Allgemeines Chaos

Kampf der Kulturen, Stand Dezember 2006

Von Nils Minkmar

Irak in Scherben: Wer kennt die Opfer?

Irak in Scherben: Wer kennt die Opfer?

17. Dezember 2006 Was das für ein Jahr war, konnte man in der letzten Novemberwoche auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen bestaunen. Der WDR und andere europäische Sender hatten zu einer Tagung über Migration geladen - und alles war anders: die Themen, die Redner, die Brisanz der Sache.

Da trat der stellvertretende CDU-Vorsitzende und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf und beklagte, daß Muslime hierzulande keine deutschen Freunde hätten. Seine Parteifreundin Maria Böhmer pries die Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland, insbesondere die der fleißigen Polen an die Ruhr, und stellte fröhlich fest: „Deutschland ist schon lange ein Integrationsland!“

„Der Islam ist Teil dieser Republik!“

Wer kämpft gegen wen?

Wer kämpft gegen wen?

Dann kam noch Armin Laschet, CDU-Landesminister in NRW, und sagte, man müsse sich um ausgewogenere Berichterstattung bemühen; es sei ja zeitweilig Theo van Gogh bekannter gewesen als der gleichnamige Maler. Dann stellte er erst mal fest: „Der Islam ist Teil dieser Republik!“ Als später auch noch Wolfgang Schäuble darlegte, man müsse jene Menschen im Lande, die wenig Erfahrung mit Migranten und darum Furcht und Sorgen vor ihnen hätten, eben „besser aufklären“, da war es Zeit, aufzuschreien: Sind Aliens in die Körper dieser Unionspolitiker gefahren? Was ist aus der CDU geworden? Wird jetzt „Kumbaya“ die Parteihymne? Geben die bald Tamburine aus und tanzen Barfuß zu Yusuf Islam? Und was haben eigentlich all die Jahre des Verschweigens der Probleme - „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ wird einst im Museum der lächerlichen Slogans gleich neben Blüms „Die Renten sind sicher“ hängen - gebracht?

Was, grob gesprochen, zwischen dem 11. September und dem Karikaturenstreit geschehen ist, hat einen Umsturz der Zeiten und Verhältnisse bewirkt, welcher, in Europa wie im Nahen Osten, kaum zu begreifen ist - es ist so viel passiert, daß man kurz innehalten sollte. Schon jetzt aber kann man feststellen: Die Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam und den friedlichen europäischen Migranten aus muslimischen Mehrheitsgesellschaften hat die politische und intellektuelle Landschaft stärker herausgefordert, dynamisiert und schlicht durcheinandergewirbelt als jedes andere Thema seit dem Ende des Kalten Krieges.

Linksintellektuelle haben den Faden verloren

Ein interessantes Merkmal der neuen Debattenlage ist beispielsweise die völlige Abwesenheit der klassischen Linksintellektuellen aus der langen Liste „von Altvater bis Zwerenz“. In Essen fand sich zwischen all den CDU-Granden auch kein prominenter Vertreter von Sozialdemokraten und Grünen. Diese politische und intellektuelle Richtung, früher so stolz auf ihre Ausländerkompetenz, oft auch so klarsichtig und mutig, fehlt völlig; sie scheint auf dem Gebiet nichts mehr zu melden zu haben. Zwischen dem Antirassismus und Antikolonialismus von einst und einem heute geforderten Anti-Islamofaschismus haben sie den Faden verloren.

Ein Indiz dafür, wie gewisse traditionell gutmeinende Denkrichtungen mittlerweile abgekoppelt sind, ist die diese Woche veröffentlichte Studie des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer über „Deutsche Zustände“. Dort wird mit Besorgnis eine „steigende Islamophobie“ auch unter gebildeten Befragten ausgemacht. Die Studie belegt dies unter anderem dadurch, daß die Aussage, der Islam habe „eine bewundernswerte Kultur“ hervorgebracht, nur von weniger als der Hälfte der Befragten unterstützt wird.

Wurde zuviel Multikulti geduldet?

Dieses Ergebnis muß nicht unbedingt als Vorbote eines aufkommenden Faschismus, es darf auch als Zeichen einer intensiveren Beschäftigung mit dem Islam gelesen werden, aus der beispielsweise hervorgehen könnte, daß der Islam, eine Religion, nicht eine Kultur hervorgebracht hat, sondern daß die Araber, die Perser oder die Tschetschenen ihre Kultur islamisiert haben, so daß wir heute vor einer verwirrenden Vielfalt islamischer Kulturen stehen: Die Arbeitsethik muslimischer indischer Softwareunternehmer und die gute Laune in Tunis mag man bewundern, die Bildungsangebote für Mädchen im ländlichen Somalia weniger.

Und wenn die Bewunderung für die Zustände in Ländern mit islamischer Mehrheitsbevölkerung tatsächlich abgenommen hat, so ist das womöglich schlicht ein Echo dessen, was uns alle ernst zu nehmenden Intellektuellen und Journalisten aus solchen Ländern über die dortigen Lebensbedingungen erzählen. Plötzlich wissen wir so viel mehr über den Islam, plötzlich reden auch die Muslime in Europa, die frommen wie die säkularisierten. Der intensivere Dialog bedeutet allerdings nicht, daß schon alles gut ist. Im Gegenteil, gerade die schnelle Umstellung etwa der Sicherheitsbehörden auf die neue Bedrohungslage hat zu Überreaktionen geführt, gegen die eine kritische Öffentlichkeit sich auch wenden muß.

Das Thema Islam gehört auf die Gipfel

Im vergangenen Freitag vorgestellten „Migrationsreport 2006“ etwa legt der angesehene Ethnologe Werner Schiffauer überzeugend dar, wie die schwammigen Begriffe des Ausländerrechts und der Verfassungsschutzberichte insbesondere im Fall der Überwachung der Milli-Görü-Gemeinden eine bedenkliche Rechtspraxis begründen. Schon die Mitgliedschaft, ja oft sogar der bloße Besuch einer Moschee des Vereins ziehen für die Betroffenen beträchtliche Nachteile bis hin zur Ausweisung nach sich, obwohl weder dem einzelnen noch dem Verein eine Straftat oder auch nur die Vorbereitung einer solchen nachgewiesen werden kann. Hier werde, sagt Schiffauer, eine Politik der symbolischen Unterwerfung verlangt, die extrem kontraproduktiv sei.

Diese kritische Selbstreflexion ist bekanntlich das, was westliche Gesellschaften auszeichnet. Sie muß sich auch im vorliegenden Konflikt beweisen: Wurde zuviel Multikulti geduldet? Oder werden nun Grund- und Freiheitsrechte für solche, deren Teint oder Namen den Sicherheitsbehörden nicht paßt, außer Kraft gesetzt?

Alles muß noch schneller gehen

Jedes europäische Land führt diese Debatten, sie stehen im Zentrum des öffentlichen Interesses: Ausländerpolitik ist kein Fall für kommunale Halbtagsreferenten mehr. Das Thema Islam gehört auf die Gipfel und ansonsten den Großen: Der Papst hat das erkannt, und letztlich war die Debatte um die Regensburger Rede spannend und intensiv. Und umgekehrt werden jene groß, die etwas Unerhörtes zum Islam zu sagen haben und die mit entsprechenden Erfahrungen kommen: Ayaan Hirsi Ali muß schon jetzt als einer der wichtigsten Intellektuellen der Zeit gelten.

Alles geht schnell, alles muß noch schneller gehen. Das sagt auch die andere Seite: In Essen saß auf einem Podium - als ob er kein Wässerchen trüben könnte - auch der umstrittene Genfer Islamdenker Tariq Ramadan. Manche französischen Tagungsteilnehmer waren schockiert, denn in Frankreich läßt man ihn kaum noch auf große Bühnen oder gar ins Fernsehen. Ramadan jedenfalls will seinerseits daß die Muslime der Welt die Geschwindigkeit erhöhen, rauskommen aus der ewigen Verliererecke und endlich mal was darstellen sollen. Und wenn er so was sagt, hören viele hin, gerade die, die auf der anderen Seite stehen.

Bizarrer Konflikt um Mohammed-Karikaturen

Tariq Ramadan ist der Enkel von Hassan al Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslim-Bruderschaften. In der Singularausgabe des Magazins „Tempo“ mahnt er seine Glaubensbrüder und -schwestern, endlich die Geschwindigkeit der Debatten um eine Kontextualisierung des Korans zu erhöhen, die Stellung der Frau zu verbessern, eine Initiative zur Einbeziehung und Förderung der Wissenschaften im Islam zu ergreifen, um das Monopol der islamischen Geistlichkeit zu beenden, ja das ganze Universum in das Buch des Lebens einzubeziehen und so den spirituellen Kern des Korans aus seinem historischen Umfeld zu extrahieren und zu bewahren. Es geht ihm alles nicht schnell genug.

Wieder dieses Irrsinnstempo. Woher kam das eigentlich? Aus Dänemark. Die Affäre um die Mohammed-Karikaturen hat eine neue Qualität in den Konflikt eingeführt: das Bizarre. Die brennenden dänischen Fahnen in Pakistan und der Boykott von Havarti, das war so bizarr, daß allen dämmerte: Es kann so nicht weitergehen. Glücklicherweise verliefen in Europa sämtliche Cartoon-Proteste friedlich; hier interessierte das kaum einen. „Wo sind all die Türken? Wo sind alle?“ rief ein verzweifelter Teilnehmer der Berliner Demonstration, ein Bäcker aus Bosnien, in den Wind. Sie waren alle zu Hause geblieben. Im erstaunlichen Interesse für dänische Regionalblätter in Damaskus und Peshawar kamen sie für einen kurzen Augenblick zusammen, die beiden wichtigsten Schauplätze im Kampf der Kulturen; aber seitdem entfernen sie sich wieder, mit großer Geschwindigkeit.

Am Ende verlieren die Palästinenser

Der Beschleunigung der diskursiven Intensität diesseits des Mittelmeers steht der beschleunigte Taumel abwärts im Nahen Osten gegenüber, wo man in den schon vor Monaten vom Pariser Islamexperten Gilles Kepel prophezeiten Zustand eintritt, den Zustand der Fitna, des Bruderkriegs und Chaos. An diesem Wochenende bricht es in Gaza aus, ungefähr das Letzte, was man dort noch gebrauchen konnte. Es scheint ein verdammtes Gesetz zu sein: Am Ende von verdichteten historischen Episoden verlieren immer die Palästinenser.

Iran hingegen hat ein perfektes Jahr hinter sich, welches mit einem wirklich außerordentlich widerlichen Holocaust-Leugner-Treffen gekrönt wurde. Der Sommerkrieg hat die Schiiten propagandistisch und moralisch dermaßen gedopt, daß es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis sie O.J. Simpson und den Mörder John Lennons als Staatsgäste einfliegen lassen, einfach um der Fiesheit der Geste willen.

Sie sterben jetzt schon wie die Fliegen

Der Irak-Krieg war ein solches Geschenk für Teheran daß man sich fragen muß, ob sie nicht selber auf den Gedanken gekommen waren und in der Richtung etwas versucht haben. Schach wurde in Persien erfunden, und genau danach sieht die planmäßige Entfaltung der Wirkungsmacht der Mullahs auf dem regionalen Spielfeld aus. Der Verdacht konzentriert sich hierbei auf Ahmed Chalabi, den Führer des Irakischen Nationalkongresses, dessen Rolle bei der Vorbereitung und Popularisierung der Irak-Invasion in Washington im meisterhaften Buch „The Assassins Gate“ des New Yorker Journalisten George Packer beschrieben wird.

Viele hatten die Vision, Saddam zu stürzen, aber erst Chalabis stetige Lobbyarbeit hat die entsprechenden Gruppen zu einer Koalition geschmiedet, schreibt Packer. Hätte es ohne ihn und sein Versprechen von Blumenkindern und Ölreichtum eine Invasion gegeben? Ahmed Chalabi ist Schiite, hat ein Haus in Teheran, und die CIA kam ein Jahr nach dem Einmarsch in Bagdad darauf, er könne ein iranischer Spion sein.

Keiner kennt die zivilen irakischen Opfer

Um den iranischen und schiitischen Vormarsch aufzuhalten, gibt es nur eine Lösung, wenn sich die Vereinigten Staaten aus der Region verabschieden wollen, und sie klingt ganz nach der kühlen Realpolitik vergangener Jahrhunderte: eine andere regionale Macht muß sich dem entgegenstellen. Da kommen nur die Saudis in Frage. Beide Länder werden ihre Ölmillionen darauf verwenden, einen fiesen, aber regional begrenzten Bürgerkrieg zu finanzieren. Das bindet auch die Kräfte von Terroristen; die Vereinigten Staaten und Europa entfernen sich.

Die großen Opfer des Kampfs der Kulturen sind - selbst wenn mit Attentaten weiter zu rechnen ist - nicht wir, werden es auch niemals sein. Es sind, und zwar im großen Stil, die Palästinenser und Iraker die von ihren eigenen Leuten verheizt werden; junge Männer gibt es da schließlich genug. Sie sterben jetzt schon wie die Fliegen. Die unfairen Gesetze des Laufs der Welt und insbesondere der medialen Gravitation greifen auch hier: Auch wer kein bißchen mit seiner Politik übereinstimmen konnte, kennt das Gesicht, die Stimme und gut fünf oder sechs Zitate von Donald Rumsfeld - aber nicht einen einzigen Namen eines zivilen irakischen Opfers.

Text: F.A.S. vom 17. Dezember 2006
Bildmaterial: dpa

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