RAF-Terror

Erschossen und weggesprengt

Von Reinhard Müller

24. April 2007 Der Fall Buback ist nicht gänzlich aufgeklärt. Doch weiß man über dieses Verbrechen deutlich mehr als über andere Morde der RAF. Am 1. Februar 1985 klingelt ein Paar am Gartentor des Hauses von Ernst Zimmermann. Zimmermann ist Vorsitzender der Motoren und Turbinenunion GmbH (MTU) sowie Präsident des Bundesverbandes der Luft- und Raumfahrtindustrie. Eine Frauenstimme meldet sich; sie wolle ein Kuvert für Zimmermann abgeben. Frau Zimmermann lässt sie herein und holt ihren Mann.

In diesem Moment dringt ein Mann mit einer Maschinenpistole ein. Das Ehepaar Zimmermann wird gefesselt, die Frau auch geknebelt und in der Diele liegen gelassen. Der 56 Jahre alte Ernst Zimmermann wird ins Schlafzimmer geführt und auf einen Stuhl gesetzt. Die Terroristen schießen ihm in den Hinterkopf. Frau Zimmermann kann sich bald befreien, ihrem Mann kann der Notarzt nicht mehr helfen.

Die Täter entkommen unerkannt

Das von dem Paar zurückgelassene Kuvert enthält die Worte „P. O'Hara“. Patrick O'Hara war ein nordirischer Terrorist, der bei einem Hungerstreik ums Leben kam. Am späten Vormittag meldet sich jemand telefonisch beim „Gautinger Generalanzeiger“: „Hier ist die RAF. Wir haben ein wichtige Mitteilung. Das Kommando Patsy O'Hara übernimmt die Verantwortung für den Anschlag auf den BDLI-Präsidenten und Chef von MTU Ernst Zimmermann. Die westdeutsche Guerrilla erschüttert das imperialistische System.“ Zimmermann war über seine Gefährung von der Polizei informiert worden. Seiner Frau sagte er nichts, um sie nicht zu beunruhigen. Otto Schily, einst RAF-Anwalt, sagte: „Einen Menschen gefesselt und in Gegenwart seiner Frau per Genickschuss zu liquidieren ist nichts anderes als faschistische Henkersmentalität.“ Die Täter entkommen unerkannt.

Am 7. August 1985 wird der amerikanische Soldat Edward Pimental in der Wiesbadener Diskothek „Western Saloon“ von der RAF-Angehörigen Birgit Hogefeld angesprochen. Sie sucht jemanden, der dem Terroristen ähnlich sieht, der für einen Anschlag mit einem Auto auf die Rhein-Main-Airbase vorgesehen ist. Sie machte sich sehr direkt an Pimental heran, wie Zeugen später aussagten. Kurz vor Mitternacht verlassen beide die Diskothek. Am Morgen des nächsten Tages wird Pimentals Leiche mit dem Gesicht nach unten und einer Wunde am Hinterkopf in einem Wald am Rande Wiesbadens gefunden. Er war bald nach Mitternacht niedergeschlagen und mit einem aufgesetzten Schuss getötet worden.

Birgit Hogefeld wurde unter anderem wegen Beteiligung an diesem Mord zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Sie befindet sich noch in Haft. Der Mord diente allein dazu, an den Dienstausweis Pimentals zu gelangen. Damit fuhr ein Terrorist später auf die Rhein-Main-Airbase, löste einen Zeitzünder aus und flüchtete unerkannt. Bei der Explosion wurden zwei Menschen getötet und zahlreiche Personen schwer verletzt. Die RAF teilte mit, nach Vietnam müsse jeder GI begreifen, dass „er dafür bezahlen wird, Krieg zu führen“. Nach Protesten aus der Szene erklärt die Terrorgruppe später: „Wir sagen heute, dass die Erschießung des GI in der konkreten Situation im Sommer ein Fehler war.“ Wer Pimental erschoss, ist ungeklärt.

„Kommando Mara Cagol“

Am 9. Juli 1986 wird Karl-Heinz Beckurts, Atomphysiker und Vorstandsmitglied von Siemens, früh morgens von seinem Fahrer Eckhard Groppler in einem BMW 735i abgeholt. Er wird von einem Fahrzeug mit zwei Personenschützern des Unternehmens begleitet. Auf seinem üblichen Weg zur Arbeit zünden Terroristen eine 50-Kilo-Bombe. Beckurts und sein Fahrer sind sofort tot. Das Begleitfahrzeug wird leicht beschädigt. Ein „Kommando Mara Cagol“ bezichtigt sich der Tat. Mara Cagol war die Frau eines Terroristen der italienischen „Roten Brigaden“, die bei einer Schießerei mit der Polizei getötet wurde. Wegen dringenden Tatverdachts wird Haftbefehl gegen den RAF-Terroristen Horst Ludwig Meyer beantragt. Er wird 1999 bei einem Schusswechsel mit der Polizei in Wien getötet.

Am 10. Oktober 1986 fährt Gerold von Braunmühl abends mit dem Taxi nach Hause. Er ist Ministerialdirektor und Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt. Kurz nach 22.30 Uhr will ihm der Taxifahrer seine beiden Taschen aus dem Kofferraum reichen. In diesem Moment erscheint ein kleiner Mann mit Wollmütze und schießt auf Braunmühl. Von zwei Geschossen in den Oberkörper getroffen, schleppt er sich hinter ein geparktes Fahrzeug, legt seinen Kopf auf die Aktentasche. Ein zweiter Terrorist erscheint und schießt ihm aus nächster Nähe mit einer Smith & Wesson in den Kopf. Es ist dieselbe Waffe, mit der neun Jahre zuvor Hanns-Martin Schleyer hinterrücks ermordet wurde. Die Mörder Braunmühls hinterlassen ein siebenseitiges Bekennerschreiben; wer sie sind, ist unbekannt.

Bisher wurde ohne Erfolg ermittelt

Am 30. November 1989 wird Alfred Herrhausen, der Sprecher des Vorstands der Deutschen Bank, von seinem Wohnort Bad Homburg nach Frankfurt gefahren. Er gilt als höchst gefährdet. Sein Mercedes 500 ist gepanzert, er wird von zwei Personenschutzfahrzeugen mit je zwei Leibwächtern der Bank begleitet. Mittels einer Lichtschranke und einer Hohlladung wird Herrhausens Fahrzeug gesprengt. Sein Fahrer überlebt verletzt. Den langen Draht über die Straße hatten die Täter - als Bauarbeiter verkleidet - schon sechs Wochen vorher gelegt. Unter dem Schaltgerät findet sich ein Blatt mit dem RAF-Stern, später gehen Bezichtigungsschreiben bei der Presse ein. Die Täter wurden nicht gefunden.

Am 1. April 1991 steht Detlev Karsten Rohwedder um 23.30 Uhr in seinem Arbeitszimmer. Der Vorstandsvorsitzende der Treuhandanstalt will zu Bett gehen. Von einem Schrebergarten aus schießt ein Terrorist aus etwa 63 Metern Entfernung auf das erleuchtete Fenster im ersten Stock des Hauses in Düsseldorf-Oberkassel. Rohwedder wird in den Rücken getroffen, seine Frau, die ihm zu Hilfe eilt, in den Arm. Der Manager stirbt bald darauf. In dem Schrebergarten werden drei Patronenhülsen gefunden, ein Stuhl, ein Fernglas, ein Bekennerschreiben und ein Handtuch. An dem Handtuch wird ein Haar des RAF-Terroristen Wolfgang Grams gefunden, wie eine DNA-Analyse ergibt. Grams stirbt später nach dem Schusswechsel mit der GSG 9 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen offenbar durch Selbstmord.

Gerade die Morde der letzten RAF-Generation sind also weitgehend ungeklärt. Es werde von hochmotivierten Beamten weiterhin ermittelt, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Ziercke, einmal zum Fall Herrhausen betonte - bisher freilich ohne Erfolg.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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