Von Mechthild Küpper
11. August 2004 An diesem Freitag wird in der Potsdamer Staatskanzlei feierlich der Planfeststellungsbeschluß für den Ausbau des Berlin-Brandenburgischen Flughafens Schönefeld verkündet werden.
Acht Jahre, nachdem der Bund, Berlin und Brandenburg gemeinsam beschlossen, den bestehenden Flughafen Schönefeld zum einzigen Berliner Flughafen auszubauen und Tegel und Tempelhof zu schließen, markiert dieser Termin eine wichtige Etappe des Flughafenbaus und einen bedeutenden Schritt für die Wirtschaft der Region. Von Freitag an können Klagen gegen das Vorhaben direkt beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht werden; das Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz erlaubt die Abkürzung des Instanzenwegs.
Seriöserweise muß man für das Verfahren anderthalb Jahre veranschlagen, so daß mit dem eigentlichen Bauen Anfang 2006 begonnen werden kann. Vom Winterflugplan 2010 an sollen alle Flüge von und nach Berlin in Schönefeld starten und landen.
Weder die Wirtschaft noch die Bevölkerung wuchsen so schnell, wie es Anfang der neunziger Jahre erwartet wurde. Die Planung eines internationalen Flughafens für Berlin-Brandenburg schien lange Zeit hindurch wie andere ehrgeizige Projekte aus den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung zum Scheitern verurteilt: Lange währte der Kampf um den richtigen Standort; Sperenberg südwestlich von Berlin war der Favorit gewesen. Es scheiterte 2003 nach Klagen des konkurrierenden Bieters und trotz des vom Gericht empfohlenen Zusammenschlusses der beiden übriggebliebenen Konzerne Hochtief und IVG der Versuch, den Flughafen zu privatisieren. Eine Bürgerinitiative in Schönefeld mobilisierte in den Wahlkämpfen der Region und den Bürgerbeteiligungsverfahren seit 2000 Tausende Flughafengegner.
Doch inzwischen wird sogar in der Berliner Senatskanzlei davon gesprochen, daß die Verzögerungen auch Vorteile mit sich gebracht hättenen. Zum einen wurde die Gegnerschaft in den politischen Parteien neutralisiert: Erst waren die Grünen 2001 einen Sommer lang in Berlin Regierungspartei, dann gelangte die PDS in Berlin in den Senat.
Wer in Berlin regiert, muß für den Großflughafen sein. Zum anderen aber erlebten die Billigfluggesellschaften einen erstaunlichen Boom - und damit kam Bewegung in den traurigen Markt. "Schönefeld bricht alle Rekorde" meldeten die Berliner Flughäfen im Juni: Um 120,9 Prozent seien die Passagierzahlen im Mai gegenüber dem Mai 2003 gestiegen. Wer schon einmal von Schönefeld abgeflogen ist, weiß, wie nah und schon heute relativ gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar dieser Flughafen ist, und je mehr Leute diese Erfahrung machen, desto schneller werden die Vorurteile gegen den vermeintlich immer noch nach Karbol riechenden "Ost-Flughafen" schmelzen.
Durch den Boom der "Low-Cost-Carrier" hat Schönefeld gute Chancen, einziger Berliner Flughafen zu werden. Eine "absolute Mehrheit" der Bevölkerung wünsche heute, daß Schönefeld der Berliner Zentralflughafen werde, sagt Dieter Johannsen-Roth, der Geschäftsführer der Berliner Flughafen Gesellschaft (BFG), und darauf müßten alle Beteiligten jetzt ihre Kräfte konzentrieren.
Statt dessen findet eine publizistische Schlacht um den ehrwürdigen Flughafen Tempelhof statt. Ein Wirtschaftsführer nach dem anderen appelliert an den Regierenden Bürgermeister Wowereit, doch bitte den "City-Airport" offenzuhalten; er sei ein "Standortvorteil". Johannsen-Roth dagegen nennt Tempelhof eine "Geldvernichtungsmaschine": 15 Millionen Euro Defizit bringe Tempelhof ein, zu 60 bis 70 Prozent aus dem Flugbetrieb und nur zum geringeren Teil aus den Unterhaltungskosten für eine der größten Immobilien der Welt.
Nicht Berlin, sondern "der Markt" habe gegen Tempelhof entschieden. Kürzlich hat das Land Berlin die Flughafengesellschaft von der Betriebspflicht für Tempelhof und Tegel entbunden; Tegel soll erst geschlossen werden, wenn Schönefeld voll funktionsfähig ist, Tempelhof dagegen wird noch in diesem Jahr aufgegeben. Schon jetzt sind etliche Gesellschaften nach Tegel umgezogen, "German Wings" fliegt - ohne Passagierverluste - von Schönefeld.
Dort sollen in diesen Tagen die bauvorbereitenden Maßnahmen beginnen und möglichst 2005 abgeschlossen werden: Die 330 Bewohner des Dorfes Diepensee und zwölf Haushalte aus dem Dorf Selchow sind schon heute fast vollständig umgesiedelt. Die Kosten dafür beliefen sich auf 81,8 Millionen Euro. Im Herbst sollen die Abrißarbeiten beginnen. Drei Jahre lang werden Knoblauchkröten und die zur Balzzeit blauen Moorfrösche in andere Teiche gebracht, bis sie dort heimisch sind. Archäologische Grabungen werden stattfinden; schließlich ist die Gegend schon lange menschliches Siedlungsgebiet.
Das Bauen muß sorgfältig vorbereitet werden, an der Baustelle in Schönefeld doppelt soviel Volumen bewegt werden wie am Potsdamer Platz, auf einer sechsmal größeren Fläche. Bis die Arbeiten beginnen, soll das Stück der Autobahn A 113 mit eigener Abfahrt fertiggestellt sein. 600 Lastwagen pro Stunde werden auf die Flughafenbaustelle rollen. Solange das Bundesverwaltungsgericht über die etlichen zehntausend Klagen berät, werden - unter Vorbehalt - die ersten Bauausschreibungen für das auf 1,7 Milliarden Euro geschätzte Bauvorhaben formuliert werden. Schon jetzt wird den Reisenden Schönefeld so angenehm wie möglich gemacht: Sie sollen trockenen Fußes vom S-Bahnhof zum Terminal laufen können, und für alle, die nicht gut laufen, wird ein kostenloser Fahrservice mit Golfwagen angeboten. 13 Millionen Fluggäste haben die drei Berliner Flughäfen im vergangenen Jahr gesehen. Schönefeld soll für 20 Millionen gebaut und soll schrittweise für 30 Millionen Passagiere ausgebaut werden können.
750 000 Berliner, sagt Johannsen-Roth, werden durch Schönefeld als "Single Airport" vom Lärm entlastet werden; etliche zehntausend Anrainer von Schönefeld aber werden sich künftig von Fluglärm belästigt fühlen. Der neue Flughafen wird zwischen zwei Landebahnen liegen: Die nördliche wird die auf 3600 Meter verlängerte heutige Südbahn. Die heutige Nordbahn wird aufgegeben. Eine neue Südbahn wird 4000 Meter lang; dazwischen entsteht ein Terminal, der ausdrücklich nicht als "Architekturkathedrale" oder "Hochglanzflughafen" geplant wird.
Die Planung eines internationalen Flughafens für Berlin-Brandenburg schien lange Zeit zum Scheitern verurteilt. Lange währte der Kampf um den richtigen Standort. Doch inzwischen wird sogar in der Berliner Senatskanzlei davon gesprochen, daß die Verzögerungen auch Vorteile mit sich gebracht hätten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 4