02. November 2006 Über nichts reden die Republikaner wenige Tage vor den Kongreßwahlen vom 7. November so gerne wie über die Wahlen von 2004. Und nichts fürchten die Demokraten für den 7. November so sehr wie eine Wiederholung des Szenarios von 2004.
Präsident George W. Bush, der an den letzten Tagen des Wahlkampfs vor Siegeszuversicht und Energie geradezu sprüht, macht sich fast schon einen Spaß daraus, an die Voraussagen der Fachleute und an die Kommentierung der meisten Journalisten von vor zwei Jahren zu erinnern.
Diese Wahlen sind noch lange nicht entschieden, sagte Bush dieser Tage bei einem Wahlkampfauftritt in Georgia, auch wenn einige Leute in Washington glauben, das Ergebnis schon zu kennen. Vielleicht erinnern Sie sich an die letzten Tage vor den Wahlen von 2004, als sich mancher schon sein neues Büro im Westflügel des Weißen Hauses aussuchte. Die Umzugsfirmen haben den Anruf freilich nie bekommen.
Gelächter unter Studenten
Ausgerechnet Senator John Kerry (Massachusetts), Bushs gescheiterter Herausforderer von 2004, hat den Republikaner nun den Gefallen getan, sich selbst und den demokratischen Wählern die schmerzhafte Erfahrung von 2004 ins Gedächtnis zu rufen.
Bei einem Wahlkampfauftritt am Pasadena City College in Südkalifornien für den demokratischen Kandidaten für den Gouverneursposten, Phil Angelides, sagte Kerry in der Nacht zum Dienstag: Wissen Sie, wenn man aus seiner Ausbildung das Beste macht, wenn man hart arbeitet, seine Hausaufgaben macht und sich wirklich anstrengt, klug zu sein, kann man es zu etwas bringen. Wenn nicht, endet man im Irak. Unter den Studenten rief er damit Gelächter hervor, auch John Kerry selbst schmunzelte über seinen Witz, von dem er glaubte, er sei gelungen.
Der schlimmste Tabubruch
Es dauerte freilich nur wenige Stunden, bis die Reaktion der Republikaner folgte. In der Nacht zum Mittwoch schlug Bush mit folgenden Worten zurück: Die Unterstellung, die Männer und Frauen in unseren Streitkräften seien in irgendeiner Weise schlecht ausgebildet, ist beleidigend und beschämend, rief Bush vor ordnungsgemäß aufgepeitschten Anhängern. Die Angehörigen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten sind sehr klug. Und sie sind sehr tapfer. Und der Senator aus Massachusetts schuldet ihnen eine Entschuldigung, fuhr Bush fort.
Eine Beleidigung der Streitkräfte, die unter allen staatlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten das mit Abstand höchste Ansehen genießen, ist der schlimmste Tabubruch. Der Forderung nach einer Entschuldigung Kerrys schlossen sich sogleich der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, John Boehner (Ohio), und auch der republikanische Senator John McCain (Arizona) an, der weithin als aussichtsreicher Kandidat für die Präsidentenwahlen 2008 gilt.
Die entrüstete Distanzierung McCains von Kerry wiegt besonders schwer, weil McCain wie Kerry ein mehrfach ausgezeichneter Vietnam-Veteran ist, der zudem als Vertreter des gemäßigten Flügels der Republikaner große Sympathien bei vielen Demokraten genießt.
Ein verpfuschter Witz
Doch anstatt dem möglicherweise sogar gut gemeinten Rat McCains zu folgen, zeigte sich Kerry trotzig und weigerte sich zunächst, an eine Entschuldigung auch nur zu denken. Er erklärte seine mißverständliche Äußerung als einen verpfuschten Witz über den Präsidenten, denn im Redemanuskript habe noch ein Satz gestanden, den er versäumt habe, ebenfalls vorzulesen: Fragen Sie einmal George W. Bush!
Gemeint habe er also, so Kerry, Bush sei nicht klug genug gewesen, habe seine Hausaufgaben nicht gemacht und deshalb die amerikanischen Truppen ohne einen Plan für den Sieg in den Irak-Krieg geschickt. Wenn also jemand den Streitkräften eine Entschuldigung schulde, sei es Präsident Bush - der im übrigen ebensowenig wie Vizepräsident Dick Cheney auch nur eine Minute seines bequemen Lebens im Kampf verbracht habe. Die Unterstellung, ein Veteran wie er, Kerry, könne sich über die mehr als 140.000 Soldaten im Irak abschätzig äußern, sei schlichtweg verrückt.
Elitär, arrogant und herablassend
Alles spricht dafür, daß John Kerry die Wahrheit sagt, daß er tatsächlich den alles erklärenden Satz des Manuskripts aus unerfindlichen Gründen einfach nicht vorlas und daß er in keinem Augenblick beabsichtigte, sich abfällig über die Frauen und Männer in Uniform im Irak zu äußern.
Doch die offenbar unvollständig verkündete Botschaft seiner von den dankbaren Republikanern und von vielen Medien unablässig wiederholten Äußerung ist genau die, daß John Kerry, der 2008 ein weiteres Mal um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen will, und die Partei, die er vertritt, elitär, arrogant und herablassend sind, wie es der Chefkommentator des Nachrichtensenders CNN, Bill Schneider, am Mittwoch formulierte.
Zur Entschuldigung durchgerungen
Demokratische Kandidaten in Iowa, Minnesota und Pennsylvania haben sogleich den hochgradig ansteckenden Charakter der Äußerung Kerrys erkannt und geplante Wahlkampfauftritte mit dem Senator abgesagt. Kerry selbst soll von politischen Strategen der Demokraten nahegelegt worden sein, sich möglichst nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen oder gar zu äußern. Der sichtlich verbitterte Senator schaffte es erst in der Nacht zum Donnerstag, sich zu einer Entschuldigung durchzuringen. Sein schlecht vorgetragener Witz sei - natürlich - falsch interpretiert worden und habe keineswegs auf das amerikanische Militär gezielt, heißt es in einer Stellungnahme Kerrys. Ich entschuldige mich persönlich bei jedem Mitglied der Streitkräfte, ihren Familienangehörigen und Amerikanern, die sich beleidigt gefühlt haben. (siehe auch Video: Kerry entschuldigt sich bei amerikanischen Soldaten)
Trotz dieser verspäteten Entschuldigung wird der mißglückte Witz des notorisch humorlosen einstigen Präsidentschaftskandidaten schon mit dessen denkwürdiger Äußerung von 2004 verglichen, er habe zuerst für und dann gegen den Irak-Kriegsetat gestimmt, die Kerry im Wahlkampf vor zwei Jahren von den Republikanern unbarmherzig hinterhergetragen worden war.
Noch ein Konkurrent hat ins Gras gebissen
Nichts kann Karl Rove, dem obersten Strategen der Republikaner, gelegener kommen als eine Wiederauflage des Kampfes Bush gegen Kerry von 2004. Daß einige Republikaner schon von der berüchtigten Novemberüberraschung reden, die kurz vor den Wahlen den von vielen Meinungsforschern ausgemachten Trend zugunsten der Demokraten umkehren werde, ist vielleicht eine Übertreibung.
Aber Kerrys Äußerung dürfte den Republikanern bei der vielleicht wahlentscheidenden Mobilisierung ihrer Anhänger helfen. Mit Blick auf die Präsidentenwahlen 2008 hat die konservative Tageszeitung Wall Street Journal nach Kerrys verpfuschtem Witz schon einmal eine Vorrundensiegerin ausgemacht: Glückwunsch, Senator (Hillary) Clinton: Noch ein Konkurrent hat ins Gras gebissen, heißt es in einem Kommentar des Blatts.
Text: F.A.Z., 02.11.2006, Nr. 255 / Seite 3
Bildmaterial: AFP