Kolumbien

Ingrid Betancourt durch Bluff befreit

Ingrid Betancourt in Gefangenschaft (Archivbild vom 30.11.2007)

Ingrid Betancourt in Gefangenschaft (Archivbild vom 30.11.2007)

03. Juli 2008 Die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist nach mehr als sechs Jahren Geiselhaft bei linken Farc-Rebellen befreit worden. Außerdem seien drei ebenfalls seit Jahren verschleppte Amerikaner sowie elf Kolumbianer bei der Aktion „Schach“ freigekommen, teilte Verteidigungsminister Juan Manuel Santos am Mittwoch mit.

Für die Freilassung Betancourts hatten sich weltweit über die Jahre zehntausende Menschen bei Kundgebungen und Demonstrationen eingesetzt. Zuletzt bemühte sich auch Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy um ein Ende des Geiseldramas. Zuvor hatte es geheißen, Betancourt sei todkrank. Nun teilte Santos jedoch mit, sie sei wie die anderen Geiseln bei relativ guter Gesundheit.

Betancourt kommt durch Trick des Militärs frei

Betancourt ist durch einen spektakulären Trick des Militärs befreit worden. Die Rebellen hätten ihre im Südwesten des Landes festgehaltenen Geiseln in einem gemieteten zivilen Hubschrauber transportieren wollen, sagte Verteidigungsminister Santos. Tatsächlich habe es sich aber um eine Maschine der Streitkräfte gehandelt, fügte der Minister hinzu.

„Es wurde nicht ein Schuss abgegeben und die Ex-Geiseln sind in guter Verfassung“, sagte Santos weiter. Außerdem seien zwei Rebellen, darunter der Chef der Geiselbewacher mit dem Kampfnamen „César“, festgenommen worden. Für politische Beobachter in der Hauptstadt Bogotá war es der bisher schwerste Schlag der Regierung des konservativen Präsidenten Alvaro Uribe gegen die marxistische Rebellengruppe „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc).

In einer ersten Reaktion auf ihre Freilassung sprach Betancourts Sohn Lorenzo Delloye von „unbeschreiblicher Freude“. „Ich kann es kaum glauben“, wurde er am Mittwochabend von französischen Medien zitiert. Als „wunderschöne Nachricht, die viel Freude und Grund zur Hoffnung“ auslöse, bezeichnete Vatikansprecher Federico Lombardi die Berichte von der Befreiung Betancourts. Der Papst hatte in der Vergangenheit mehrmals zur Befreiung der Farc-Geiseln und speziell Ingrid Betancourts aufgerufen.

Triumph für Präsident Uribe

Mit der Befreiung von Betancourt kann der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe seinen größten Triumph über die marxistische Rebellengruppe „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) feiern. Nach Einschätzung politischer Beobachter in Bogotá ist der Erfolg ein weiteres Zeichen für die Schwächung der einst unschlagbar erscheinenden Farc.

Zuletzt waren die Rebellen offenbar nur noch vor dem immer stärker werdenen Militär auf der Flucht. Eine Tortur für die Geiseln, die durch das jahrelange Martyrium im Urwald oft psychisch und physisch erschöpft waren. Auf der letzten Videobotschaft der Rebellen, die Ende vergangenen Jahres beschlagnahmt worden war, saß Betancourt völlig apathisch im Urwald. Die früher kampflustige Politikerin hatte offenbar jeden Lebenswillen verloren.

Befreiung war hohes Risiko

Uribe ging mit der gewaltsamen Befreiung ein extrem hohes Risiko ein. Wären die Geiseln dabei wie in vielen früheren Fällen zu Tode gekommen, wären seine Tage an der Spitze des Staates gezählt gewesen. Der selten lächelnde und asketisch lebende Uribe war ohnehin schon durch den Skandal um die mögliche Bestechung von Abgordneten zu Gunsten seiner Wiederwahl 2006 unter Druck geraten. Vergangene Woche hatte er sich sogar für eine Wiederholung der Wahl ausgesprochen.

Für die Farc war die Politikerin der Umweltschutzpartei Sauerstoff ein geeignetes Faustpfand, um die Freilassung von inhaftierten Gesinnungskollegen zu fordern. Betancourt war vor mehr als sechs Jahren, im Februar 2002 auf einer Wahlkampfreise in die ehemalige Guerilla-Hochburg San Vicente del Caguán im Süden des Landes von den Rebellen verschleppt worden. Die Regierung rügte später, dass sie ohne Begleitschutz losgefahren sei.

Erstes Lebenszeichen nach mehr als vier Jahren vergangenen November

Ende November war erstmals nach mehr als vier Jahren ein Lebenszeichen von Betancourt aufgetaucht: Die kolumbianische Regierung hatte Videos, Fotos und Briefe von Betancourt freigegeben, die bei der Festnahme von Farc-Rebellen im Oktober beschlagnahmt wurden. Das Video zeigte die stark abgemagerte Betancourt auf einer Holzbank im Dschungel sitzend. Im Januar ließen die Farc Betancourts frühere Wahlkampfmanagerin Clara Rojas sowie die Ex-Parlamentarierin Consuelo González frei, Ende Februar schließlich vier weitere Geiseln.

Für Betancourt ging das Warten weiter. Ihre Angehörigen hielten die Erinnerung an Betancourt in den vergangenen Jahren stets wach. „Sie ist sehr unnachgiebig, direkt und konnte einem Staatschef sagen: Sie sind ein Verbrecher und ein Dieb“, sagte ihre Mutter Yolanda Pulecio einmal. Bei Wählern kam die direkte Art Betancourts gut an. 1994 wurde die energische Grüne ins kolumbianische Abgeordnetenhaus gewählt.

Bei manchen Kolumbianern war Betancourt verhasst

Zuvor hatte die Absolventin der renommierten Pariser Hochschule für Politikwissenschaften in Bogotá Kondome verteilt. „Die Korruption ist das Aids unserer Gesellschaft. Schützen wir uns“, lautete damals ihr Slogan. Vier Jahre später zog sie in den Senat ein, mit dem landesweit besten Wahlergebnis. Mit ihrer Kritik an der grassierenden Korruption und der Gewalt zwischen Regierungsarmee, rechten Paramilitärs und linken Rebellengruppen eckte Betancourt allerdings auch an.

Politische Gegner warfen ihr vor, nur aus Populismus ökologische Themen zu vertreten, und kritisierten, dass ihr internationaler Ruf in keinem Verhältnis zu ihrem Einfluss in Kolumbien stünde. Der Hass ging so weit, dass Betancourt Morddrohungen erhielt. Dass sie die Drohungen ernst nahm, zeigten auch Zitate aus ihrem Bestseller „Die Wut in meinem Herzen“, in dem Betancourt die korrupten Zustände in ihrem Land anprangerte.

Sarkozy und Chavez setzten sich für Freilassung ein

„Wird man mich auch töten?“, fragte sie in dem Buch und bekannte weiter: „Ich liebe das Leben leidenschaftlich, ich habe keine Lust zu sterben.“ Das Schicksal von Betancourt hatte vor allem in Frankreich ein großes Echo gefunden. Staatspräsident Nicolas Sarkozy erklärte die Bemühungen um eine Befreiung schon vor seiner Wahl im Mai 2007 zur Chefsache und setze sich immer wieder persönlich für ihre Freilassung ein. Wiederholt wandte er sich in Ansprachen in Radio und Fernsehen an Farc-Führer Manuel Marulanda.

Venezuelas Präsident Hugo Chávez schaltete sich ebenfalls in die Geiselkrise ein und warb für einen Gefangenaustausch. Der Druck für eine Freilassung Betancourts war in den vergangenen Wochen wegen ihres zeitweise besorgniserregenden Gesundheitszustands gewachsen. Frankreichs Regierungschef François Fillon sagte Ende Februar, Betancourts Überleben sei „eine Frage von Wochen“. Die Franko-Kolumbianerin soll an Hepatitis B sowie an einer durch Insektenstiche hervorgerufenen Hautinfektion leiden.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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