Von Nico Fickinger
23. Mai 2006 Wer sich duelliert, schickt seine Sekundanten voraus. Hartmut Hoffmann ist der erste von ihnen. Als das Verdi-Mitglied mit der Delegiertennummer 377 Dienstag morgen im großen Saal des Berliner Estrel-Hotels ans Mikrophon tritt und für den nächsten Wahlgang eine geheime Abstimmung fordert, um wirklich ein demokratisches Ergebnis zu erzielen, ahnen viele, was folgen wird: Ursula Engelen-Kefer (SPD) tritt doch gegen Ingrid Sehrbrock (CDU) zu einer Kampfkandidatur um den stellvertretenden Vorsitz im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) an.
Um 10.24 Uhr, als der Metaller Reinhard Böckl sie zur Kandidatur auffordert, ist nicht nur klar, daß Frau Engelen-Kefer in den Ring steigt; auch das Ergebnis des Duells scheint schon ausgemacht: Nimmst du die Wahl an? fragt die Sitzungsleiterin Anne Jenter, sichtlich verwirrt, und sorgt mit ihrem Versprecher für Gelächter und eine kurze Erholungspause.
Einer der schwersten Momente im Leben
Dann tritt Frau Engelen-Kefer ans Mikrophon, und die Spannung ist kaum noch zu steigern. Sie habe, so wird im Saal gemunkelt, eine Verzichtserklärung vorbereitet. Wird sie diese nun verlesen? Das ist einer der schwersten Momente in meinem Leben, hebt sie an - und noch immer spannt sie die Delegierten und die Presse auf die Folter. Dann sagt sie: Ich wollte weitermachen! Und aus Block C, in dem die Verdi-Delegierten sitzen, brandet ihr erlösender Beifall entgegen. Der Vorwurf der Findungskomission, sie sei zu alt und zu orthodox habe eine Kandidatur zunächst sinnlos erscheinen lassen, rechtfertigt sie sich; dann aber habe sie der überwältigende Zuspruch zum Antreten ermuntert. Dazu bin ich den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und euch Delegierten verpflichtet, und deshalb stelle ich mich zur Wahl.
Wolf Jürgen Röder, Mitglied im Vorstand der IG Metall, reagiert sofort, geht ans Pult und erklärt, er sei tief betroffen über die Kandidatur. Am Morgen, so enthüllt er jetzt den Delegierten, habe Frau Engelen-Kefer noch verkündet, sie würde ihren Verzicht erklären, um den Kongreß nicht vor eine Zerreißprobe zu stellen. Ob diese späte Bloßstellung jetzt noch hilft?
Wir haben keine Erbhöfe
Der Unwille der Delegierten, das Personaltableau zu akzeptieren, ist schon vor dem ersten Urnengang deutlich hörbar gewesen, als Franz-Josef Möllenberg, der als dienstältester Gewerkschaftsführer der Findungskkommission vorsaß, noch einmal die Motive für die Auswahl der Kandidaten erläutert. Man habe Frau Engelen-Kefer nicht mehr berücksichtigt, weil sie im Falle einer Wahl erst mit 67 Jahren aus dem Amt geschieden wäre - ein fatales Signal in Zeiten, in denen die Gewerkschaften die Rente mit 67 erbittert bekämpfen. Frau Engelen-Kefer habe dies nach einigen Wochen Bedenkzeit am 6. Dezember 2005 akzeptiert. Das ist Fakt, und das ist der chronologische Ablauf, sagt Möllenberg und hat Mühe, die Pfiffe der Delegierten zum Verstummen zu bringen.
Von einem Königinnenmord könne nicht die Rede sein. Wir haben keine Könige und Königinnen und keine Erbhöfe, sondern immer nur ein Mandat auf Zeit, nicht mehr und nicht weniger, ruft er den Delegierten zu und bittet sie, den in sich stimmigen und schlüssigen Personalvorschlag des Bundesvorstands auch mit dem entsprechenden eindeutigen Votum auszustatten.
Die alten Narben brechen wieder auf
Im Saal bleibt es unruhig, weil einige Delegierten Mühe haben, ihre Stimmkarten von den für die Wahlurnen gedachten Stimmzetteln zu unterscheiden. Wieder Verwirrung, Gelächter. Die sollten Wahlbeobachter herschicken, spottet ein Metaller. Die größte Unruhe aber hat Möllenberg gestiftet, indem er mit dem langatmigen Hinweis auf Engelen-Kefer alle Frauen im Saal gegen sich aufbrachte. So eine Debatte habe ich noch nie um einen Mann erlebt, entrüstet sich eine ranghohe Verdi-Funktionärin - und das auf einem Kongreß, der sich ausdrücklich die Würde des Menschen zum Maßstab nehmen will.
Michael Sommer ist der erste, der von den Delegierten einen deutlichen Dämpfer erhält. In den wenigen Sätzen, die er sagt, läßt er erkennen, wie tief der Riß ist, den die Personaldebatte durch den Dachverband zieht. Ich werde alles daran setzen, den Laden zusammenzuhalten, ruft er den Delegierten zu, und es klingt, als verzweifele er allmählich an seiner eigenen Organisation: Schon einmal, 2003, hat der DGB über die richtige Strategie im Kampf gegen die Agenda 2010 die Spaltung riskiert. Jetzt brechen die alten Narben wieder auf, festgemacht an zwei Personen: Engelen-Kefer steht für kämpferische Konfrontation, Sehrbrock für konstruktive Kritik.
Streicheleinheiten und Stereotype
Ihre Stärken hat Engelen-Kefer bereits am Vorabend eindrucksvoll zur Schau gestellt. Sie nutzt den Rechenschaftsbericht über die vergangenen vier Jahre, um für ihre Positionen zu werben. Geschickt verwendet sie den traditionellen gewerkschaftlichen Duktus, bedient alle Stereotypen; kein Thema, keine Personengruppe wird ausgelassen: Zunächst verteilt sie Streicheleinheiten für die Tarifpolitiker von IG Metall und Verdi, lobt die gemeinsam errungenen Siege (Ich weiß, wie Ihr gekämpft habt!).
Dann folgt die Botschaft, hinter der sie die Delegierten versammeln will: Der Durchmarsch der neoliberalen Demagogen, die sich auf Samtpfoten in Talk-Shows schleichen, ist gestoppt. Die Gewerkschaften, die für alles und jedes zum Sündenbock gemacht wurden, als Tarif- und Sozialkartell beschimpft, als Arbeitslosenindustrie verleumdet und schließlich als Plage verunglimpft, haben sich nicht kleinkriegen lassen. Dabei steht diesmal toto pro pars. Alle wissen: wo sie Gewerkschaften sagt, meint sie sich selbst.
Die Person, die sechs Jahre als Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit und sechzehn Jahre als Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes wie keine andere das System verkörpert hat, arbeitet an ihrer eigenen Rehabilitierung.
Im Stakkato
Dann, stakkatohaft, spult sie die gewerkschaftlichen Forderungen herunter: für eine aktive Beschäftigungspolitik, für die solidarische Finanzierung der Sozialversicherungen, für Mindestlöhne, gegen Kürzungen beim Arbeitslosengeld II, gegen eine Aufweichung des Kündigungsschutzes. Sie, die zunächst konzentriert vom Blatt gelesen hat, redet sich in Rage, beschwört das Wir-Gefühl, knüpft unsichtbare Fäden zwischen ihr und den Delegierten im Saal: Wir sitzen alle im selben Boot, wir kämpfen für dieselbe Sache, lautet ihre Botschaft - aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. Soll heißen: Eine wie ich wird noch gebraucht.
Erst am Ende schleicht sich ein Zittern in ihre Stimme, ein Kloß in ihren Hals. Ist das vielleicht doch keine vorgezogene Bewerbungsrede, sondern ein Paukenschlag zum Abgang? Ist diese Rede ihr Vermächtnis? Dafür stehe ich, sagt sie und tritt ab. Der Applaus, der ihr entgegenbrandet, dürfte sie ermuntern und bestätigen. Vielleicht steht sie morgen doch wieder hier, als wäre nichts gewesen?
Um 10.53 Uhr wird der Wahlgang eröffnet, beide Bewerberinnen haben Gelegenheit, sich vorzustellen. Sehrbrock gibt sich gelassen. Kampfkandidaturen gehören zu demokratischen Gepflogenheiten und zum politischen Geschäft, sagt sie lakonisch und zitiert den früheren Arbeitsminister Norbert Blüm: Wer Harmonie suche, müsse in den Gesangverein gehen.
Sehrbrock schlägt zurück
Dabei legt sie, wie so oft, wenn sie redet, den Kopf zur Seite, kneift die Augen zusammen, preßt abwägend, die richtige Formulierung noch Sekundenbruchteile zurückhaltend, die Lippen aufeinander, was ihrem Mienenspiel etwas Griesgrämiges gibt - und die Delegierten nicht gerade zu Beifallsstürmen treibt.
Und doch ist ihre Bewerbungsrede deutlich besser als die mündlichen Erläuterungen zum Geschäftsbericht, die sie am Vortrag monoton und emotionslos vorgetragen hat. Jetzt schlägt sie auf allen Feldern zurück, die Engelen-Kefer vor ihr besetzt hat, redet über Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik.
Dann ein anderer indirekter Seitenhieb: Natürlich seien die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik wichtig, aber die Bildungspolitik, für die sie zuständig ist, müsse ebenfalls eine hervorgehobene Rolle im DGB spielen. Das Personaltableau nennt sie eine moderne Interpretation von Einheitsgewerkschaft und fordert, der DGB müsse die gleiche Nähe und Distanz zu den Parteien haben.
Aufbruchstimmung oder Schmusekurs?
Den Delegierten reicht das nicht. Man muß nicht tätscheln, sondern einen klaren Kurs gegen die unsoziale Steuerpolitik fahren, wettert Eberhard Brandt von der linken Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und fordert eine klare Aussage von Sehrbrock: Aufbruchstimmung oder Schmusekurs - wofür stehst du?
Der DGB habe sich in seinem Kampf gegen unsoziale und ungerechte Reformen keine Versäumnisse vorzuwerfen, betont Sehrbrock. Aber man muß manchmal auch hinnehmen, daß man nicht erfolgreich ist. Ihre Linie ist klar: Sie will nicht Aufbruchstimmung verbreiten, sondern Realismus. Früher einmal habe auch sie geglaubt, es sei damit getan, über die Frankfurter Rundschau eine kämpferische Pressemeldung abzusetzen, schreibt Sehrbrock ihren Kritikern ins Stammbuch. Heute weiß sie: Damit fängt die Arbeit erst an. Um Positionen durchzusetzen, müsse man auch die nötigen Mehrheiten organisieren.
Das letzte Geleit
Das gelingt ihr unerwartet gut, jedenfalls in eigener Sache: Um 11.53 Uhr verkündet Roland Kern von der IG Bau das Abstimmungsergebnis. 161 Delegierte haben für Ursula Engelen-Kefer votiert, 212 für Ingrid Sehrbrock, das sind 56,8 Prozent und damit die nötige Mehrheit.
Engelen-Kefer, von Kameras und Mikrophonen umringt, sagt, sie freue sich über das Ergebnis. Dann verläßt sie den Saal, über den sich eine lähmende Stille gelegt hat. Der Troß der Journalisten folgt ihr durch das Spalier der Delegierten und gibt ihr gleichsam das letzte Geleit. Sie sei mit sich selbst im Reinen, sagt Engelen-Kefer später, als sie sogar schon wieder zu Scherzen aufgelegt ist. Nur ihre zur Faust zusammengekrampften Hände verraten die innere Anspannung. Ich hätte es mir einfach machen können, sagt sie. Aber ich bin meistens den schwierigen Weg gegangen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: ddp, dpa/dpaweb, REUTERS