Frankreich

Ségolène Royals Loblied auf die Nation

Von Michaela Wiegel, Paris

Royal möchte Präsidentin stolzer Franzosen werden

Royal möchte Präsidentin stolzer Franzosen werden

27. März 2007 Bei Ségolène Royal, der sozialistischen Anwärterin auf das höchste Staatsamt in Frankreich, wird fortan die Marseillaise gesungen. Knapp vier Wochen vor dem ersten Wahlgang am 22. April hat die Sozialistin die französische Nationalhymne zum Pflichtprogrammpunkt bei ihren Wahlkampfveranstaltungen erhoben.

Sie kritisierte, dass namhafte französische Sportler bei den Tönen der Marseillaise oft nicht mitsängen. „Die nationale Identität ist nicht das Monopol irgendeiner rechtsextremen Bewegung“, sagte Ségolène Royal. Sie forderte, dass alle Franzosen die Nationalflagge besitzen und diese am Nationalfeiertag, am 14. Juli, aus dem Fenster hängen lassen sollten. „Ich verwechsele nicht die Nation, auf die wir stolz sein sollten, und den Nationalismus. Als Staatschef gehört es zu meinen Aufgaben, die Franzosen dazu zu bringen, auf ihre Nation stolz zu sein“, sagte Frau Royal.

„Nationalistische Kehrtwende“

Während in Berlin anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge die europäische Zukunft skizziert wurde, konzentriert sich der französische Präsidentschaftswahlkampf auf das Thema nationale Identität. Frau Royals Loblied auf die Nation, das auf den Einfluss ihres linkspatriotischen Beraters (und EU-Kritikers) Jean-Pierre Chevènement zurückgeht, rief Kritik von den anderen Parteien im linken Spektrum hervor.

„Wie will sie die Linke mit solchen Forderungen um sich sammeln?“, sagte der Globalisierungsgegner und Präsidentschaftskandidat José Bové. „Es schockiert mich. Nicolas Sarkozy läuft Le Pen hinterher, und die Linke rennt Sarkozy hinterher“, sagte der trotzkistische Kandidat Olivier Besancenot. Die Grünen beklagten die „nationalistische Kehrtwende“ Frau Royals und forderten sie auf, europäischen Ehrgeiz zu entwickeln. Im zweiten Wahlgang ist Frau Royal auf die Unterstützung der „kleinen“ Kandidaten auf der Linken angewiesen, will sie die Stichwahl gewinnen.

„Als ob Le Pen ihre Köpfe erobert hätte“

Der Zentrist François Bayrou kritisierte die „nationalistische Obsession“ seiner Rivalen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy. „Es ist, als ob Le Pen ihre Köpfe erobert hätte“, sagte Bayrou. Der gemäßigte bürgerliche Kandidat, dem eine Art große Koalition für Frankreich vorschwebt, erhielt am Montag die Unterstützung von Forschungsminister François Goulard (UMP). Er ist nach Azouz Begag, dem Minister zur Förderung der Chancengleichheit, das zweite Kabinettsmitglied, das Bayrou offiziell unterstützt. In Paris wird darüber spekuliert, dass die gemäßigten Gaullisten um Premierminister Dominique de Villepin im Wahlkampf Bayrou helfen könnten.

Nicolas Sarkozy, der am Montag die Leitung des Innenministeriums an den bisherigen Minister für die französischen Überseegebiete, François Baroin, übergab, bekundete hingegen Zufriedenheit über die Debatte um die nationale Identität. Er habe Ségolène Royal den Weg gewiesen, sagte Sarkozy. „Es ist vorzüglich. Vor einer Woche sagte Ségolène Royal, deren Hang zur Mäßigung wir jetzt kennen, mein Vorstoß sei unwürdig. Und jetzt hält sie eine ganze Rede über die nationale Identität“, sagte Sarkozy. Sie habe ihn sogar „überholt“ mit ihrer Forderung, überall die Trikolore-Fahne zu hissen.

Le Pen glaubt an Chancen für „das Original“

Sarkozy hatte die Gründung eines Ministeriums für Einwanderung und nationale Identität angekündigt und damit die Debatte angestoßen. Der UMP-Kandidat ist davon überzeugt, dass seine Initiative richtig war. „Ich habe sechs Punkte in den Umfragen damit gewonnen“, sagte er. Der Kandidat der rechtsextremen Partei Front National, Jean-Marie Le Pen, sagte, er sei sehr erfreut über die Entdeckung der Nation durch Ségolène Royal und Sarkozy, denn „ihre Haltung läuft darauf hinaus zu sagen, Le Pen hat recht“. „Eine Flagge macht allerdings noch keinen Patrioten“, sagte Le Pen.

Der rechtsextreme Kandidat, der in den Umfragen bei 10 Prozent stagniert, glaubt daran, dass sich die Wähler für „das Original“ entscheiden werden. „Die Franzosen sagen sich, das ist genau das, was Le Pen schon vor Jahren gesagt hat, und er hatte recht. Sie werden dieses Mal für mich stimmen“, sagte Le Pen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS

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