Von Florentine Fritzen
25. Januar 2008 MON 810 spaltet Europa. Die vom amerikanischen Unternehmen Monsanto entwickelte Maissorte ist derzeit die einzige gentechnisch veränderte Pflanze, die von der EU für die Landwirtschaft zugelassen ist. Trotzdem ist MON 810 in manchen EU-Ländern für den landwirtschaftlichen Anbau verboten. Alle anderen Genmais-Sorten sowie Gensoja, Genweizen und Genkartoffeln dürfen ohnehin nur Forschungsinstitute anbauen. Das Unternehmen BASF hofft allerdings, dass die EU die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora noch vor der Aussaat in diesem Jahr ebenfalls für die Landwirtschaft erlaubt.
Wenn der Bundestag an diesem Freitag eine Änderung des Gentechnikgesetzes beschließt, dann nähert sich Deutschland nach Meinung der Gentechnikgegner spanischen Verhältnissen an: In den Regionen Aragonien und Katalonien wächst der meiste Genmais in ganz Europa. Nach Ansicht der Befürworter der Gentechnik dagegen bewegt sich Deutschland mit dem Gesetz ein gutes Stück in Richtung österreichischer Zustände: In Österreich darf der aus Gesundheits- und Umweltschutzgründen umstrittene Genmais überhaupt nicht angebaut werden - nicht einmal zu Forschungszwecken.
Umkehrung der Bringschuld
Einerseits führt das neue deutsche Gesetz Mindestabstände ein, wie es sie nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums bisher schon in Dänemark, Portugal, der Tschechischen Republik und den Niederlanden gibt. Zwischen Genmaisfeldern und konventionellen Maiskulturen müssen künftig 150 Meter liegen, gegenüber ökologischen Maiskulturen ist sogar ein Abstand von 300 Metern geplant. Das soll verhindern, dass sich Genmais-Samen auf Nachbarfeldern einnisten und dort neue Früchte hervorbringen, deren Samen im Folgejahr vielleicht unerkannt als Saatgut verwendet werden.
Auf der anderen Seite kritisieren Umweltschützer, dass sich die Bauern über die Mindestabstände absprechen sollen - und dafür gelten Fristen. Das bedeute, dass Nachbarn von Genmais-Bauern, die nicht rechtzeitig reagierten, ihre Schutzansprüche verlören, sagen die Grünen und sprechen von einer Umkehrung der Bringschuld zuungunsten der gentechnikfreien Produktion.
Größte Anbauflächen in Ostdeutschland
MON 810 produziert Bt-Toxin, das Gift des Bacillus thuringiensis. Das schmeckt dem Maiszünsler nicht, einem Schmetterling, dessen Raupen die Stengel von Maispflanzen fressen. Auf der Iberischen Halbinsel ist er besonders verbreitet, aber er kommt in ganz Süd- und Mitteleuropa vor. Kein Bauer mag abgeknickte Stauden. Außerdem muss man auf Pflanzen, die Schädlinge selbst abwehren, weniger Pestizide spritzen. Also bauen manche Landwirte MON 810 an - in Deutschland vor allem in den östlichen Bundesländern. Ihre Zahl steigt zwar, aber derzeit wachsen auf weniger als 0,2 Prozent der deutschen Maisfelder gentechnisch veränderte Pflanzen.
Das ist immer noch mehr als in den meisten anderen EU-Ländern. Nur in Spanien, wo MON 810 schon seit der Zulassung durch die EU im Jahr 1998 wächst und ein Viertel aller Maispflanzen gentechnisch verändert ist, sowie in Frankreich, der Tschechischen Republik und Portugal wird mehr Genmais angebaut als in Deutschland.
Frankreich steigt aus
Frankreich allerdings hat den Anbau vor wenigen Wochen verboten und sich dabei eine Schutzklausel in den EU-Rechtsnormen zunutze gemacht: Wenn ein Land neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorlegt, die Zweifel an der früheren Sicherheitsbewertung von Genmais aufkommen lassen, darf es den Anbau von MON 810 aussetzen, bis die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) mit Sitz im italienischen Parma den Fall in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission geklärt hat. Österreich beruft sich schon seit 1999 auf diese Regelung, und auch in Ungarn und Griechenland ist der Anbau von Genmais verboten.
Im Fall Frankreichs rätseln Beobachter jetzt, ob das Verbot nur etwas mit der Kommunalwahl im März zu tun hat und Präsident Sarkozy seiner bürgerlichen UMP mit umweltfreundlicher Politik im Wahlkampf helfen will oder ob mehr dahintersteckt: eine Trendwende des traditionell forschungsfreundlichen Frankreich hin zu mehr Behutsamkeit im Umgang mit der Gentechnik? Globalisierungskritiker José Bové konnte jedenfalls vor Freude seinen Hungerstreik beenden, mit dem er ein paar Tage lang für ein Genmais-Verbot geworben hatte.
In allen EU-Ländern kritisieren Kirchenvertreter, der Mensch dürfe nicht in die Schöpfung eingreifen - ob es sich nun um rote, also medizinische Gentechnik handle oder grüne, also landwirtschaftliche. Gesundheitsbewusste fürchten, gentechnisch veränderte Lebensmittel könnten im menschlichen Körper Schaden anrichten - ob die Genpflanzen nun direkt aufgenommen werden oder indirekt über Fleisch oder Milch von Tieren, die Genmais gefressen haben.
Bundestag beschließt Gesetzesnovelle
In Deutschland kritisieren die ganz Strengen jetzt auch eine Gesetzesnovelle zur Lebensmittelkennzeichnung, die der Bundestag an diesem Freitag ebenfalls beschließen will und die Verbände wie der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft auch ausdrücklich gutheißen. Den Aufdruck Ohne Gentechnik sollen nämlich auch Lebensmittel tragen dürfen, in denen Produkte von Tieren sind, deren Futter mit gentechnisch veränderten Zusätzen angereichert war.
Etwa ein Prozent der Maisanbauflächen in der EU wird mit Genmais bewirtschaftet. Obwohl der Anteil stetig steigt, ist die EU der Welthandelsorganisation (WTO) zu restriktiv. In Deutschland und Frankreich etwa führen die Behörden Standortregister. Jeder Landwirt - und jede Forschungsstelle - muss den Anbau genveränderter Pflanzen beantragen und das Flurstück melden. In Deutschland ist dafür das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Braunschweig zuständig.
Österreich sperrt sich gegen Druck der WTO
Die WTO kritisiert auch, dass die Europäische Kommission nicht mehr Druck auf Österreich ausübt, das seit fast neun Jahren an seinem Genmais-Verbot per Schutzklausel festhält. Im österreichischen Lebensministerium heißt es dazu, man erwarte von der Kommission, dass sie sich mehr Gedanken darüber macht, wie sie europäische Interessen gegenüber den Amerikanern und Argentiniern in der WTO durchsetzt. In den Vereinigten Staaten, dem Land mit den meisten Anbauflächen für gentechnisch veränderte Pflanzen auf der ganzen Welt, waren nach Angaben der Datenbank Transgen im vorigen Jahr 73 Prozent der angebauten Maispflanzen gentechnisch verändert.
Im gentechnikfreien Österreich sieht man allerdings einen Verbündeten im europäischen Umweltkommissar Stavros Dimas. Der hat nämlich die Autorisierungsverfahren für die Genmais-Sorten Bt 11 und Bt 150 gestoppt, obwohl die Efsa in Parma befand, sie seien ungefährlich. In der europäischen Landwirtschaft wird MON 810 also noch eine Weile allein auf weiter Flur bleiben. Es sei denn, die Amflora-Kartoffel kommt bald. Gegen die hat auch Stavros Dimas keine Bedenken.
Text: F.A.Z., 25.01.2008, Nr. 21 / Seite 4
Bildmaterial: dpa
