Fragen zum Fall Osthoff

Getrübte Freude

Von Rainer Hermann

Ein Schatten bleibt auf dem Fall Osthoff

Ein Schatten bleibt auf dem Fall Osthoff

09. Januar 2005 Auf die Freude über das Ende des Geisledramas um Susanne Osthoff ist ein Schatten gefallen; er wächst mit jedem Tag seit ihrer Freilassung. Denn ihr Verhalten ist widersprüchlich, und aus Ungereimtheiten entstehen Fragen, die noch nicht beantwortet werden können: Fragen über ihre Tätigkeit im Irak, ihre Geldquellen, ihre Kontakten in dem Land und der Mission, der sie sich möglicherweise selbst verpflichtet fühlt. Auch ihre Weigerung, nach Deutschland zurückzukehren ist, mindestens für Außenstehende, schwer zu verstehen.

Nach dem Ende der Geiselnahme hatte Frau Osthoff es zunächst abgelehnt, sich gegenüber Medien äußern. Als sie es dann tat, wählte sie dafür den arabischen Nachrichtensender Al Dschazira. Stets hatte es geheißen, sie spreche fließend Arabisch. In dem Interview verstand die Muslima, die ihr Haupthaar mit einem schwarzen Schal bedeckt hatte, die auf hocharabisch gestellten Fragen aber nicht und wechselte in die englische Sprache.

Was hat sie im Irak getan?

Sie ließ die Fernsehzuschauer im ungewissen darüber, was sie nach ihrer Rückkehr in den Irak, die sie ankündigte, tun wolle. Regierung und Opposition in Berlin warnten sie am Dienstag eindringlich davor, wieder in das Land zu reisen. (Siehe auch: Osthoff läßt Rückkehr in den Irak offen)

Zu den Ungereimtheiten der Susanne Osthoff zählt, daß sie sich als Archäologin und humanitäre Helferin ausgibt, aber in den vergangenen Jahren diesbezüglichwenig vorzuweisen hat: Bekannt ist nur, daß sie im Jahr 2003 Medikamentenlieferung des Hilfswerks Medeor in den Irak begleitet und im selben Jahr die amerikanische Besatzungsarmee erfolgreich gebeten hat, im Norden des Irak eine archäologische Stätte zu schützen. Zugleich sammelte sie Geld für den Erhalt des Bait Tutuncu nahe Mossul. Zudem habe sie in Arbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan, ein deutsches Kulturzentrum aufbauen wollen. Den Behörden von Arbil ist davon indessen nichts bekannt.

Der Irak hat zu jeder Zeit schillernde Abenteurer angezogen. Im vergangen Jahr hatte sich in Arbil vorübergehend eine Französin aufgehalten, die sich als Anthropologin ausgegeben hatte und vorgab, sich ebenfalls für den Erhalt archäologischer Stätten einzusetzen. Sie hatte einmal im Libanon mit der Hizbullah gelebt, dann wechselte sie nach in Falludscha; nach der kurzen Zwischenetappe in Arbil setzte sie sich auf eine Karibikinsel ab.

Geheimdienstlicher Hintergrund?

Wie bei ihr ist auch bei Susanne Osthoff die Frage gestellt worden, ob ihre Tätigkeit im Irak einen geheimdienstlichen Hintergrund haben könnte. Ihre Entführer hatten sie zunächst verdächtigt, für einen westlichen Nachrichtendienst zu arbeiten. Immerhin hatte sie in Bagdad Kontakte zu den dortigen BND-Mitarbeitern gehabt. Es ist daher nicht auszuschließen, daß sie zumindest für Botengänge auch eingesetzt worden war.

Denn Frau Osthoff gehörte zu den letzten Ausländern, die sich im sunnitischen Dreieck und in Mossul über lange Zeit frei bewegen konnten. Bei einer nur schwer steuerbaren Person wie Susanne Osthoff scheidet jedoch eine nachrichtendienstliche Tätigkeit mit großer Wahrscheinlichkeit aus.

Welche Geldquellen?

Damit stellt sich aber weiter die Frage, woher Susanne Osthoff ihr Geld bekam. Am 25. November, dem Tag ihrer Entführung, konnte sie sich einen Flug von Bagdad nach Arbil nicht leisten. Ihre Tochter Tarfa schickte sie jedoch zur gleichen Zeit auf ein bayerisches Internat. Der Vater des Kindes, der zum Clan der Schaalan gehört, einem Unterstamm der in vielen arabischen Ländern siedelnden Schammar, zahlt für den Unterhalt seiner Tochter nichts.

Daher besuchte Susanne Osthoff Scheich Ghazi al Jawar, den Führer der Schammar und ersten Übergangspräsidenten des Irak. Möglicherweise hat er Hilfen für das Kind zugesagt. Nach arabischer Stammestradition dürfte er der Frau aber kaum etwas versprochen haben, zumal sie ja die Scheidung selbst eingereicht hatte. Sollte al Jawar es aber getan haben, stünde nun sie gegenüber den Schammar in der Pflicht.

Kontakte zu Saddam-Seilschaften?

Susanne Osthoff klagte stets über Geldmangel. Daher vertraute sie sich am 25. November für den gefährlichen Landweg einem Fahrer an, den ihr Dschamal Dulaimi vermittelt hatte. Sie kannte Dschamal Dulaimi lange und wohnte offenbar teilweise in seiner Bagdader Villa. Der Psychiater Dulaimi war einst einer der Leibärzte von Saddam Hussein. In den neunziger Jahren setzte er sich nach Salaheddin im kurdischen Nordirak ab, nach Saddams Sturz kehrte er nach Bagdad zurück. Der Stamm der Dulaimi siedelt vor allem im sunnitischen Dreieck um Falludscha und Ramadi. Seine Mitglieder gehörten zu den Stützen des Regimes von Saddam Hussein, heute stellen sie die Stützen der Aufständischen.

Wie weit könnte Susanne Osthoff damit in innerirakische Zusammenhänge eingebunden sein? In die Richtung einer möglichen Vernetzung mit Seilschaften aus der Zeit von Saddam Hussein zeigt auch ein anderer Hinweis. Susanne Osthoff war Mitte der achtziger Jahre in den Irak über den Marburger Professor Walter Sommerfeld und dessen Deutsch-Irakische Gesellschaft eingeführt worden, der gute Beziehungen zum Regime Saddam Husseins nachgesagt wurden.

Weiß die Regierung mehr?

Eine Rückkehr nach Deutschland schließt Susanne Osthoff kategorisch aus. Auch an Weihnachten nahm sie keinen Kontakt zu ihrer Mutter Ingrifd Hala auf, die sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Susanne Osthoff kam auch nicht nach Deutschland, um ihre Tochter dort zu sehen. Die mußte vielmehr zu ihrer Mutter in den Nahen Osten fliegen.

Vielleicht fürchtet sich Susanne Osthoff vor dem Medienrummel in Deutschland, vielleicht will sie ihre Familie meiden, vielleicht weiß die Bundesregierung aber mehr, als sie gegenwörtig zugibt. Immerhin streicht sie Frau Osthoff alle Gelder und verhält sich ihr gegenüber auffallend kühl.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung; 28.12.2005
Bildmaterial: AP

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