Madame Tussauds in Berlin

Die beklemmende Tiefe des Bunkers

Von Timo Frasch

Adolf Hitler bei Madame Tussauds in London

Adolf Hitler bei Madame Tussauds in London

06. Juni 2008 Es gab im Wesentlichen zwei Kriterien für die Auswahl der Figuren in der Niederlassung von Madame Tussauds in Berlin, die im Juli eröffnet wird: Sie sollten „weltweit bekannt“ und „von allgemeinem Interesse“ sein oder zumindest „einen Bezug zum Land und zur Stadt“ haben - deswegen Klaus Wowereit, Erich Honecker, Kemal Atatürk. Außerdem soll das Volk sie sehen wollen - im Internet und auf der Straße wurden Einheimische wie Touristen nach ihren Präferenzen gefragt.

Churchill, Hitler und Sophie Scholl haben es auf die ersten Plätze geschafft, auch wenn die Pressestelle der Ausstellungsmacher nicht verraten möchte, ob der deutsche Nazi in der Marktforschung vor der Widerstandsikone rangierte. Stalin, Roosevelt, de Gaulle und Mussolini, in unterschiedlicher Weise ebenfalls am Zweiten Weltkrieg beteiligt, der erwiesenermaßen „weltweit bekannt“ sowie „von allgemeinem Interesse“ ist und dazu noch „einen Bezug zum Land und zur Stadt“ hat, sind nicht unter die Ersten gekommen und fehlen deshalb in der Ausstellung, obwohl etwa Mussolini „einen Bezug zum Land“ hat, weil er sich - gerade in Unterredungen mit Hitler - allzu gern als Deutschsprecher versuchte.

„Probieren Sie mit Bismarck Stahlhelme aus“

Alle Figuren für Madame Tussauds werden in einer Pose modelliert, die für ihr Vorbild typisch ist: Gottschalk lächelt, Olli Kahn steht im Tor, Liza Minelli sitzt lasziv auf einem Stuhl. Einzig Hitler wird in einer Situation gezeigt, in der ihn die allerwenigsten Deutschen (abgesehen von Kinobesuchern) erlebt haben dürften: Er soll im „Führerbunker“ in einer Ecke hinter einem Tisch stehen, die Ahnung des Untergangs in seinen Augen, während er etwa in der Londoner Zentrale von Madame Tussauds so kämpferisch gezeigt wird, als sei er noch von der Eroberung des Königreichs überzeugt. Jeder werde im jeweiligen Land so dargestellt, wie es dem Land angemessen ist, heißt es dazu bei Madame Tussauds Berlin.

Die Filiale gehört zur Merlin Entertainments Group, die in Berlin auch noch das „Sea Life Aquarium“ und das „Legoland Discovery Centre“ betreibt. Dass es sich bei den Verantwortlichen, die ihr Unterfangen als „unpolitisch“ bezeichnen, um Unterhaltungsprofis und keine kleinmütigen Geschichtspolitiker handelt, zeigt schon die Internetseite: „Probieren Sie mit Bismarck Stahlhelme aus, erleben Sie die beklemmenden Tiefen eines Bunkers zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und halten Sie gemeinsam mit Angela Merkel eine Ansprache an die Nation.“ Lieber würde man mit Bismarck Pickelhauben ausprobieren, Frau Merkels Rede zur Lage der Nation lauschen oder am Obersalzberg den Schäferhund Gassi führen. Geht aber nicht. Aus Rücksicht auf „Empfindlichkeiten“ will man Hitler vom Ende her und nicht als Spaziergänger im Berchtesgadener Land, als Postkartenmaler in einem Wiener Obdachlosenheim oder als Festungsinsasse in Landsberg am Lech zeigen. Auch Erinnerungsfotos mit ihm sollen im Museum nicht erlaubt sein.

Es hatte nämlich mahnende Stimmen gegeben. Lea Rosh etwa, die Vorsitzende des Förderkreises zum Holocaust-Mahnmal, das keine 300 Meter von der geplanten Tussauds-Niederlassung entfernt liegt, warnte vor Geschichtskonsum, ein Sprecher des Berliner Senats verlangte eine historische Erläuterung zu der Figur Hitler. Dem wollen die Verantwortlichen nachkommen (das deutsche Publikum lese gerne, heißt es bei Madame Tussauds). Im Übrigen können die Ausstellungsmacher die ganze Aufregung nicht verstehen. Im Hamburger „Panoptikum“, ebenfalls ein Wachsfigurenkabinett, seien schließlich auch Nationalsozialisten ausgestellt. Tatsächlich stehen dort schon 60 Jahre lang Goebbels, Göring, Rommel, Eva Braun, Mussolini, Franco und Hitler (ihnen gegenüber die Geschwister Scholl). Hitler wurde schon 1943 modelliert. Das Propagandaministerium verbot damals aber, die Nachbildung öffentlich auszustellen: „Der Führer“ sei schließlich keine Wachsfigur.

Vorerst keine Schreckenskammer in Berlin

Bei Madame Tussauds kennt man sich mit historischen Abgründen seit jeher gut aus: Die in Straßburg geborene Gründerin des Museums, die später nach England auswanderte, Marie Tussaud, hatte einst die Totenmasken prominenter Opfer der Guillotine angefertigt, darunter Ludwig XVI., Marie Antoinette, Danton und Robespierre. Auch die Schreckenskammer, in der Massenmörder zu sehen sind, hat in der Ausstellung Madame Tussauds, die schließlich 1835 in London eröffnet wurde, eine lange und erfolgreiche Tradition.

In Berlin wird es vorerst keine Schreckenskammer geben, in der man Hitler unterbringen könnte; bei Historikern dürfte das sowieso auf wenig Einverständnis stoßen. Vielleicht könnte man für ihn, der ja nach verbreiteter Meinung ein Tier und kein Mensch war (ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki hat dem einmal widersprochen, als er sagte, als was sonst solle man Hitler zeigen, wenn nicht als Mensch, er sei ja schließlich kein Elefant oder Kamel gewesen), einen Platz im „Sea Life Aquarium“ reservieren.

Man sollte in dieser Angelegenheit jedenfalls den Engländern, die auch in Berlin das Sagen haben und die ihren stilsicheren Umgang mit der deutschen Geschichte - Prinz Harry und Max Mosley seien beispielhaft genannt - hinlänglich bewiesen haben, vertrauen. Zumal auch sie einen triftigen Grund haben, mit Hitler einen kritischen Umgang zu pflegen: Bei deutschen Luftangriffen in London wurden 1940 5000 Kopf-Gussformen schwer beschädigt. Hitlers Figur blieb unversehrt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS

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