Von Henning Ritter
29. Januar 2007 Freiheit für Christian Klar! - Freiheit für Brigitte Mohnhaupt! - In der Geschichte der Roten Armee Fraktion gab es solche Rufe immer wieder. Freiheit für alle Gefangenen - dieser Ruf war die Musik, die diese Bewegung begleitete. Wenn heute eine Freilassung der beiden letzten namhaften Häftlinge erwogen wird, so geschieht dies in erster Linie mit Rücksicht auf die Üblichkeiten des deutschen Strafvollzugs.
Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum begründet seine Befürwortung der Haftentlassung damit, dass es eine gute Praxis des deutschen Rechtssystems sei, auch Straftäter mit lebenslänglicher oder mehrfach lebenslänglicher Strafe nicht ein ganzes Leben lang im Gefängnis sitzen zu lassen. Dem Selbstverständnis des Rechtsstaats entspreche es, jedem Straftäter, der nicht mehr gefährlich ist, die Chance zur Rückkehr in die Gesellschaft einzuräumen. Ein Fall wie zahllose andere? Vergleichbar auch den schon früher aus der Haft Entlassenen RAF-Tätern?
Namen ihrer Opfer blieben im Gedächtnis
In diesem Herbst jährt sich die Ermordung Hanns Martin Schleyers zum dreißigsten Mal. Dies wird ein Anlass zu historischer Erinnerung an die Terrorakte sein, die von der RAF zwischen 1970 und 1993 begangen wurden, ehe sie 1998 ihre Auflösung erklärte. Viele Namen ihrer Opfer sind im Gedächtnis geblieben, und Aktionen wie die Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm und die Vorgänge um die Landshut in Mogadischu gehören zu den einprägsamsten Ereignissen der Bundesrepublik.
Doch sie sind der Gegenwart noch mehr entrückt als irgendein anderes Datum ihrer Geschichte. Nur wenn man, wie es üblich geworden ist, der Roten Armee Fraktion zugesteht, dass sie eine legitime Erbin der Studentbewegung war, hat sie überhaupt noch einen Zusammenhang mit der Geschichte der Nachkriegsepoche. Eine gespenstische Normalität gewinnt sie darüber hinaus nur dann, wenn man den Blick auf den anarchistischen Terror in anderen europäischen Ländern lenkt oder an die ubiquitären Flugzeugentführungen und Geiselnahmen denkt.
Vorläufer des heutigen islamistischen Terrors
Die RAF gehörte in eine Phase dramatischer Zunahme des globalen Terrors. Insofern bleibt sie eine Vorläuferin auch des heutigen islamistischen Terrors. Das alles gehört aber schon in die Zeitgeschichte, für die jene Akteure nur Rädchen in weitreichenden Vorgängen sind, deren Gründe ihnen selbst wie den Zeitgenossen verborgen blieben. Sowenig ein heute lebender Historiker schlüssig erklären kann, was in ihren Köpfen vorging, so wenig dürfte es auch einem verschlossenen Menschen wie Christian Klar, der die Absichten von einst bisher noch nie ausdrücklich dementiert hat, gelingen, diese Ideen als aktuelle verständlich zu machen.
Dies dürfte in seinem Fall das Hindernis sein, das er selbst seiner vorzeitigen Entlassung in den Weg legt. Für einen Täter wie ihn muss die Tatsache, dass er schon längst eine Hauptfigur in Ausstellungen und historischen Abhandlungen geworden ist, eine andere Art von Gefangenschaft sein: die Gefangenschaft der Entwirklichung seiner Taten zu Dokumenten und Schaustücken. Zum Rätsel Christian Klar gehört offenbar seine Unfähigkeit, die eigene Geschichte sich selbst und anderen zu erzählen. Die Einsamkeit der Zelle dürfte das ideale Gehäuse sein, um sich in solcher Starre durch- und auszuhalten.
Die Feindschaft noch nicht aufgekündigt
Tatächlich scheint darin eine gewisse Konsequenz zu liegen. Die Feinderklärung der Roten Armee Fraktion war eine unbedingte, sie war durch keinerlei Entgegenkommen zu beschwichtigen. Sogar die Sympathisanten, in denen die Bewegung zeitweise nicht nur öffentliche Fürsprecher fand, sondern die ihr auch Unterschlupf gewährten, hatten zu keinem Zeitpunkt Fühlung zu den eigentlichen Motiven der terroristischen Akteure. Und doch hatte die Rote Armee Fraktion eine genaue Witterung für den blinden Fleck der Republik: deren Unfähigkeit, Feindschaft, und gar innerstaatliche, überhaupt zu denken. Die Bundesrepublik war ihrem Selbstverständnis nach ein Staat ohne Feind. Dies verstanden zu haben und rücksichtslos für ein ansonsten zielloses Handeln auszubeuten gab den Aktionen der RAF ihre traumwandlerische Sicherheit, die sie zeitweise so unangreifbar machte.
Ein Grund, die letzten dieser Gefangenen vorzeitig freizulassen? Während manche der vor Jahren Freigelassenen über ihre Irrtümer sprachen und ihre Taten bedauerten oder bereuten, scheint Christian Klar die alte Feindschaft noch nicht aufkündigen zu wollen. Nur zweimal in den vergangenen Jahren, 1997 und 2001, hat er Interviews gegeben. Die Äußerungen - er sprach unter anderem vom Weltfürsten - blieben vage und machten eher ratlos. Seine eigene Geschichte zu erzählen, sich selbst und anderen, wäre etwas anderes. Jetzt braucht er nur auszusprechen, wer sein Feind ist. Er könnte sich darin selbst erkennen.
Text: F.A.Z.
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