Von Werner Adam
28. Dezember 2007 Noch nie habe ich jemanden mehr gehasst, und ich werde nicht eher ruhen, bis ihm sein Handwerk gelegt worden ist.
Es wirkte wie ein Schwur, mit dem Benazir Bhutto im Spätherbst 1977 in einem Gerichtsaal in Lahore auf ein immer lauter werdendes Raunen hinter den Kulissen reagierte, wonach sich die Richter auf Geheiß des damaligen pakistanischen Militärherrschers Zia ul-Haq entschlossen hätten, gegen ihren Vater Zulfikar Ali Bhutto das Todesurteil zu verhängen.
Dieser aber, bis vor kurzem noch Premierminister des Landes, schien daran am wenigsten zu glauben. Er saß nur ein paar Schritte entfernt auf der Anklagebank und las demonstrativ amerikanische Nachrichtenmagazine, ohne sich um das Geschehen im Gerichtssaal weiter zu kümmern. Nur gelegentlich lächelte er seiner Tochter zu, die aus Sorge um das Schicksal ihres Vaters aus Großbritannien angereist war.
Botschafterin des guten Willens
Dort hatte sie an den Eliteuniversitäten in Harvard und Oxford studiert - und das offenkundig mit dem Ziel, sich ebenfalls der Politik zu verschreiben. Demonstriert hatte sie das schon fünf Jahre zuvor unter gekonntem Einsatz ihres mädchenhaften Charmes in dem indischen Bergstädtchen Simla.
Hier war sie im Spätjahr 1972 an der Seite ihres Vaters als ebenso bestaunte wie umjubelte Botschafterin des guten Willens erschienen, um am Zustandekommen eines Friedensvertrags mitzuwirken, über den Zulfikar Ali Bhutto und die indische Regierungschefin Indira Gandhi verhandelten. Er sollte einen Schlusspunkt hinter den Krieg um Bangladesch setzen, der ein Jahr zuvor die Halbierung Pakistans besiegelt hatte.
Zum Tode durch den Strang verurteilt
Knapp sechs Jahre später, kurz vor ihrem 25. Geburtstag, bestätigen sich dann ihre schlimmste Befürchtungen: Ihr Vater wird am 18. März 1978 wegen angeblicher Anordnung der Ermordung eines unbedeutenden politischen Opponenten zum Tode durch den Strang verurteilt.
Seine Tochter darf ihn noch zweimal im Gefängnis von Rawalpindi und damit in jener Garnisonsstadt unweit Islamabads besuchen, in der sie nun ebenfalls auf gewaltsame Weise ums Leben kam. Für ihren Vater hatte die letzte Stunde am frühen Morgen des 4. April 1979 geschlagen. Ungeachtet internationaler Proteste ließ Zia ul-Haq ihn hängen.
Es war dies der Beginn eines politischen Familiendramas, dem am Donnerstag als letztes Mitglied des begüterten Clans aus Larkana in der Provinz Sindh Benazir Bhutto zum Opfer fiel.
Erste Frau an der Regierungsspitze eines islamischen Landes
Nach dem Tod ihres Vaters war sie zunächst unter Hausarrest gestellt worden, während ihre kränkelnde Mutter, die aus Iran stammende Begum Nusrat, die Führung der von Bhutto gegründeten Pakistanischen Volkspartei (PPP) übernahm. Benazir durfte 1984 schließlich nach England ausreisen, wo sie dann den PPP-Vorsitz im Exil übernahm.
Rache an Zia ul-Haq zu nehmen, wie seinerzeit im Gerichtssaal von Lahore hinter vorgehaltener Hand angedroht, blieb ihr erspart. Der Militärherrscher, der wie keiner seiner Vorgänger, ob in Zivil oder Uniform, die Islamisierung des Landes betrieben hatte, kam 1988 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Das war im August.
Noch im November desselben Jahres fanden vergleichsweise freie Wahlen statt, aus denen Benazir Bhutto - mittlerweile mit dem Zementfabrikanten Asif Ali Zardari verheiratet - als Siegerin und damit als erste Frau an der Regierungsspitze eines islamischen Landes hervorging.
Ins Exil nach England
Nur zwei Jahre danach freilich wurde sie unter dem Vorwurf der Korruption, an dem ihr Mann nachweislich entscheidenden Anteil hatte, entmachtet. Amtsnachfolger wurde ihr politischer Intimfeind Nawaz Sharif von der traditionsreichen Muslim-Liga, der indes 1993 unter ähnlichen Anschuldigungen abgesetzt wurde und keiner anderen als seiner Vorgängerin Bhutto die Regierungsmacht zu überlassen hatte.
Drei Jahre später war dann wieder Nawaz Sharif an der Reihe, bis die steuernde Hand der pakistanischen Militärs und ihres berüchtigten Geheimdienstes abermals und überdies härter zuschlug: Die Zivilpolitiker wurden allesamt ausgebootet, und General Pervez Musharraf übernahm die Macht.
Benazir Bhutto, die mittlerweile neben Vater und Mutter auch ihre beiden Brüder verloren hatte - der eine hatte sein Leben bei terroristischen Einsätzen verloren, der andere vermutlich durch Ermordung unter nie aufgeklärten Umständen -, ging abermals nach England ins Exil.
Bhuttos Schicksal ist kein Einzelfall
Ihre Rückkehr nach Pakistan am 18. Oktober dieses Jahres war der Auftakt zu einem neuen Drama - für Benazir der letzte Akt und für ihr Land eine weitere Tragödie mit noch unbekanntem Ausgang. Kaum in der pakistanischen Hafenstadt Karachi gelandet, entging die Politikerin nur knapp einem Selbstmordanschlag, dem nicht weniger als 140 Menschen zum Opfer fielen. Und nun, am Donnerstag, hat dieses Schicksal auch sie selbst ereilt - eine Frau von scharfem Intellekt, weniger islamisch als säkular orientiert, politisch indes ein Heißsporn genau wie ihr Vater.
Benazir Bhuttos Schicksal ist nicht einmal an Einzelfall auf dem südasiatischen Subkontinent. In Indien fielen Indira Gandhi und ihr Sohn Rajiv Mordanschlägen zum Opfer, und in Bangladesch wurde Staatsgründer Sheikh Mujibur Rahman mitsamt den meisten Angehörigen seiner Familie von Militärs getötet, noch ehe das vormalige Ostpakistan seine Eigenständigkeit auch nur halbwegs gefestigt hatte.
Was aus Pakistan am Ende bleibt, wird sich erst noch zeigen müssen. Bezeichnend, dass nach der Ermordung Benazir Bhuttos sogleich wieder viele Finger auf eine Institution zeigen, die zu den unrühmlichsten des leidgeprüften Landes zählt: auf den Militärischen Geheimdienst, dessen ehemaliger Chef, General Hamid Gul, erst vor wenigen Tagen die zum Teil von Pakistan aus operierenden Taliban ausdrücklich als die wahren Freiheitskämpfer pries.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS