Linkspartei

Lafontaine zitiert Willy Brandt

Von Mechthild Küpper

“Mehrheit links von der Mitte“ - Lafontaine zitiert Willy Brandt

"Mehrheit links von der Mitte" - Lafontaine zitiert Willy Brandt

18. September 2005 Der Rest des Wahlabends begann mit einer Lüge: „Jetzt wollen wir feiern!“ rief Oskar Lafontaine dem Publikum im großen Zelt auf dem Berliner Schloßplatz um kurz vor sieben Uhr zu - als ob einer wie er an einem Abend wie diesem tatsächlich zum Feiern käme und nicht von einem Fernsehstudio zum anderen tingeln müßte.

Gysi war, wie immer, realitätstüchtiger: „Wein solltet ihr euch heute auch gönnen“, riet er seinen Anhängern, nachdem er eine beliebte Pointe aus dem Wahlkampf wiederholt hatte: „Wir predigen Wein.“ Zu spät, es war ein Bierabend, die Anhänger hatten gemütlich im Biergarten vor dem Zelt, mit herrlichem Blick auf die Ruine des „Palasts der Republik“ und den Berliner Dom schon mal mit Bier und Würstchen angefangen.

Das Wahlziel, drittstärkste Partei zu werden, hat die Linkspartei/PDS verfehlt, aber niemand erinnerte sie am Sonntagabend daran. Denn ihr Hauptziel hat sie erreicht: Sie zieht in Fraktionsstärke, also mit einigen Dutzend Abgeordneten, in den Bundestag ein. Alles andere - Gedeih und Verderb, Regierungsfähigkeit oder Sperrminorität - folgt daraus.

Die „sanfte Gewalt der Vernunft“

„Das ist das gewünschte Ergebnis“ hieß es ein ums anderes Mal. Doch als Gysi versprach, beim Nachwahlkampf in Dresden werde man die Grünen sicher noch überholen, kam der Beifall herzlicher und lauter als bei den Versicherungen, man sei auch mit sieben oder acht Prozent glücklich.

Der Parteivorsitzende Lothar Bisky sagte begeistert: „Wir sind drin!“, und sagte es abermals. Für Euphoriebekundungen war er viel zu erschöpft. „Wir haben eine Chance bekommen“, sagte er, den Zeigefinger mahnend erhoben. Als die Moderatorin ihn fragte, ob er sich, wie er es so lange ersehnte, nun zurückziehen werde, erwiderte er entgeistert: „Was soll ich dazu sagen?“ und berichtete stattdessen, wie er „wütend“ geworden sei, über die Agenda 2010, über die Daten zur Kinderarmut.

„Wenn der letzte Korken knallt heut' Nacht, beschäftige ich mich mit der Frage: Wie kriegen wir die Fusion von Linkspartei und WASG hin“, sagte Bisky, ganz der erste Diener seiner Partei. Als „Brechtianer“ glaube er an die „sanfte Gewalt der Vernunft“, versicherte er - und kündigte drei Gesetzesvorhaben der neuen Bundestagsfraktion an: Die deutschen Soldaten sollten aus Afghanistan zurückkehren, an Hartz IV müsse „fast alles verändert werden“, und ein Mindestlohn soll gesetzlich verankert werden.

Wahlkreis für Wahlkreis per Taschentelefon

Um sechs Uhr kam die erste Hochrechnung. Der schlechte Ergebnis der CDU rief deutlich mehr Jubel als die 7,5 Prozent für die Linkspartei hervor, und jeder, der sich freute, daß kein Regierungswechsel zustande kommen könne, wurde mit Beifall belohnt, selbst dann, wenn es Frau Merkel in der ARD war: „Für Schwarz-Gelb hat es wahrscheinlich nicht gereicht.“ Hörbar perplex und ratlos-stumm reagierten die Anhänger der Linkspartei auf Münteferings Ankündigung, „Gerd Schröder“ werde Kanzler bleiben.

Oskar Lafontaine und Gregor Gysi ließen sich lange bitten: Sie wollten erst Frau Merkel hören, hieß es entschuldigend. Über einen Sender waren Fetzen einer Rede von Klaus Ernst zu hören, der in Norddeutschland noch schwerer zu verstehen ist als in Bayern: „Sozialabbau . . . Mehrwertsteuer . . . Opposition . . . Gewerkschaften, soziale Bewegungen gemeinsam, unsere Forderungen auch auf der Straße . . .Widerstand der Bürger“. Thomas Ernst ließ sich per Taschentelefon Wahlkreis für Wahlkreis das Abschneiden der Linkspartei in Bayern durchgeben, Axel Troost und er mußten vor dem Auftreten der PDS-Prominenz die Interviewwünsche erfüllen.

Lafontaine: „Mehrheit links von der Mitte“

Gysi brachte schließlich die unklare Lage auf eine Formel: „Rot-Grün ist abgewählt worden und Schwarz-Gelb ist nicht gewählt worden“. Lafontaine, zufriedener Feldherr nach einer gewonnenen Schlacht, den großen Krieg allerdings noch vor sich: „Das Wagnis hat sich gelohnt. Wir sind durch.“ Er zitierte, damit die SPD auch am Abend des Wahlsonntags wieder etwas zum Ärgern hatte, Willy Brandt: Dessen „Mehrheit links von der Mitte“ sei nunmehr erreicht. „Das Volk lehnt die Politik des Sozialabbaus ab, Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit, weil wir angetreten sind“.

Lafontaine dankte den Gründern der WASG, den „Freunden von der PDS, die die ausgestreckte Hand ergriffen haben“. Er rief Gewerkschafter und ehemalige Sozialdemokraten auf, zur Linkspartei zu kommen, und Gysi sagte, wohin die Reise gehen soll: An diesem Sonntag habe man eine Partei links von der SPD etabliert, einige Zeit werde die SPD ihre Niederlage akzeptieren lernen müssen, und dann, „in ein paar Jahren“, werde man aus der „Mehrheit links von der Mitte“ wirklich etwas machen können. Viel Begeisterung weckte die Aussicht nicht.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS

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