30. Oktober 2008 Ilse Aigner hat den wohl schönsten bayerischen Bundestagswahlkreis: Starnberg-Bad Tölz-Miesbach. Dort hat sie 2005 59,7 Prozent für die CSU geholt. Das allein schon wäre Grund für den Aufstieg in die höchsten Sphären der Politik. Denn ihr Wahlkreis hat außer der herrlichen Landschaft viele prominente Bürger. Wer da Anerkennung findet, hat gleich auch einflussreiche Fürsprecher – und wer beides vorzuweisen hat, dem wird auch viel zugetraut. So kam Frau Aigner nun zu ihrer Berufung zur Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
Den diesbezüglichen Vorschlag des CSU-Vorsitzenden und bisherigen Amtsinhabers Seehofer wird die Bundeskanzlerin gerne entgegennehmen, nicht nur, weil die CSU das alleinige Vorschlagsrecht für den Posten hat, sondern auch, weil Frau Aigner Frau Merkel und deren Umfeld in so manchen forschungs- und fortschrittspolitischen Fragen nahesteht.
1998 ging es weiter in den Bundestag
Schon in den ersten Tagen, als sich der Abschied Seehofers aus dem Bundeskabinett abzeichnete, wurde Frau Aigner als mögliche Nachfolgerin genannt. Das deutet darauf hin, dass sie selbst nach dem Posten strebte und sich nicht damit abfinden wollte, dass der zehn Jahre ältere Parlamentarische Staatssekretär Müller, ein schwäbischer Abgeordneter, seinen bisherigen Chef beerben würde. Diese Mischung aus Zielstrebigkeit und Ehrgeiz kennzeichnet den gesamten Lebenslauf der erst 43 Jahre alten Ministeranwärterin.
Nach der mittleren Reife wurde sie Elektrotechnikerin und arbeitete im elterlichen Betrieb. Da war sie schon in der CSU aktiv, schnitt sich die Schneisen für erste Mandate in der Kommunalpolitik frei. Dass ihr Sinn aber nach mehr stand – und ihr auch mehr zugetraut wurde –, zeigt ihr gleichzeitiger Wechsel in die Hubschrauberentwicklung. Eine Wahlperiode lang gehörte sie dem Landtag an, 1998 ging es weiter in den Bundestag.
Aigner saß bisher der Arbeitsgruppe für Bildung und Forschung vor
Ilse Aigner strahlt Selbstbewusstsein aus, changiert zwischen Damen- und Kumpelhaftigkeit und hat als ledige Frau alle Zeit und Kraft für das politische Geschäft. Seit 1995 gehört sie dem CSU-Vorstand an, seit 2005 dem Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Sie saß bisher der Arbeitsgruppe für Bildung und Forschung vor und war auch stellvertretende Vorsitzende des Parlamentarischen Beirats zu Fragen der Ethik in den Lebenswissenschaften. Hier hat sie eine Linie vertreten, die zum vermeintlich Fortschrittlichsten und Liberalsten in der CSU gehört.
Superlative bedeuten aber auch, dass ihre Träger in den eigenen Reihen wohl zur Minderheit gehören. Hier wird es spannend werden zu beobachten, wie sich Seehofers Entscheidung für Frau Aigner in den politischen Grundsatzfragen auswirkt. Wird die Arbeitskraft der neuen Ministerin durch europapolitische Aufgaben in Beschlag genommen – oder wird Frau Aigner mit der Autorität der Verbraucherschutzministerin ihre sehr forschungsfreundlichen Ansätze in die Gesellschaftspolitik einbringen wollen? Das Erscheinungsbild der CSU in der Bundespolitik könnte vor einer Wende stehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP