28. Dezember 2007 Nach dem Mordanschlag auf die Oppositionsführerin Benazir Bhutto ist es in der Nacht zum Freitag in ganz Pakistan zu Ausschreitungen von Anhängern Bhuttos gekommen. Die schwersten Unruhen wurden aus der südlichen Hafenstadt Karachi gemeldet. Autos und Regierungsgebäude wurden in Brand gesteckt, Geschäfte geplündert und Straßen mit brennenden Reifen blockiert. Bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften wurden nach Berichten pakistanischer Fernsehsender insgesamt 15 Menschen getötet. In Sprechchören wurde Staatschef Pervez Musharraf von Anhängern Bhuttos als Mörder beschimpft. Laut unbestätigten Berichten eines Fernsehsenders soll sich das Terrornetz Al Qaida des Anschlags auf Bhutto bezichtigt haben.
Die Leiche der Politikerin wurde am Morgen zur Beisetzung in ihre Heimatprovinz im Süden des Landes übergeführt. Eine Militärmaschine mit dem Sarg der Ermordeten landete in Sukkur in der Provinz Sindh. Der Leichnam soll später am Tag in Bhuttos Heimatort Garhi Khuda Bakhsh beigesetzt werden. Die zweimalige Premierministerin war am Donnerstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Rawalpindi einem Selbstmordattentat zum Opfer gefallen. Mit ihr kamen mindestens 20 ihrer Anhänger ums Leben.
Wird die Wahl verschoben?
Unterdessen schließt die Regierung anscheinend nicht aus, die eigentlich für den 8. Januar geplante Parlamentswahl zu verschieben. Auf die Frage, ob über eine Verschiebung schon entschieden wurde, sagte Übergangsministerpräsident Mohammadmian Soomro am Freitag: Noch nicht. Der Wahltermin bleibt wie angekündigt. Aber die Regierung werde darüber mit den politischen Parteien des Landes beraten.
Das Terrornetz Al Qaida hat sich unterdessen nach Medienberichten zu dem Anschlag auf Bhutto bezichtigt. Wie die Zeitung Asia Times am Freitag in ihrer Onlineausgabe berichtete, übernahm die Führung der Al Qaida in Afghanistan telefonisch die Verantwortung für die Ermordung der zweimaligen früheren Regierungschefin Pakistans.
Laut dem Zeitungsbericht soll es sich bei dem Anrufer um den Führer des Terrornetzes in Afghanistan, Mustafa Abu al-Yazid, gehandelt haben. Er habe den Mord als ersten großen Sieg gegen die Verbündeten des Westens in Pakistan bezeichnet, hieß es weiter. Auch der private pakistanische Fernsehsender Ary TV berichtete, Al Qaida habe sich zu dem Mordanschlag bekannt. Das pakistanische Innenministerium erklärte dagegen, es wisse nichts von einer Beteiligung der Terrororganisation.
Ausschreitungen und Aufrufe
Von Sukkur aus sollte der Leichnam zunächst mit einem Hubschrauber und schließlich auf der Straße in Bhuttos Heimatort gebracht werden. Ihr Ehemann Asif Ali Zardari und die drei Kinder sowie hohe Parteifunktionäre hatten den Berichten zufolge den Sarg auf dem Flug von Rawalpindi nach Sukkur in der C-130-Militärmaschine begleitet. Bhutto sollte dem Vernehmen nach neben ihrem Vater Zulfikar Ali Khan Bhutto beigesetzt werden. Er wurde 1977 als Regierungschef vom Militär gestürzt und zwei Jahre später hingerichtet.
Präsident Pervez Musharraf hatte die Bevölkerung zuvor zur Ruhe aufgerufen und eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. In einer Fernsehansprache machte er islamische Extremisten für den Anschlag verantwortlich. Dies war die Tat derselben Extremisten, gegen die auch wir kämpfen. Erst vor zehn Tagen hatte Musharraf den Ausnahmezustand aufgehoben. Pakistan, seit 1998 Atommacht, ist ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Terrorismus.
Internationale Empörung
International löste das Attentat Empörung aus. Der amerikanische Präsident George W. Bush nannte es einen feigen Akt. Die Kräfte, die dahinter stünden, wollten die Demokratie in Pakistan untergraben. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach von einem ruchlosen Verbrechen. Die EU verurteilte das Attentat als barbarischen Akt der Gewalt. Bundeskanzlerin Merkel reagierte mit Erschütterung und Abscheu. Der britische Premierminister Gordon Brown sprach von einem traurigen Tag für die Demokratie.
Bhutto war erst vor zehn Wochen - bei ihrer Rückkehr aus dem selbstgewählten Exil - einem Selbstmordanschlag auf ihre Wagenkolonne in der Hafenstadt Karachi unverletzt entgangen. 139 Menschen wurden dabei getötet. Bhutto nahm seit Jahrzehnten in der pakistanischen Politik eine maßgebliche Rolle ein.
Der frühere Premierminister Nawaz Sharif, ein politischer Rivale Bhuttos, kündigte nach dem Attentat an, die Parlamentswahl zu boykottieren und rief zum Generalstreik auf. Er sprach von einer Tragödie für die gesamte Nation. Das ist eine sehr ernste Situation für das Land, sagte Sharif. Die Regierung hätte mehr für Bhuttos Schutz tun müssen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS