Von Susanne Güsten, Istanbul
27. November 2006 Als Touristen hatten sich die Verschwörer getarnt. In kleinen Gruppen traten sie an das Kassenhäuschen vor der Hagia Sophia, lösten Eintrittskarten und ließen sich an der Sicherheitskontrolle anstandslos durchleuchten. Dem Personal fiel nichts auf, bis es zu spät war. Als ihr Anführer per Handy das Signal gab, sanken unter der gewaltigen Kuppel der früheren Kirche plötzlich hundert Männer zum Gebet auf die Knie. Allahu akbar, schallte es zum Erstaunen der Touristen durch das Kirchenschiff. Bis Polizei und Museumswache die Gruppe umstellen konnten, hatten die Besetzer schon die türkische Fahne gehißt und eine Protesterklärung gegen den Papstbesuch verlesen. Mit Knüppeln gewannen die Sicherheitskräfte schließlich die Oberhand in dem Gotteshaus, in dem das Beten verboten ist.
Nichts weiter als ein Museum ist heute die Hagia Sophia, die fast tausend Jahre als Kirche und 500 Jahre als Moschee diente. Den Christen ist sie eine Erinnerung an die Zeit vor der Spaltung zwischen Katholiken und Orthodoxen, als sie noch Patriarchatskirche der byzantinischen Reichshauptstadt Konstantinopel war. Den türkischen Muslimen gilt sie als Symbol für ihren Besitzanspruch auf die Stadt, wandelte Sultan Mehmet der Eroberer sie doch nach dem Einmarsch der Osmanen 1453 persönlich in eine Moschee um. Zum Museum erklärt wurde sie 1935 vom Republikgründer Atatürk, der damit Christen und Muslime im Land versöhnen wollte.
Regierung legt dem Papst Programmänderung nahe
Gelungen ist das nie, im Gegenteil: An der Frage, wer in der Hagia Sophia beten darf, kristallisieren sich bis heute die türkischen Ängste vor den Christen. Den Türken sitzt der Schreck noch in den Gliedern, den Papst Paul VI. ihnen einjagte, als er beim Besuch in der Hagia Sophia 1967 ein Gebet sprach. Ihr eigenes Gebet sei deshalb nichts als eine Vorwärtsverteidigung gewesen, hieß es bei der ultranationalistischen Vereinigung, deren Mitglieder das Gotteshaus in dieser Woche besetzten. Schließlich wisse jeder, daß Papst Benedikt XVI. die Hagia Sophia mit seinem Besuch für die Christen beanspruchen wolle.
Nein zu jenen, die aus der Hagia Sophia wieder eine Kirche machen wollen, heißt es auch im Aufruf zur Großdemonstration gegen den Papstbesuch, zu der an diesem Sonntag Hunderttausende erwartet wurden. In der Presse beruhigen Fachleute ihre besorgten Landsleute, daß die Museumswachen einschreiten würden, versuchte Benedikt in der Hagia Sophia zu beten. Und die türkische Regierung legte dem Papst im letzten Moment eine Programmänderung nahe, um die Aufregung abzumildern: Benedikt solle wie jeder Tourist auch die gegenüberliegende Blaue Moschee besuchen.
Das Ziel ist es, den Nahost-Plan zu verwirklichen
Genau acht Minuten lang will sich der Papst laut Programm am Donnerstag morgen in der Hagia Sophia aufhalten. Von einem Gebet ist keine Rede, von Forderungen nach Rückwandlung in eine Kirche erst recht nicht. Woher diese Massenpsychose? Die Antwort glaubt der Schriftsteller Yücel Kaya zu kennen, dessen Arbeitszimmer in einem kleinen Schulbuchverlag nur ein paar hundert Meter von der Hagia Sophia entfernt liegt. Attentat auf den Papst: Wer tötet Benedikt XVI. in Istanbul? heißt sein jüngster Thriller, für den er die Hintergründe des Papstbesuches intensiv recherchiert haben will. Besonders die Bemühungen um die Ökumene, die den Papst zum orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel und damit in die Türkei führen, stimmen ihn und seine Landsleute mißtrauisch.
Israel, der Vatikan und das Patriarchat arbeiten im Nahen Osten zusammen, so heißt es in Kayas Buch - ebenso wie in vielen Teehäusern der Türkei. Das wahre Ziel des Treffens von Papst Benedikt und Patriarch Bartholomaios in Istanbul ist es, den Nahost-Plan dieser Mächte zu verwirklichen. Seinen türkischen Lesern muß Kaya nicht näher erläutern, worin dieser Plan besteht, doch in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Bosporus klärt er bereitwillig auf.
Und dann werden sie Asien christianisieren
Schon Papst Johannes Paul II. hat gesagt: Im ersten Jahrtausend haben wir Europa christianisiert, im zweiten Jahrtausend Afrika und Amerika, und im dritten Jahrtausend ist Asien dran, behauptet er. Darum geht es beim Großen Nahost-Plan des Westens: Erst sollen jetzt die katholische und die orthodoxe Kirche wiedervereinigt werden. Und dann werden sie Asien christianisieren. An Verfolgungswahn grenzt diese Angst der Türken vor vermeintlichen christlichen Missionierungsversuchen. Der katholische Priester Andrea Santoro wurde vor einigen Monaten zum Opfer dieser Paranoia, als ein Halbwüchsiger ihn in seiner Kirche in Trabzon erschoß; er habe den Priester für einen Missionar gehalten, begründete der Teenager die Tat.
Auch der protestantische Pfarrer Behnan Konutgan, der eine kleine Gemeinde in Istanbul leitet, bekommt das Mißtrauen fast täglich zu spüren. In seinen Kirchenräumen in einem Hinterhof unweit der Hagia Sophia kann man sich zur muslimischen Gebetszeit kaum verständigen, weil in der Nachbarschaft drei Muezzins zugleich rufen. Geht Konutgan aber selbst mit seinem Glauben an die Öffentlichkeit, ruft bald jemand die Polizei. Ich bin schon oft angezeigt worden, mindestens zwanzigmal wurde ich schon abgeführt oder mußte ich auf der Wache erscheinen, erzählt er.
Dahinter steckt Amerika, wahrscheinlich auch Israel
Zwar tut er nichts Ungesetzliches, wenn er die Bibel verkündet, und wird von den Haftrichtern stets wieder auf freien Fuß gesetzt. Aber die Bevölkerung und selbst die Polizei kennen die Gesetze eben nicht. Wie verbreitet die Vorstellung ist, daß die Christen das Land durch Missionierungen untergraben wollen, zeigt allein eine kurze Umfrage vor der Kirche. Die Missionare wollen unseren Glauben zerstören, sagt der Textilhändler Yusuf Nizan. Sicher sind die Missionare hier aktiv, meint der Eisenwarenhändler Nuri Temel. Geheime Mächte betreiben das, die unseren Glauben vernichten wollen, sagt der Student Hakan Aksu. Dahinter steckt Amerika, wahrscheinlich auch Israel.
Diese bizarren Ansichten haben in der Istanbuler Altstadt um die Hagia Sophia viele Anhänger - und nicht nur hier: Die Angst vor den Christen ist bis in die Regierung hinein salonfähig. Wir sehen in den Aktivitäten der Missionare den Versuch, unsere Gesellschaft in verschiedene Glaubensgemeinschaften aufzusplittern, um unsere religiöse, nationale und kulturelle Einheit aufzubrechen, beantwortete der für das Religionsamt zuständige Minister Mehmet Aydin im vergangenen Jahr eine parlamentarische Anfrage: Nur ein muslimischer Türke, so glauben die Nationalisten, könne ein echter Türke sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seiten 2 und 3
Bildmaterial: AP, dpa