Ursula von der Leyen

„Führungsqualitäten lernt man in der Familie“

Die Familienministerin hat selbst sieben Kinder

Die Familienministerin hat selbst sieben Kinder

26. Dezember 2005 Familienministerin Ursula von der Leyen über Teufelskreise, das Leben mit Kindern, emanzipierte Mütter und Väter und die Fußball-WM.

Wir Deutschen haben immer weniger Kinder. Was haben wir gemacht?

Wir haben das Schlimmste getan, was man mit etwas Kostbarem tun kann: Wir haben uns nicht mehr gekümmert. Wir haben vergessen, daß auch Kinder ihren Platz in einer hochmodernen Welt haben müssen. Und dann hat bei uns ein Teufelskreis eingesetzt: Mit der zunehmenden Entfremdung von Kindern ist nicht nur der Kinderwunsch, sondern auch die Umsetzung in die Tat immer weiter zurückgegangen.

Eine Ministerin mit sieben Kindern wird in Deutschland als Provokation empfunden.

Die vielen Kinder, die mir geschenkt worden sind, sind für manche herausfordernd. Es gibt aber auch viele Menschen, die sagen: Wie schön, daß jemand das noch lebt und mit der Erfahrung ein politisches Amt hat. Manchmal vergleichen Menschen mich mit ihrer eigenen Situation und sagen: Wir selber haben schon Mühe mit einem oder zwei Kindern. Ich sage dann: Die schwierigste Zeit im Leben meines Mannes und mir war die Anfangszeit mit Kindern. Der Berufsanfang als junge Ärzte in der Klinik mit Nacht- und Schichtdiensten, die kleinen Kinder, die rund um die Uhr intensive Zuwendung brauchten, und die Unerfahrenheit der jungen Eltern, gekoppelt mit einem sehr kleinen Einkommen. Da war ich manches Mal verzweifelt.

Jetzt haben wir im Kabinett vier kinderlose Frauen, die Kinderquote retten Sie. Ist das nicht ein Zeichen dafür, daß Karriere und Kinder schwer vereinbar sind?

Es ist ein Kabinett, das die Wirklichkeit in Deutschland widerspiegelt. Denn anders als bei vielen europäischen Nachbarn ist es in Deutschland so, daß Kinderlosigkeit kein Makel mehr ist. Das ist eine kulturelle Errungenschaft, das will ich ganz klar sagen. Aber zugleich ist Kinderlosigkeit in Deutschland inzwischen fast zur Voraussetzung für Karriere und Erfolg im Beruf geworden. Und das ist ein Drama.

Ist die Kinderlosigkeit vieler Frauen der Preis, den sie für die Emanzipation bezahlen?

Nein. Wir haben es nur nicht geschafft, die gute Ausbildung und die Umsetzung in der Arbeit mit der Kindererziehung zu koppeln. Ein zweiter Punkt ist wichtig: Wir müssen den Blick mehr auf die Väter lenken, denn wir wissen inzwischen, daß mehr Männer als Frauen in Deutschland in ihrer Lebensplanung Kinder ausschließen.

Spielt nicht auch die Glorifizierung des mobilen Singles eine Rolle für die Kinderlosigkeit?

Es hat sicher diese Entwicklung verstärkt. Aber inzwischen erkennen auch Firmen, daß man, wenn man junge Menschen mit guter Ausbildung binden will, sich sorgen muß, daß der Kinderwunsch dieser Menschen gelebt werden kann. Alle Führungsqualitäten - Belastbarkeit, Organisationsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft - werden überwiegend nicht im Beruf, sondern in der Familie und im Ehrenamt gelernt. Eine Firma, die menschlich reiche Führungspersönlichkeiten heranbilden will, sollte darauf achten, daß diese Menschen Zeit und Raum haben, auch Vater und Mutter zu werden.

Die Wirklichkeit ist freilich eine andere.

Sie haben recht. Aber auch die Politik muß ihre Hausaufgaben erfüllen. Also eine vielfältige, flexible Infrastruktur für Kinderbetreuung schaffen und die finanziellen Akzente so setzen, daß sie in den Momenten eines Elternlebens helfen, wo es am kritischsten ist. In der großen Koalition haben wir deshalb beschlossen, zunächst den Fokus auf die junge Familie zu legen und dort mit einem Elterngeld ab 2007 einen Akzent zu setzen.

Das Elterngeld wird von Unionskollegen wie Jürgen Rüttgers kritisiert. Es sei unsozial, weil es sich an der vorherigen Einkommenshöhe bemißt.

Das Elterngeld ist ein starkes Signal, daß es der Gesellschaft nicht gleichgültig ist, ob Menschen sich für ein Kind entscheiden. Es soll ausfallendes Einkommen ersetzen. Das heißt, wer mehr verdient, verliert natürlich mehr dadurch, daß ein Kind geboren wird und das Einkommen wegbricht. Deshalb ist das Prinzip der Einkommensabhängigkeit richtig. Wir wissen aus Studien eines großen Wirtschaftsforschungsinstituts, daß das Elterngeld gerade Alleinerziehenden und Geringverdienern hilft. Wenn das Kind geboren wird, bricht den Alleinerziehenden heute das Einkommen weg, sie sind angewiesen auf Fürsorge. Das Elterngeld holt die Eltern oder Mütter mit den Kindern aus der Armut raus.

Es gab auch Kritik, daß kein Geld mehr gezahlt wird, wenn sich der Vater nicht mindestens zwei Monate an der Elternzeit beteiligt.

Grundsätzlich gibt es das Elterngeld für zehn Monate für den Partner, der das Kind betreut. Zwei weitere Monate sind für den anderen Partner reserviert. Wir wissen, daß bei uns weit über die Hälfte der Männer unter 44 Jahren gern Elternzeit nehmen würde, wenn sie dann auch ein Einkommen hätten. Genau das schaffen das Elterngeld und die Vatermonate. Wir wissen aus den Nachbarländern, die Vatermonate haben, daß so das Verständnis der Väter stark gestiegen ist dafür, was Vereinbarkeit von Beruf und Familie bedeutet.

In Schweden sollen die Männer die Elternzeit dann nehmen, wenn die Fußball-WM ansteht oder die Elchjagd beginnt. Sind wir da - bei der WM - nicht ein Jahr zu spät dran?

Es soll ja eine Bereicherung für alle sein (lacht). Und die letzte WM wird es nicht gewesen sein.

Die Fragen stellte Markus Wehner.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.12.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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