Minarette

Kampf der Symbole

Von Michael Martens, Istanbul

Das missfällt den Schweizern

Das missfällt den Schweizern

01. Dezember 2009 Die Frage, ob ein Minarett die Verkörperung aggressiven islamischen Herrschaftsdrangs oder nur das harmlose Symbol einer friedlichen Religion sei, hätte Sultan Mehmed II. vermutlich nicht einmal verstanden. Selbstverständlich ließ der Osmanenherrscher nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 die Hagia Sophia, schon damals ein jahrhundertealtes Zentrum der Christenheit, umgehend in eine Moschee umwandeln. Zu den ersten Befehlen des Sultans nach der Einnahme der Stadt gehörte deshalb die Anordnung, der Hagia Sophia als unübersehbares Zeichen der neuen Herrschaft ein Minarett aus Holz hinzuzufügen. Bald wurde die hölzerne Übergangslösung durch vier Minarette aus Stein ersetzt, die noch heute das Aussehen des weltberühmten Bauwerks prägen.

Bei dem mittelalterlichen Siegeszug der Osmanen über die orthodoxen Staaten des Balkans, also über Bulgarien und Serbien, aber auch später über die katholischen Ungarn war es nicht anders. Die Errichtung von Minaretten an früheren Kirchen gehörte zu den ersten Manifestationen einer Herrschaft, die zumindest in den südlichen Gebieten des Balkans bis 1912 dauern sollte. Dass die aufständischen Balkanvölker in ihren Kämpfen gegen die Türken dann bevorzugt Moscheen und Minarette zerstörten, war die Kehrseite davon.

Sinnloses Wüten gegen Kirchen und Klöster

Jahrhunderte früher, bei der spanischen Reconquista, war es ähnlich gewesen - die siegreichen Spanier wandelten die Minarette der Araber in Glockentürme um. Unter neuen Umständen flammte der Kampf gegen die Symbole aus Stein sogar in den neunziger Jahren noch einmal auf, nämlich in Bosnien und im Kosovo, wo die serbische Soldateska bevorzugt Minarette als die weithin sichtbaren Zeichen der „Türkenherrschaft“ zerstörte. Auf dem Amselfeld revanchierten sich die Albaner nach dem Abzug der serbischen Truppen durch ebenso sinnloses Wüten gegen Kirchen und Klöster, und in Belgrad muss die einzige noch genutzte Moschee aus osmanischen Zeiten in politischen unruhigen Wochen, zuletzt etwa bei der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos, von Polizisten vor Angriffen radikaler Nationalisten geschützt werden. Zuletzt brannte sie, als Racheakt für Übergriffe gegen Serben im Kosovo, im März 2004 nieder.

Deshalb ist es wohlfeil, Minarette als neutrale oder rein funktionale Bestandteile einer Moschee anzusehen, wie sie womöglich von vielen Muslimen durchaus gesehen werden. Sie können es aber zumindest überall da nicht sein, wo allzu viele sie nicht so sehen wollen – und von ihnen gibt es sowohl unter Muslimen wie unter Christen genug. In der Türkei, wo das Schweizer Referendum schon vor Bekanntwerden des Ergebnisses großer Kritik ausgesetzt war, weiß das nicht zuletzt Ministerpräsident Erdogan bestens, denn er saß im Gefängnis, weil er einmal aus einem Gedicht des türkischen Schriftstellers Ziya Gökalp zitiert hatte, in dem es heißt: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Im Jahre 1998 wurde er, den die religionsferne alte Elite längst als Gefahr für ihren Machterhalt erkannt hatte, vermeintlich ob dieses Zitats zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Minarette sind aber auch aus anderen Gründen kein ästhetischer Selbstzweck. Von ihnen aus werden die Muslime fünfmal täglich zum Gebet gerufen. In muslimischen Metropolen wie Kairo oder Istanbul erhebt sich dann ein vielhundertstimmiger Singsang über das Häusermeer. Nicht nur für Muslime, auch für viele Touristen hat das etwas Zauberhaftes. Andere hören nur ein kakophonisches Blöken, denn nicht jeder Muezzin ist ein Talent. In Istanbul laufen derzeit sogar Versuche, Moscheen mit einem stimmlich wenig begabten Muezzin per Funk mit solchen zu verbinden, in denen ein talentierterer Kollege diese Arbeit verrichtet.

Gebetsruf per SMS

Dass ein Muezzin tatsächlich die Spitze eines Minaretts erklimmt und allein auf die Kraft seiner Lungen vertraut, ist heutzutage ohnehin die Ausnahme. Meist singt der Muezzin seinen Gebetsruf in ein Mikrofon, und in Istanbul kommt die Aufforderung manchmal sogar nur vom Band. Ein heutiger Muezzin in Istanbul müsste auch über eine gewaltige Stimme verfügen, um gegen den nervtötenden Lärm der modernen Stadt allein aus eigener Kraft anzusingen. In westlichen Städten, wo zum Beispiel Lärmschutzbestimmungen den traditionellen Gebetsruf nicht zulassen, gibt es überdies längst moderne Ersatzmethoden zum traditionellen Gebetsruf - hier werden die Gläubigen per SMS an ihre Pflicht erinnert.

Ein Minarett ist allerdings auch aus anderen Gründen nicht zwingend ein baulicher Bestandteil einer Moschee. Fachleute wie der amerikanische Architekturhistoriker Jonathan Bloom, der sich in Büchern und Studien mit der Geschichte des Minaretts als „Symbol von Glauben und Macht“ beschäftigt hat, erinnern daran, dass zwar der Gebetsruf von jeher Teil des Islams gewesen sei, nicht aber das erst später aufgekommene Minarett. In der Literatur werden Kirchtürme, aber auch byzantinische Siegessäulen als mögliche Vorbilder für das Aufkommen der Minarette genannt, die offenbar zeitweilig auch unter Muslimen umstritten waren - denn schließlich konnte der Muezzin von seiner Warte aus auch sehen, was hinter den Mauern muslimischer Höfe vor sich ging. Daher seien oft Blinde mit der Arbeit des Muezzins betraut worden, schreibt Bloom.

Symbol des Glaubens

Solche Fragen stellen sich heute nicht mehr, doch neue sind an ihre Stelle getreten. Der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Mehmet Görmez, wurde am Montag in dem der Regierung Erdogan nahen Blatt „Zaman“ mit der Aussage zitiert, Minarette hätten nur eine einzige Bedeutung - sie symbolisierten den islamischen Glauben, dass es nur einen Gott gibt.

Als Görmez sich äußerte, stand das Ergebnis des Referendums in der Schweiz noch nicht fest, doch ihn erboste wie viele Türken schon die Tatsache, dass es überhaupt stattgefunden hatte. Über Religionsfreiheit könne nicht abgestimmt werden, hieß es oft. „Wo immer sie leben und wohnen, sollten Muslime das Recht haben, ihre Moscheen zu bauen und Orte einzurichten, an denen sie in der Lage sind, ihre Gebete zu verrichten“, so Görmez. Es sei traurig, dass dieses „Grundrecht“ in der Schweiz verletzt werde.

Von Ministerpräsident Erdogan lag zunächst kein Kommentar zu den Ereignissen in der Schweiz vor. Doch nur wer ihm böse Absichten unterstellt, wird in diesen Tagen daran erinnern, dass es in dem erwähnten Gedicht Ziya Gökalps über die Minarette als Bajonette auch eine Strophe gibt, die seltener zitiert wird: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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