Von Dirk Laabs
29. März 2004 Es überraschte die deutschen Ermittler kaum, als am Donnerstag eine erste, wenn auch dünne Spur darauf hinwies, daß einer der mutmaßlichen Attentäter von Madrid Kontakte nach Deutschland hatte. Denn islamistische Terroristen machen vor Landesgrenzen nicht halt. Auch wenn Bundesinnenminister Otto Schily beteuert, Deutschland sei "kein Hort des Terrors", wissen er und die deutschen Sicherheitsbehörden seit langem: Mindestens eine Spur führt nach jedem großen Anschlag der Al Qaida nach Deutschland.
Schon an dem Angriff auf das World Trade Center im Jahr 1993 war ein gebürtiger Ägypter beteiligt, der lange in München gelebt hatte, sogar deutscher Staatsbürger war. Auch 1998, nach den Attacken auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, gab es eine Verbindung nach Deutschland. Einer der Drahtzieher hatte eine Geschäftsadresse in Hamburg, benutzte dort die Anschrift eines Syrers, der dem amerikanischen Geheimdienst schon seit 1995 suspekt war. Dieser Mann wiederum kannte seit Anfang der Neunziger den späteren Todespiloten Mohammed Atta. Ein enger Freund Attas, Ramzi Binalshibh, wurde einer der Koordinatoren der Anschläge vom 11. September. Zuvor jedoch, just im Frühherbst 2000, flog Binalshibh von Deutschland aus für eine knappe Woche in seine Heimat Jemen - einen Tag nach seiner Ankunft rammte dort ein mit Sprengstoff beladenes Boot das Kriegsschiff "USS Cole".
Mindestens 1.000 Al-Qaida-Unterstützer in Europa
Kurz bevor die Synagoge in Djerba in die Luft gesprengt wurde, rief einer der Attentäter einen deutschen Islamisten an, um von ihm den Segen dafür zu bekommen. Der Anschlag von Bali wurde angeblich von einem Ägypter mitfinanziert, der die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat. Der Mann lebt jetzt, nachdem er kurz in Indonesien inhaftiert war, auf der Schwäbischen Alb. Schließlich kam auch nach den Anschlägen in Istanbul heraus, daß die türkischen Attentäter regelmäßig mit Kontaktpersonen in Deutschland telefonierten. Diese vielen Verbindungen nach Deutschland bedeuten jedoch nicht, daß alle Al-Qaida-Operationen hier geplant worden sind. Auch sind die Kontakte kein Beleg dafür, daß Deutschland an die Stelle von Afghanistan als Zentrum der Bewegung getreten ist. Al Qaida hat kein Zentrum mehr, geplant wird überall, parallel an mehreren Orten. All die Spuren nach Deutschland zeigen allein, daß Al Qaida über Jahre ein funktionierendes Netzwerk aufgebaut hat.
Mindestens 1.000 Al-Qaida-Unterstützer oder Aktivisten gibt es in Europa, schätzen Experten. Nicht nur flächendeckend in Deutschland, sondern in nahezu jedem westeuropäischen Land. Ein radikaler Imam zog bis zu seiner Verhaftung lange Zeit die Fäden für Al Qaida in London, in Frankreich, Italien und Spanien wurden Dutzende Anhänger verhaftet, und noch mehr sind auf freiem Fuß. Selbst nach Schweden, Dänemark und in die Schweiz führen Spuren.
Deutschland keine Sonderrolle für die Al Qaida
Deutschland spielt daher keine Sonderrolle für die Al Qaida und ist auch nicht ihr "Hauptquartier", wie Innenminister Schily am Freitag in Berlin hervorhob. An den großen, spektakulären Anschlägen sind oft viele Al-Qaida-Anhänger in sehr vielen Ländern beteiligt. Unterstützer gibt es genug.
Und sie helfen sich. Oft ist es unmöglich für die Ermittler, zu erkennen, wo ein Freundschaftsdienst aufhört und die Vorbereitung auf ein Attentat anfängt. Viele der Al-Qaida-Anhänger in Europa kennen sich aus der gemeinsamen Heimat. Sowohl in Hamburg als auch in Madrid stammt die erste Islamisten-Generation aus Syrien. Als Moslembrüder wurden sie in ihrer Heimat verfolgt, sie flohen nach Europa, bauten ihr Netzwerk auf. Es folgte die zweite Generation, meist Marokkaner, die an die etablierten radikalen Syrier gerieten.
Nationalität, Herkunft, Grenzen - all das spielt für Islamisten, die sich Al Qaida verschrieben haben, keine Rolle. Bereits vor dem 11. September 2001 sagte ein FBI-Ermittler ehrfürchtig: "Sie sind schon da, wo wir in 100 Jahren sein wollen." Allein der Glaube an die absolute Macht Gottes und an das gemeinsame Ziel gilt: die Ermordung aller Ungläubigen, um einen weltweiten Gottesstaat zu errichten. So knapp ist im Kern das Programm der Al Qaida und ihrer Anhänger. Sie sind die ersten global denkenden Terroristen mit einer weltweit gültigen Agenda und einem Ziel, das es überall umzusetzen gilt.
Staatsmacht läßt die Muskeln spielen
Und nun Darmstadt: Ein 28 Jahre alter Marokkaner, der am Mittwoch in Spanien festgenommen wurde, hat angeblich eine Zeit- lang hier gelebt, zur Untermiete in einem schlichten Wohnblock aus den fünfziger Jahren. Als die spanischen Ermittler dieses Detail herausfanden, baten sie ihre deutschen Kollegen um Hilfe. Donnerstag nacht sprengte ein Sondereinsatzkommando die Tür zur Wohnung auf, stürmte in den Flur, durchsuchte die Räume. Daß die Staatsmacht so vehement die Muskeln spielen ließ, wird wenig konkrete Ergebnisse bringen. Denn der verdächtige Marokkaner soll, so hieß es in Justizkreisen, nur wenige Tage in der Wohnung verbracht haben - im vergangenen Oktober.
Die Durchsuchung durch das Rollkommando zeigt die Machtlosigkeit der Ermittler: Man kommt zu oft zu spät, weil man zwar das Netzwerk und viele der Sympathisanten kennt, aber nur selten herausfinden kann, was die Anhänger planen, wer den Impuls auslöst, der das Netz aktiviert. Wer hatte die Idee, wer gab den Befehl, loszuschlagen? Das zu erkennen ist für die Geheimdienste und Polizei weltweit noch schwieriger geworden. Denn anders als von Washington gedacht, hat die teilweise Zerstörung der afghanischen Terrorlager nicht geholfen, Al Qaida zu zerschlagen. Im Gegenteil.
Dezentralisiertes Netzwerk Al Qaida
Der ehemalige Bush-Berater und Terrorfachmann Richard Clarke sagte bei seiner Anhörung vor der Kommission zum 11. September: "In den vergangenen dreißig Monaten ist aus Al Qaida ein dezentralisiertes Netzwerk geworden, mit nationalen und regionalen Schwestergruppierungen, die effektiv und unabhängig operieren. In den 30 Monaten seit dem 11. September gab es mehr Al-Qaida-Anschläge als in der gleichen Zeitspanne vor dem 11. September." Die Invasion Iraks habe zudem die Muslime wütend gemacht, "wahrscheinlich werden jetzt Terrorzellen gebildet, von denen der amerikanische Geheimdienst gar nichts mitbekommt", warnte Clarke.
Deswegen beruhigt es die europäischen Ermittler nicht, daß auch die Attentäter von Madrid so viele Spuren hinterlassen haben, die es der Polizei leichtmachen, die Hauptverdächtigen mit der Tat eindeutig in Verbindung zu bringen. Doch das gelingt meist erst, wenn es zu spät ist: nach der Tat. Al Qaida macht zwar oft Fehler, aber die Aktivisten geben nie auf. Ein Verfassungsschützer sagt über die Szene der Islamisten in Deutschland: "Sie sind vielleicht vorsichtiger geworden, aber ihre Planungen haben sie nicht abgebrochen."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.03.2004, Nr. 13 / Seite 4
Bildmaterial: EFE, F.A.Z.-Greser&Lenz