Demographie

Alle elf Sekunden ein neuer Amerikaner

Von Matthias Rüb, Washington

16. Oktober 2006 An diesem Dienstag um 7.46 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit (13.46 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit) soll es nach den Berechnungen der Bevölkerungsstatistiker soweit sein: Dann zählen die Vereinigten Staaten von Amerika 300 Millionen Einwohner. Ob es ein Baby sein wird, das irgendwo zwischen San Diego in Kalifornien und Bangore in Maine geboren wird und die symbolträchtige Marke überschreitet; oder ein Einwanderer, der mit Paß und Visum auf einem Flughafen landet; oder eben auch ein Illegaler aus Lateinamerika, der in der Sonora-Wüste über die Grenze nach Arizona schlüpft - niemand kann es wissen.

Jedenfalls ist der 17. Oktober 2006 ein historisches Datum, ebenso wie der 20. November 1967, als die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten 200 Millionen erreichte. Auch an jenem Novembertag vor 39 Jahren um 11.03 Uhr konnte niemand mit Gewißheit sagen, daß Robert Ken Woo Jr. aus Atlanta auch wirklich jener Säugling war, der die Zahl der Einwohner über die 200-Millionen-Marke brachte. Dennoch wurde für „Bobby“ Woo ein großer Bahnhof gemacht.

Alle sieben Sekunden ein Baby

Geboren am 20.11.1967: „Bobby” Woo wurde 200.000.000 Einwohner Amerikas

Geboren am 20.11.1967: „Bobby” Woo wurde 200.000.000 Einwohner Amerikas

Das Magazin „Life“ hatte 23 Teams von Fotografen und Journalisten in Krankenhäuser im ganzen Land entsandt, um jenes Baby abzulichten, das pünktlich um drei Minuten nach elf Uhr das Licht der Welt erblickte. Präsident Lyndon B. Johnson wohnte einer Zeremonie in der Volkszählungsbehörde in Washington bei, als die Zifferblätter auf 200.000.000 umsprangen. Man klatschte und jubelte. Im Crawford Long Hospital in Atlanta im Bundesstaat Georgia gab es um kurz nach elf Uhr ein Blitzlichtgewitter, denn die Redaktion von „Life“ hatte Baby Bobby, das zweite von vier Kindern einer chinesischen Einwandererfamilie, auserkoren, den Sprung über die 200-Millionen-Marke zu symbolisieren.

Einen solchen symbolischen Akt wird es an diesem Dienstag nicht geben - allein schon deshalb, weil es das Wochenmagazin „Life“ seit 1972 nicht mehr gibt. Präsident Bush wird den Morgen im Weißen Haus mit Amtsgeschäften verbringen. Die „Population Clock“ der Volkszählungsbehörde ist seit ein paar Jahre digitalisiert, und man kann sie auf der Website des Zensusamtes (www.census.gov) alle paar Minuten aktualisiert sehen. Die Statistiker haben ermittelt, daß in den Vereinigten Staaten durchschnittlich alle sieben Sekunden ein Baby geboren wird, während alle 13 Sekunden ein Mensch stirbt; dazu kommt alle 31 Sekunden ein Einwanderer nach Amerika - das ergibt alle elf Sekunden einen Bevölkerungszuwachs von einer Person.

Ungebremste Einwanderung

Die Vereinigten Staaten sind das einzige Industrieland, das einen solch bemerkenswerten Bevölkerungszuwachs verzeichnet. Die 13 ehemaligen Kolonien hatten 1776, im Jahr der Unabhängigkeitserklärung, eine Einwohnerzahl von gerade einmal 2,5 Millionen. Es dauerte 139 Jahre, bis im Jahr 1915 die 100-Millionen-Grenze überschritten wurde, weitere 52 Jahre, bis „Bobby“ Woo zur Welt kam, und nur noch 39 Jahre bis zum Erreichen der 300-Millionen-Marke. Nach Projektionen sollen im Jahr 2043 dann 400 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten leben.

Im 20. Jahrhundert gab es nur ein einziges Kalenderjahr, in dem ein Nettoverlust verzeichnet wurde: Das war 1918, als die Spanische Grippe wütete und zudem Amerikas Einsatz im Ersten Weltkrieg einen hohen Blutzoll forderte. Zur Zeit der Großen Depression nach dem Crash des Aktienmarktes von 1929 sank die Wachstumsrate auf einen neuen Amerikaner alle 43 Sekunden. Die geburtenstarken Jahrgänge der Generation der „Baby Boomer“ zwischen 1946 und 1964 ließen die Zuwachsrate auf einen zusätzlichen Bürger alle zehn Sekunden schnellen, und bei diesem Wachstumstempo ist es seither geblieben. Zur Zeit macht die ungebremste Einwanderung etwa 40 Prozent des Bevölkerungswachstums aus. Die Zahl der illegalen Immigranten wird auf zwölf Millionen geschätzt.

Nach China und Indien

Die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt kann jeder nennen: Es sind China und Indien mit 1,31 beziehungsweise 1,09 Milliarden Einwohnern. Daß auf dem dritten Rang - noch deutlich vor Indonesien (245 Millionen) und Brasilien (188 Millionen) - aber schon die Vereinigten Staaten liegen, ist weithin unbekannt. Das robuste Bevölkerungswachstum speist sich aus der im Vergleich zu anderen hochentwickelten Staaten hohen Fertilität und aus der beschleunigten Einwanderung.

Die hohe Fertilität erklärt sich nicht nur dadurch, daß die vielen Einwanderer - zumal die Latinos - die Sozialstrukturen ihrer Herkunftsländer und damit einen beträchtlichen Geburtenüberschuß gewissermaßen nach Amerika importiert haben. Seit etwa zehn Jahren ist auch in der weißen Mehrheitsbevölkerung eine Trendwende zu beobachten: Es gibt immer mehr Familien mit drei oder noch mehr Kindern.

Fertilität in Europa sinkt stetig

Seit Anfang der sechziger Jahre ging in den Vereinigten Staaten die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, von einem Wert knapp unterhalb der Reproduktionsgrenze von 2,1 kontinuierlich zurück. Bis Mitte der achtziger Jahre fiel die Fertilitätsrate in Amerika auf einen Wert von 1,8 und lag damit sogar etwas unter dem Durchschnittswert von knapp 2,0 der europäischen Staaten diesseits des Eisernen Vorhangs.

Seither aber ist die Zahl der Kinder pro Frau wieder deutlich auf knapp 2,1 gestiegen. Dagegen sinkt die Fertilität in fast ganz Europa weiter stetig. In Frankreich liegt die Rate mit gut 1,8 noch an der Obergrenze des Spektrums, während Italien und Spanien mit 1,3 und Deutschland mit 1,4 in der unteren Hälfte liegen.

Amerika wächst, Europa schrumpft

Im Jahr 1950 hatten die Vereinigten Staaten etwa 150 Millionen Einwohner, halb so viele wie die Staaten West- und Nordeuropas diesseits des Eisernen Vorhangs mit damals zusammen etwa 300 Millionen Einwohnern. Die Einwohnerzahl der EU der 15 Mitgliedstaaten lag im Mai 2004, also zum Zeitpunkt der Erweiterung um zehn Beitrittsstaaten, bei knapp 380 Millionen. Bis 2050 dürfte sich diese Zahl auf etwa 350 Millionen reduziert haben.

Da auch in fast allen neuen Mitgliedstaaten kein Bevölkerungswachstum zu verzeichnen ist, dürfte es beim negativen Trend in Europa bleiben. Bis etwa zur Mitte des 21. Jahrhunderts dürften die Vereinigten Staaten sogar mehr Einwohner haben als die erweiterte EU, denn die amerikanische Bevölkerung nimmt rascher zu als erwartet, während in Europa der Rückgang stärker ist als vorausgesagt. Amerika wächst, Europa schrumpft, Amerika bleibt relativ jung, während Europa altert, Amerika bekräftigt seinen multikulturellen Patriotismus, während sich Europas Identitätskrise verschärft.

Größtes Gesundheitsrisiko Übergewicht

In der öffentlichen Debatte über das Wachstum wird dieser Tage in Amerika an die intellektuelle Arroganz jener Apokalyptiker erinnert, die in den siebziger Jahren im Bevölkerungswachstum eine „Bedrohung für den Frieden“ sahen. Wegen der kommenden „Überbevölkerung“ wurden beispiellose Hungersnöte in aller Welt und sogar Unruhen in den Vereinigten Staaten wegen knapper Lebensmittel vorausgesagt.

Die Wahrheit ist, daß für die heute in Amerika geborenen Kinder ihr drohendes Übergewicht das größte Gesundheitsrisiko ist. Und gerade das kommunistische China, das sich mit seiner Ein-Kind-Politik beispielhaft an die Empfehlungen der westlichen Populationsapokalyptiker hielt, dürfte sich schon bald einem Mangel an arbeitsfähigen Menschen zur Ernährung einer alternden Bevölkerung ausgesetzt sehen.

Weiter steigende Lebenserwartung

Überhaupt wird in Amerika trotz der Debatte über die Einwanderung weithin zuversichtlich in eine Zukunft des dynamischen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums geschaut. Gewiß altert auch in den Vereinigten Staaten bei weiter steigender Lebenserwartung die Bevölkerung: Heute sind schon 12,2 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt, 1967 waren es 9,6 Prozent, 1915 gerade einmal 4,4 Prozent. Gewiß bereiten der Landschaftsverbrauch durch ausufernde Vorstädte und Straßen, die Knappheit natürlicher Ressourcen und die Umweltverschmutzung Sorge.

Gewiß schließlich gibt es eine Debatte darüber, wie sich das Gesicht Amerikas verändern wird, wenn bis etwa 2050 fast ein Viertel der Bevölkerung aus Latinos bestehen wird, wenn sich der Anteil der asiatischen Amerikaner auf acht Prozent verdoppelt haben wird, während jener der Schwarzen bei konstant 14 Prozent liegen dürfte - und wenn mithin die Weißen nur noch die Hälfte der Einwohner stellen werden.

Auf jeden Mund, zwei zusätzliche Hände

Doch selbst der Kommentator der „New York Times“ sieht eine positive Zukunft. Er erinnert an das Bauernwort, daß auf jeden zusätzlichen Mund, den es zu füttern gilt, auch zwei zusätzliche helfende Hände kommen. Die gute Nachricht sei mithin, daß Amerika „von diesem Dienstag an 600 Millionen Hände haben wird, um jedes vor uns liegende Problem zu lösen“.

Zum Beispiel die sechs Hände dreier kleiner Mädchen aus Atlanta namens Erin, Megan und Caeley. Es sind die Töchter des heute 38 Jahre alten Harvard-Absolventen und Anwalts „Bobby“ Woo und seiner ebenfalls chinesischstämmigen Frau Angie, die ihrerseits als Juristin im Justizministerium des Bundesstaates Georgia in Atlanta arbeitet.

Text: F.A.Z., 17.10.2006, Nr. 241 / Seite 11
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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