Bush-Besuch

Angst vor fliegenden Grabsteinen

Von Eckhart Kauntz

Mainzer Motto des Tages: Gesperrt!

Mainzer Motto des Tages: Gesperrt!

22. Februar 2005 Im Salon Schöfer in der Mainzer Münsterstraße geht die Angst um. „Wenn die Dollen kommen, möchte ich nicht hier sein“ sagt der weibliche Friseurlehrling. Das braucht er auch nicht. Denn der Salon wird am Mittwoch, dem Tag des Staatsbesuchs von Präsident Georg W. Bush in Mainz, geschlossen haben. Unten am Rhein der Gast aus Washington mit Gefolge sowie seine aus Berlin angereisten Gastgeber, oben in Bahnhofsnähe die Kritiker des Präsidenten mit Transparenten in der Hand und viel Wut im Bauch - da könnte es trotz der Präsenz von etwa zehntausend Polizisten in und um Mainz herum einem kleinen Friseurladen besser anstehen, sich und den Kunden Aufregung zu ersparen.

In der Metzgerei Riechard, die ihre Kundschaft in der Sicherheitszone um das Kurfürstliche Schloß schon recht nahen Clarastraße bedient, hat sich hingegen Durchhaltewillen breitgemacht. Gestählt von Erfolgen im harten Wettbewerb - soeben wurde im „Großen deutschen Fleischwurstwettbewerb“ eine goldene Medaille erkämpft -, verkündet der Metzger auf weißem Papier: „Wir versuchen, auch am 23. Februar für unsere Kunden offen zu halten.“

Rolläden runter

Probelauf für den Bush-Besuch

Probelauf für den Bush-Besuch

Nicht mehr zu öffnen werden an diesem Mittwoch etwa 1.300 Mainzer Gully-Deckel sein. Überall dort, wo der Troß der 150 Wagen sich auf dem Weg vom Frankfurter Flughafen über die Autobahnabfahrt Weisenau in die Innenstadt am Mittwoch vormittag bewegen wird, haben Schweißer im Auftrage der Stadt die runden Scheiben fest mit dem Rand der jeweiligen Schächte verbunden.

Neben Tausenden von Mainzer Arbeitnehmern, die wie die Opelaner in Rüsselsheim zwangsweise einen freien Tag nehmen müssen, weil sie mit ihren Autos weder zu Arbeitsbeginn noch am Nachmittag mobil sein können, sehen sich also auch die Kanalratten mit der Umsetzung von Sicherheitsauflagen konfrontiert, die in der Geschichte der Stadt ohne Beispiel sind. Manche Garage in der Sicherheitszone ist in diesen Tagen für ihre Besitzer nicht nutzbar. Die Rolläden der Fenster entlang der Boelckestraße, die vom rechtsrheinischen Brückenkopf gegenüber der Innenstadt in Richtung Wiesbaden führt, haben geschlossen zu bleiben.

Hausmeister mit Freigang

Selbst die Klappe am Laternenmast wurde polizeilich versiegelt

Selbst die Klappe am Laternenmast wurde polizeilich versiegelt

Die am Kasteller Kreisel gelegene Gustav-Stresemann-Schule hat schon am letzten Wochenende Besuch von der Polizei erhalten und wird seither Tag und Nacht observiert. Der dort wohnende Hausmeister Philipp Seniuk ist angehalten, sich in den kritischen Stunden am Mittwoch nicht am Fenster zu zeigen. Die Familie wird den Tag im Haus verbringen, er selbst darf, wie ihm zugestanden wurde, auch den Schulhof betreten. Hier wird Bush an diesem Nachmittag auf dem Weg zum Militärflugplatz Erbenheim vorbeikommen, wo ihn die als Soldaten in Wiesbaden stationierten Landsleute begrüßen werden.

Die Schülerinnen und Schüler der Gustav-Stresemann-Schule werden am Mittwoch, wie praktisch alle Mainzer Schulen, einen zusätzlichen freien Tag genießen können, aber wegen des Stundenausfalls auch zusätzlich aufgegebene Arbeit leisten. Weil der Rektor Rainer Dornig ein pflichtbewußter Pädagoge ist, hat er den Lehrkörper angewiesen, den Tag des Staatsbesuches zur Überarbeitung des Schulprogrammes sowie zur Ertüchtigung der pädagogischen Leistungsfähigkeit zu nutzen. Wie ernst die Sicherheitslage zu nehmen ist, zeigt der Spielcontainer auf dem Schulhof. Das Schloß, mit dem sein Inhalt vor unberechtigten Zugriffen geschützt ist, hat nicht das Zutrauen der Polizisten gefunden. Zusätzlich wurde am Dienstag nachmittag ein Siegel angebracht.

Mit der Kraft des Zaubertranks

Dem Steinmetzmeister Bernd Fuchs an der Boelckestraße hat der Bush-Besuch zu Reputation verholfen, welche die Grenzen seines Wirkungskreises rings um den Kasteller Friedhof sprengt. Der 41 Jahre alte Handwerker leistete gegenüber der Aufforderung von Beamten, die zwischen Werkstatt und Straße einer Verwendung harrenden etwa sechzig Grabsteine zu entfernen, hinhaltenden Widerstand.

„Wahnsinn“ sei es doch, in den ein- bis zweihundert Kilogramm schweren Steinen „potentielle Wurfgeschosse“ zu sehen, die einen eventuell hier vorbeifahrenden amerikanischen Präsidenten treffen könnten. Die vor zahlreichen Kameras wiederholte Feststellung von Fuchs, zu einer solchen Tat bedürfe es schon der von magischem Druidentrank beförderten Stärke eines Obelix, hatte dann sogar die Beamten scheinbar überzeugt. In den letzten Tagen, so sagt Fuchs, habe er von keinem solchen Ansinnen mehr gehört.

Einer Zweckentfremdung konnte hingegen der wegen der Winterszeit vom Wasser entleerte Brunnen im Innenhof des Kurfürstlichen Schlosses nicht entrinnen. Weil er als Ort von Wasserspielen bei dem derzeitigen Frostwetter nicht nutzbar war, ließ die Stadt ihn für diesen Mittwoch mit Erde und mit kälteunempfindlichen Pflanzen füllen. Nach dem Busch-Besuch kann der Brunnen dann seinen Winterschlaf fortsetzen.

Muß das „Gedöhns“ sein

„Die Welt schaut auf Mainz“, sagt voller Stolz der designierte rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch und denkt dabei an die 1.800 Journalisten aus aller Welt, die aus der Stadt in alle Kontinente berichten werden. Bruch sollte eigentlich an diesem Mittwoch als Nachfolger von Walter Zuber im Mainzer Landesparlament vereidigt werden. Er muß zwei Tage warten.

Im Plenarsaal des Hohen Hauses sieht sich die 1832 von Patrioten bei ihrem Protestzug zum Hambacher Schloß mitgeführte schwarz-rot-goldene Fahne von zwei Sternenbannern eingerahmt. Der Saal des Parlaments erwartet hier den Auftritt des Sprechers des Weißen Hauses vor den mehr als 150 amerikanischen Journalisten, die über den Fortgang der Gespräche von Bush und Bundeskanzler Schröder berichten werden.

Die Mainzer Bürger zeigen sich, wie auch Beamte feststellen, zusehends mürrisch über das den Bush-Besuch begleitende „Gedöhns“. Muß das sein, fragt mancher zornig und denkt an die Kosten. Des Präsidenten wird kaum einer ansichtig werden. Das war vor fast 43 Jahren ganz anders. Am 25. Juni hatte John F. Kennedy in Wiesbaden die Zuschauer so in Begeisterung versetzt, daß Absperrketten brachen und jubelnde Bürger den Wagen des freundlich winkenden Präsidenten umschwärmten. „Einigen der jubelnden Wiesbadener war es gelungen, für einen flüchtigen Moment die Hand des gefeierten Kennedy zu ergreifen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 26. Juni 1963.

Text: F.A.Z., 23.02.2005, Nr. 45 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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