutliche Hinweise. Allerdings gab es auch Zuschauer, die zwar der SPD zuneigten, aber Schröder nicht als den Gewinner der beiden TV-Duelle empfanden: 21 Prozent dieser Zuschauer gingen nicht zur Wahl. Mit anderen Worten: Das TV-Duell mobilisiert vor allem aus der Gruppe derjenigen, die sich zuvor als Nichtwähler fühlten.

Hatten sich die Befragten vorher für eine andere Partei ausgesprochen, dann wählte fast die Hälfte von ihnen trotzdem die SPD, wenn sie Schröder bei beiden Duellen als Gewinner wahrnahmen. Daß der Kanzler sich auch diesmal zwei Duelle gewünscht hat, paßt ganz zu diesen Auswertungen von Meinungsforscher Klein. Denn diejenigen, die zuvor für eine andere Partei waren und Schröder nur für den Gewinner eines der beiden Duelle hielten, wählten mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit (26 Prozent) SPD. Wer sich also vor einem Duell in puncto Medienpräsenz überlegen fühlt, hat guten Grund, es auf einen zweiten Versuch anzulegen. Immerhin konnte Schröder 2002 den Eindruck, der Gewinner zu sein, vom ersten zum zweiten Duell bei mehr als 20 Prozent der Zuschauer steigern. Die Wirkung beim zweiten Duell fiel stärker aus als beim ersten, was vor allem auf den Termin, der näher dem Wahltag lag, zurückgeführt wird.

Schröder und SPD waren die Gewinner

Insgesamt erhöhte die Wahrnehmung Schröders als Gewinner der Duelle also die Wahrscheinlichkeit, SPD zu wählen, signifikant - welche Wahlabsicht auch immer zuvor bestanden hatte. Hinzu kommen noch die Effekte bei denen, die das Duell nicht gesehen, aber von seinem „Ausgang“ gehört haben.

Immerhin wurde von allen wertenden Äußerungen über die Kanzlerkandidaten, die in den letzten vier Wochen vor der Wahl erschienen sind, ein Drittel an den beiden Tagen nach den Duellen publiziert. Mehr als die Hälfte davon bezogen sich auf Rhetorik und äußeres Erscheinungsbild der Kandidaten.

Lektürehinweis: Markus Klein, „Der Einfluß der beiden TV-Duelle im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 auf die Wahlbeteiligung und die Wahlentscheidung“, in: Zeitschrift für Soziologie Heft 3, Juni 2005.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 62
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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