Milchblockade

Tausende Liter ins Güllebecken

Von Rüdiger Soldt

Frischmilch auf dem Acker: auch wenn's schwer fällt

Frischmilch auf dem Acker: auch wenn's schwer fällt

04. Juni 2008 In Gerhard Schreyers Kuhstall ist kein weißer Milchfleck auf dem braunen Kuhstallboden zu sehen. Schon sieben Tage lang läuft die frisch gemolkene Rohmilch über einen kleinen Schlauch aus der Melkkammer direkt in den Spaltenboden.

Morgens sind es 1200 Liter und abends weitere 1100 Liter Milch, die im Güllebecken spurlos verschwinden. „Ich kühle die Milch erst gar nicht mehr, das kostet doch nur Geld. Und der Bäcker im Dorf hier muss während unseres Boykotts auch mit H-Milch backen“, sagt Schreyer. Bei einem Milchpreis von 34 Cent je Liter dürfte Schreyer mindestens 7000 Euro weniger einnehmen.

„Milchboykott, ich bin dabei“

Täglich landen über 2000 Liter Milch im Güllebecken

Täglich landen über 2000 Liter Milch im Güllebecken

Der 46 Jahre alte Landwirt bewirtschaftet mit seiner Frau, seiner 75 Jahre alten Mutter und seinem Sohn einen 170-Hektar-Betrieb in dem hohenlohischen Dorf Uttenhofen. An der Scheune und am Traktor kleben Schilder mit dem Logo des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Das ist der kleine Bauernverband, der den Milchboykott und die Blockade von Molkereien organisiert hat. „43 Cent - nie wieder weniger“ und „Milchboykott, ich bin dabei“ steht auf den Schildern an der Stalltür.

Schreyer ist vor zehn Jahren in den Verband eingetreten. „Damals gab es hier eine Versammlung des Bauernverbandes, dort hieß es, alles, was von oben kommt, sei gut und richtig. Das habe ich nicht mitgemacht“, erzählt Schreyer. Mittlerweile ist er stellvertretender Landesvorsitzender des BDM.

In Uttenhofen, dem kleinen 800-Einwohner-Dorf südlich von Schwäbisch Hall, gab es 1960 noch 50 Milchlieferanten. Geblieben sind zwei größere Betriebe: Schreyer, der inzwischen alle kleineren Höfe dazugekauft hat, und ein anderer Landwirt, der von den Aktionen des BDM nichts hält, weil er an die Mechanismen des Marktes glaubt.

Ein guter Preis ist nicht unmöglich

Schreyer beruhigt den Hofhund Nico, der an einer langen Kette auf der Rampe zwischen den Kühen herumläuft, und steigt auf den Futterschlepper. Mit dem Traktor hat er schon frühmorgens die Gras-Silage gefräst, jetzt mischt er Mais-Silage und Getreide dazu. „Das ist der Eintopf für meine Kühe“, sagt Schreyer und streichelt Kuh 52619. Bei 100 Kühen kann sich der Landwirt die Namen nicht mehr merken. Allein in den Landkreisen Hohenlohe und Schwäbisch Hall hat der BDM 300 Mitglieder, die meisten von ihnen beteiligen sich am Boykott der Hohenloher Molkerei. Die Biobauern unterstützen den Boykott finanziell und überweisen den Bauern einen Solidarbeitrag für den Verdienstausfall.

Schreyer hat den Betrieb vor 18 Jahren von seinem Vater übernommen. Viele Jahre hat er zugesehen, wie er mit der Milchviehwirtschaft immer weniger verdient hat. „Diesel und das Kraftfutter sind immer teurer geworden. Als der Milchpreis im vergangenen Herbst dann stieg, habe ich ja gesehen, dass es möglich ist, einen guten Preis für die Milch zu bekommen. Was man hat, gibt man ungern wieder her“, sagt Schreyer.

Der Boykott zeigt erste Wirkung

Milchbauer Gerhard Schreyer

Milchbauer Gerhard Schreyer

Er versuche schon viele Jahre, gegen die niedrigen Preise etwas zu tun. Erst habe er die Molkerei gewechselt, weil er geglaubt habe, so ließe sich der Wettbewerb in Schwung bringen. „Die haben aber nur untereinander Preisabsprachen getroffen, das hat nichts gebracht.“ Eine gute Milchkuh gibt heute 9000 Liter im Jahr, vor zwanzig Jahren waren es 5000. „Die Milchviehwirtschaft beginnt sich etwa von einem Literpreis von 35 Cent an überhaupt erst zu lohnen“, sagt Schreyer. Die Molkereien hielten die Preise mit der Behauptung niedrig, dass es eine Überproduktion gebe, jetzt zeige sich aber, dass die Vorräte gar nicht so groß seien. „Erst hieß es, die Molkereien könnten den Boykott sechs Wochen durchhalten, jetzt sind einige Regale schon nach sieben Tagen leer, so groß kann die Überproduktion doch gar nicht sein.“

Der BDM ist ein typisches Produkt verfehlter Lobbypolitik. Viele Kleinbauern konnten die Parole vom „Wachsen oder Weichen“ nicht länger ertragen, ihnen war die Politik des Bauernverbandes zu stark orientiert an den Interessen der Großbauern. Die Schilder mit der Aufschrift „Bauern brauchen einen fairen Preis - 43 Cent“ sind schon seit einiger Zeit an den Scheunen in Baden-Württemberg zu sehen, vor allem in den Landschaften, in denen noch immer viele kleine Milchbauern wirtschaften - etwa in Oberschwaben oder in Südbaden.

Die harte Arbeit lohnt sich kaum

Baden-Württemberg hat kleinere Milchviehbetriebe als andere Bundesländer. Im Durchschnitt hat ein Milchbauer 29 Kühe im Stall stehen, im Bundesdurchschnitt sind es 40. Auch die Milchleistung je Kuh ist geringer als anderswo, das Landwirtschaftsministerium spricht von „strukturellen Nachteilen“. Seit 1990 haben zwei Drittel aller Milchbauern aufgehört, morgens um sechs in den Stall zu gehen, zu füttern und zu melken, weil sie mit der harten körperlichen Arbeit an 365 Tagen im Jahr so gut wie nichts mehr verdienen.

Oftmals wirtschaften die Kleinbauern mit 30 oder 40 Kühen nur deshalb weiter, weil sie an ihrem Herkommen hängen und ihre wirtschaftlichen Verluste durch die Flächenprämie der EU ein wenig ausbessern können. Vom Milchverkauf allein können sie schon lange nicht mehr leben - Ferienwohnungen oder Feldarbeit für andere Bauern bessern die Einnahmen auf. 12.500 Milchbauern mit etwa 360.000 Kühen gibt es heute im Südwesten.

Das Wegschütten fällt schwer

Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk musste am Montag zu einer Sonderkonferenz der Agrarminister nach Berlin. Für die „unbefriedigende Einkommenssituation“ habe er Verständnis, bei Streiks müsse aber die „persönliche Entscheidung“ jedes einzelnen Landwirts respektiert werden. Was Hauk damit ansprach, ist der tiefe Riss, der durch die Bauernschaft geht, durch die kleinen Dörfer, sogar durch Familien. Auch Gerhard Schreyer musste seiner Mutter erst erklären, warum es in dieser Situation richtig sei, etwas zu tun, was früher als Frevel galt: Milch wegzuschütten.

Uttenhofen ist umgeben von grünen Wiesenhügeln, einige grenzen direkt an das Gehöft der Schreyers. Die Kühe grasen nicht mehr draußen, aber Gerhard Schreyer mäht das Gras, verfüttert es und trägt so zur Pflege des Landschaftsbildes bei. Diese Leistung des Bauernstandes fließt übrigens in die Milchpreisberechnungen der Molkereien überhaupt nicht ein. Ganz ist Gerhard Schreyer mit sich nicht im Reinen: „Am ersten Tag war es schon unangenehm, die Milch in den Spaltenboden fließen zu sehen. Ich hoffe, es ist eine einmalige Aktion“, sagt er und bricht zu einer Demonstration in Schwäbisch Hall auf.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, Frank Röth

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