17. Juni 1953

Er holte Bier und kam nicht wieder

Ein Zeitungsstand auf dem Leipziger Marktplatz steht in Flammen

Ein Zeitungsstand auf dem Leipziger Marktplatz steht in Flammen

16. Juni 2003 „Suche Zeitzeugen des 17. Juni!". So lautete eine Anzeige des Schriftstellers Walter Kempowski. Die Antworten waren so zahlreich, daß der 74jährige ein Buch daraus machen will. Hier eine kleine Auswahl.

Greiz, Haftanstalt,

16. Juni, abends
Von der Straße her kamen Schreie, die wir nicht deuten konnten. Mein Zellengenosse tippte: "Das benachbarte Kino ist aus, und die Besucher waren begeistert." Die Rufe aber klangen nicht nach Begeisterung. In jener Nacht fanden keine Verhöre statt. Am Morgen des 17. Juni standen beim Aufschluß Zivilisten mit einem freundlichen Gesicht vor uns. Es waren unsere Peiniger, nun als Menschen verkleidet.
Georg Herz, Greiz

Berlin-Treptow, Politschule,

17. Juni, 6 Uhr
Wie allmorgendlich verkündete eine angenehme Frauenstimme: "Guten Morgen, Genossen! Es ist sechs Uhr, bitte die Nachtruhe beenden!" Anschließend dudelte aus den Lautsprechern die gewohnte Morgenmusik, allerdings ohne Wortsendungen, was wir zunächst nicht bemerkten. Der Morgenappell fiel aus, wir soll-
ten in den Unterkünften bleiben. Vermutungen machten sich breit und Spekulationen. Keine Nachrichten!
Befehl: Die "Schweren-Maschinen-Gewehre" (SMG) zum Schutz der Kaserne in Stellung bringen! Was sollten wir UNS schützen, wenn draußen dem Lande Gefahr droht? Um das Kasernengeviert trollte ein gröhlendes Häufchen: "Nieder mit der SED und KVP!" - "Butter statt Kanonen!"
Karlheinz Effenberger, Schwerin

Warnemünde, Warnowwerft,

7 Uhr

Nach einer täglichen, sogenannten "10-Minuten-Bewegung" vor Dienstbeginn, in der man uns eine kommunistische politische Ausrichtung aufoktroyieren wollte, machten wir Ärzte in der Ausbildung anschließend unsere Sprechstunde auf dem Werksgelände. Plötzlich kam mein Kollege, Dr. Krause, und sagte: "Sehen Sie mal aus dem Fenster, die Arbeiter streiken!" Völlig ungläubig hielt ich das für einen Scherz. Ich sah dann, wie die Arbeiter durch die Werksgassen zogen, die Propagandaparolen auf den Transparenten herunterrissen und in Sprechchören riefen: "Ulbricht absetzen!"
Ernst-Jürgen Boness, Lübeck

Berlin, Pappelallee,

9 Uhr

In der zweiten Schulstunde ging unvermittelt die Tür auf, und eine Lehrkraft erklärte in sichtbarer Aufregung, der Unterricht müsse leider abgebrochen werden, wir sollten alle unsere Sachen packen und das Schulgebäude schnellstmöglich verlassen. Vorher sollten wir noch sämtliche Politiker-Porträts von den Wänden nehmen und hinter dem Schrank verstecken. Ich ging mit meinen Schulfreunden Richtung Holzmarkt. Die Fenster der obersten Stockwerke im dortigen Parteigebäude standen sperrangelweit offen. Ab und zu zeigten sich ein paar junge Männer, blickten nach unten, schrien etwas in die Menge herab. Porträtgemälde der Staatsoberen wurden, unter dem Gejohle des Publikums, herumgezeigt, und es wurde lauthals eine Abstimmung inszeniert: "Habt ihr diesen Genossen etwa gewählt? Nein?" Das Volk auf dem Marktplatz hatte verstanden: "Nieder mit dem Spitzbart!" Der Bilderstürmer bespuckte das Konterfei und ließ es alsdann auf den Marktplatz hinuntertaumeln.
Frieder Gänswein, Bremen

Ausgewählt und zusammengestellt von Cornelius Tittel und Volker Weidermann



Text: Eine größere Auswahl finden Sie in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.06.2003, Nr. 24 / Seite 19
Bildmaterial: AP , dpa

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