1985 erschien Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden, die fiktive Autobiographie des 30 Jahre alten Mathias Grewe, der Germanistik studiert hat, viel demonstriert und sich selbst bespiegelt. Die Autoren Georg Heinzen und Uwe Koch waren damals WG-Kollegen in Düsseldorf. Nun ist Koch Scheidungsanwalt in Hamburg, Heinzen macht Spielfilme und lehrt an einer Filmakademie. In Heinzens Düsseldorfer Wohnung haben sie sich wiedergetroffen.
Koch: Mir war Mathias sehr vertraut. Wir haben damals mit der altmodischen Idee Schluss gemacht, dass eine Vita in Lebensphasen funktioniert: Kindheit, Heranwachsen, Partnersuche, Nestbau, Elternschaft, die Früchte ernten, dann der Lebensabend. Heute können wir fünfzig Jahre lang auf kindliche Weise erwachsen sein.
Heinzen: Wir haben dieses Ding mit der Selbstverwirklichung in Gang gesetzt. Wir waren die kleinen Brüder der 68er, eine Zwischengeneration zwischen Eigenheim und Stammheim. Die Leute, die heute in den Talkshows auf diese ganze Zeit einprügeln, konnten ihre Frauen nur verlassen oder als Schwule Bürgermeister werden, weil wir den Boden bereitet haben.
Kaufhausbrandstifter: Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Oktober 1968 im Frankfurter LandgerichtHeinzen: Der Typ ist jetzt 55, hat natürlich eine gescheiterte Ehe hinter sich und einen Job in den Medien. Der hat den Prozess der Anpassung durchgemacht, den wir alle durchgemacht haben: Wie schaffe ich es, mir eine ökonomische Existenz zu sichern und trotzdem nicht alle Werte über Bord zu werfen?
Koch: Er hat aber auch eine gesellschaftliche Erfolgsbilanz. Es gibt zum Beispiel einen pazifistischen Grundkonsens. Ich finde heute: Ich habe eigentlich ein ganz schönes Heimatland.
Heinzen: Klar, gegen diesen Nachrüstungsbeschluss.
Koch: Ja.
Koch: Selbsterfahrung, Körperarbeit, sexuelle Ausrichtung, über Johannes Raus Kleidung lästern.
Heinzen: Das war der Spielplatz einer goldenen Zeit. Ich finde es schade, dass heute alle so effizient sind. Meine Bachelor-Studenten sollen sich nach sechs Semestern mit einer Diplomarbeit auf einem globalen Filmfestival präsentieren.
Heinzen: Viele sind konventioneller. Sie sehnen sich nach stabilen Verhältnissen. Viele sind Scheidungskinder, also gibt es in Beziehungen dieses Klammer-Ding. Sie haben eine sehr, sehr starke Angst, im globalen Wettbewerb nicht zu bestehen. Und wie spießig leben deren Idole! Unsere Idole, Jimi Hendrix und so, sind an ihrer Kotze erstickt. Die heute geben auf der Bühne die Bitch und zu Hause die Mutter. Ist doch crazy.
Koch: Wie wir waren, das war der Mainstream. Und die anderen, die hatten einen gelben Pullover und waren brav.
Heinzen: Fairerweise muss man aber sagen: Unsere alte Cordhose war ein Statusobjekt wie heute etwas von Dolce & Gabbana. Es gab immer eine panische Angst, normal zu sein.
Koch: Die machen nicht mehr so viel Fachschaftsarbeit. Ihre Projekte sind immer ein bisschen karrierebezogen. Aber deshalb nicht ökologisch unverantwortlich.
Heinzen: Ich bin da nicht so optimistisch. Es gibt auch einen Triumph der Uncoolen. Die Nerds von damals, die Angepassten, haben es geschafft, ihre Nerd-Kultur zum Mainstream zu machen. Wir haben jetzt 20 Jahre lang den Businessman als Hero erlebt - die Kultur, die wir verachtet haben. Möglicherweise erleben wir aber jetzt, dass das globale Finanzsystem ins Prekariat abstürzt.
Heinzen: Ich würde das nicht Triumph nennen, ich finde es nur interessant, wie sich Zyklen bewegen. Ich finde es aber gefährlich, Noten zu verteilen, so: Ey, ihr seid aber unpolitisch. Ich war seit vielen Jahren auch nicht mehr auf einer Demo. Und wenn ich streikende Opel-Arbeiter sehe mit Trillerpfeifen, finde ich das peinlich. Wir haben es auch leichter gehabt, unsere Jugendkultur war die Protestkultur. Und wir sind nicht nur auf die Bonner Rheinwiese gefahren wegen der bösen Nato-Raketen, sondern wir haben da Party gemacht, Frauen kennengelernt.
Heinzen: Deren Problem ist, dass es keine neue Ästhetik des Widerstands gibt. Sobald einer anfängt, einen verrückten Style zu entwickeln, ist das zwei Wochen später auf der "Vogue".
Koch: Dass es sie gibt, zeigt, dass die sozialen Fragen Bestand haben. Ich bin immer im Herzen völlig bei denen. Ist eigentlich auch was Blödes daran, dass man so einen Stellvertreter-Protest goutiert.
Koch: Ich habe durchaus meine Agenda. Ich bin für Mindestlöhne und Bürgersicherung. Aber ich glaube nicht mehr an diese Körperlichkeit, dieses Mann gegen Mann.
Heinzen: Ich habe kürzlich bei einer Internetpetition mitgemacht. Auf Kreta soll in einer schönen Bucht, wo wir immer herumhängen, ein riesiger chinesischer Terminal gebaut werden für Containerschiffe. Das ist vielleicht eine andere Möglichkeit des Protests, dass man heute eine virtuelle globale Community schaffen kann.
Heinzen: Das war nicht mehr die Zeit von Fritz Teufel. Es war der Versuch, die Attribute des Erwachsenseins zu übernehmen. Heute werden die viel früher übernommen.
Koch: Wenn es keine Lebensphasen mehr gibt, gibt es auch nicht mehr so etwas wie Jugendmode. Mit 85 wird mir doch keiner sagen, dass ich keine Jeans tragen darf.
Heinzen: Ich glaube aber, die jungen Leute hassen uns dafür. Ich habe kürzlich eine Hose anprobiert und fand die schön. Dann dachte ich: Das ist genau das, womit mein Sohn herumrennt.
Das Gespräch mit Georg Heinzen und Uwe Koch führte Florentine Fritzen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, Florentine Fritzen