Von Bernd Heptner, Wiesbaden
19. Dezember 2006 Eigentlich sollte Henrico Frank, ein 37 Jahre alter Mann aus Wiesbaden , an diesem Dienstag jenseits des Rheins in der Mainzer Staatskanzlei vorsprechen. Dort sollten ihm einige Jobangebote unterbreitet werden. Damit wollte Kurt Beck, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Bundesvorsitzende der SPD, ein Versprechen einlösen, das er vorige Woche bei einer zufälligen Begegnung in Wiesbaden gemacht hatte.
Doch am Sonntag ließ Frank dann durch Brigitte Vallenthin von der Wiesbadener Hartz-IV-Plattform in Mainz ausrichten, Herr Frank habe wegen einer ehrenamtlichen Tätigkeit langfristige Verpflichtungen und könne daher nicht kommen. Nicht genug damit. Seine Majestät Henrico, der Arbeitslose, ließ auch gleich noch eine Mißbilligung kundtun. Er warf dem Ministerpräsidenten vor, in den Medien einen Termin genannt zu haben, bevor die Einladung in seinem Briefkasten gelandet war. Als Kommentar fügte Brigitte Vallenthin hinzu: Das ist der gleiche Umgang wie auf dem Weihnachtsmarkt - Arbeitslose haben Gewehr bei Fuß zu stehen. Ich finde das ziemlich übel. Womit wir an dem Ausgangspunkt der Geschichte angelangt wären, die inzwischen zu einem vorweihnachtlichen Medienspektakel geworden ist.
So, jetzt wolle mer abber zu de Leut
Begonnen hatte die Sache nämlich recht harmlos auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt, der sich in der hessischen Landeshauptstadt Sternschnuppenmarkt nennt. Dort, zwischen Rathaus und Landtag, hatte die SPD vergangene Woche eine Wahlkampfveranstaltung: Kurt Beck schlenderte mit dem SPD-Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl im Frühjahr, dem ehemaligen katholischen, parteilosen Stadtdekan Ernst-Ewald Roth, über den Markt, um dem bisher eher blassen Kandidaten ein wenig Publizität zu verschaffen.
Also bummelten Beck und Roth mit ihrem Troß an den Weihnachtsbuden vorbei und gaben Interviews, bis es dem Ministerpräsidenten reichte und er verlangte: So, jetzt wolle mer abber zu de Leut. Unter diesen Leuten war auch Henrico Frank, unrasiert, mit wüstem Haarschopf, Nasenpiercing und angetrunken. Lautstark pöbelte er Beck wegen der Hartz-IV-Gesetze an und bedankte sich höhnisch bei ihm für die Lage der Arbeitslosen in Deutschland.
Der vollbärtige Beck reagierte spontan und gab ihm den guten Rat: Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job. Wie zur Entschuldigung seiner Reaktion fügte Beck noch den Satz hinzu: 's Lebbe iss doch, wie es iss. Henrico Frank schien so verdattert, daß er nach einigem Zögern versprach, den Rat zu beherzigen - wenn er dafür zur Besserung seiner Lage in die Mainzer Staatskanzlei eingeladen werde.
Mediale Lawine
Die kurze Szene, nicht außergewöhnlich für bekannte Politiker, die beim Gang durch die Menge immer wieder auch beschimpft werden, entwickelte sich dank vor allem der Bild-Zeitung zur medialen Lawine. Becks Hygiene-Ratschläge für Arbeitslose wurden zum Politikum, sein Umgang mit der sogenannten Unterschicht zum Gegenstand politischer Kontroversen.
Henrico Frank, der zwar Mitglied der Wiesbadener Hartz-IV-Plattform ist, von dem es aber auch Fotos mit dem Button Arbeit ist Scheiße gibt , wurde als berühmtester Arbeitsloser der Republik zum Medienstar. Er konnte sich vor Interview-Anfragen von Radio und Fernsehen auf seinen vier Handys kaum retten. Journalisten schleppten ihn schließlich auf ihre Kosten zum Friseur. Mit dem Ergebnis war Frank herzlich unzufrieden. So ordentlich kurz wollte es der sich selbst seit 20 Jahren als Punk fühlende Frank doch nicht haben. Auch seinem zotteligen Bart weinte er nach. Dem Fotografen, so klagte Frank, sei es nur darum gegangen, schöne Vorher-nachher-Bilder zu bekommen.
Wie er in Zeitungsinterviews erzählte, hatte er ein wechselhaftes Arbeitsleben. Er wuchs in Gotha auf, absolvierte eine Maurer-Lehre, wurde aber wegen einer Schulterquetschung arbeitsunfähig, schlug sich als Schaffner durch, zog wegen einer Liebe nach Wiesbaden und hielt sich mit kleinen Jobs als Altenpfleger und Gärtner über Wasser. Derzeit lebt er nach seinen Worten mehr schlecht als recht von 345 Euro Hartz-IV-Unterstützung im Monat.
Hab' es satt, von Almosen und vom Amt zu leben
Nach eigener Aussage ist er politisch aktiv: Lange Zeit habe er mit der anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands sympathisiert, seit zwei Jahren sei er Mitglied der Linkspartei. Frank versichert, er wolle arbeiten, er habe es satt, von Almosen und vom Amt zu leben. Auch dem Alkohol will er endlich entsagen. Wenn er mit den Vorsätzen Ernst machen will, dann kann er aus fünf Jobangebote auswählen, die die rührigen Mitarbeiter der Staatskanzlei bei rheinland-pfälzischen Unternehmen akquiriert haben. Becks Arbeitsvermittler überbrachten dem terminlich verhinderten Frank am Montag die Stellenangebote. Es handele sich um konkrete Offerten seriöser Firmen. Damit ist die Zusage des Ministerpräsidenten erfüllt.
Beck wird die zweimalige Absage Franks verschmerzen können, hat er doch genug parteiinternen Ärger wegen seines Wasch-Tips für Arbeitslose. Immerhin - zur eigenen Überraschung heimste der volkstümliche Beck für seine politisch unkorrekte Äußerung die begeisterte Zustimmung vieler Bürger ein, die ihm per Mails oder in Briefen für seine klaren Worte dankten. Doch die SPD-Linke fand Becks Ratschlag anstößig, weil damit der Eindruck erweckt werde, man brauche nur sauber gewaschen und gescheitelt aufzutreten, um Arbeit zu finden. Es passe zu der von Beck losgetretenen Unterschicht-Debatte, die dem Ansehen der SPD ohnehin schon geschadet habe. Der Parteivorsitzende vergrätze damit jene Leute, die einmal treu SPD gewählt hätten. Die Linkspartei riet Beck sogar, dieser solle sich bei Frank entschuldigen, denn wer am Boden liegt, braucht Hilfe und keine symbolischen Fußtritte.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, ddp, dpa