Der Präsident im Interview

Im Roosevelt Room mit George W. Bush

Von Klaus-Dieter Frankenberger, Washington

„Ich habe noch – ich weiß es nicht, 19 Monate?“

„Ich habe noch – ich weiß es nicht, 19 Monate?“

01. Juni 2007 Draußen ist es wie an jedem Sommertag in Washington: Die Touristen ziehen in Hundertschaften und in kurzen Hosen vorbei, Schulklassen erhalten eine Einführung in die amerikanische Zivilreligion und lärmen im Park, eine einsame Friedensaktivistin, die der Welt den Untergang prophezeit, und „normale“ Passanten gehen an dem Zaun vorbei, der das Weiße Haus von der Pennsylvania Avenue trennt. Die beschauliche Szenerie im Herzen der Hauptstadt der Vereinigen Staaten könnte von einer Postkarte stammen.

Und drinnen? Nur noch 25 Minuten bis zu dem Termin beim Hausherrn. Wir werden in den Roosevelt Room geführt: ein großer länglicher Mahagonitisch, einige Landschaftsmalereien und das Porträt eines der Namensgeber, der vor rund hundert Jahren ein forscher Reiter war und auch sonst als Präsident allerhand forsche Sachen in nah und fern getrieben hat. Man sieht es ihm an.

Wir haben das Reden jetzt fast völlig eingestellt, ganz so, als finde hier bald eine Prüfung statt und kein Interview. Dafür albern die beiden Fotografen etwas, sie tragen auch dunkle Anzüge. Ein Glas Wasser wird an den Platz gestellt, an dem als einziger kein Namensschildchen aufgestellt ist. Die Lehne des Stuhles ist etwas höher als die der anderen Stühle um den Tisch. Die Stenographen legen ihre Aufnahmegeräte aus. Und dann ist es soweit - wie im Fernsehen, und auf die Sekunde, wie es vorgesehen ist: Die Tür geht auf, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kommt herein, begleitet von ein paar Mitarbeitern.

Der Klima-Coup

George W. Bush hat ein paar Stunden zuvor noch die Leistungen seiner Regierung bei der Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen gerühmt - und er hat den Kongress dazu aufgefordert, noch mehr zu tun, noch mehr in den kommenden Jahren zur Linderung der Armut in Afrika auszugeben. Und er hat sogar, wie er sagt, von der Wissenschaft aufgerüttelt, eine große klimapolitische Kurve genommen: Ende nächsten Jahren wollen die Vereinigten Staaten und andere Staaten langfristige Ziele für die Verringerung von Treibhausgasen setzen.

Hat man richtig gehört? Hat Bush ein Erlebnis der biblischen Art gehabt? Oder ist es einfach so, dass die amerikanische Klimapolitik so wie Washingtons Afrikapolitik oder Bushs Kampf gegen Aids gar nicht oder immer nur als Karikatur wahrgenommen worden ist?

Der Präsident betritt also den Roosevelt Room, aufgeräumt, etwas auftrumpfend-keck, so als habe er einen Coup gelandet. Hat er wohl auch. Sein Licht stellt der Mann sowieso nicht unter den Scheffel, ob es nun hell leuchtet oder trübe glimmt.

Bushs Endspurt

Und so soll es bleiben: Die noch verbleibenden Monate im Leben Bushs als 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten werden noch richtig aufregend werden. Für seine Gegner klingt „Aufregung“ aus dem Munde dieses Politikers wie eine Drohung. So ist es vielleicht sogar gemeint.

Bush jedenfalls, der der Geschichte im Mittleren Osten einen gehörigen Demokratisierungsschub versetzen wollte und der mittlerweile selbst das V-Wort in den Mund nimmt – V wie Vietnam –, ist mit sich im Reinen. Sagt er jedenfalls. Und Mimik und Körpersprache widersprechen dem nicht. „Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Wir wurden angegriffen, und wir haben darauf reagiert.“

Der „11. September“ als Emblem einer Regierung, als Zweck dieses Präsidenten, und auch als Anfang seiner Verirrungen. Wenn er schon dabei ist: Alleingelassen fühle er sich nicht, im Gegenteil. In diesem Generationenkampf glaubt er starke Verbündete an seiner Seite. Starke Verbündete – dagegen hätte natürlich auch sein Nachfolger (oder seine Nachfolgerin) nichts einzuwenden.

Sein Liebling: Angela Merkel

Vor allem ein Verbündeter, pardon: eine Verbündete, hat es George W. Bush angetan: Angela Merkel. Er rühmt die deutsche Bundeskanzlerin, preist sie, lobt sie. „Wir haben eine sehr starke Beziehung.“ Fast könnte man meinen, die Ostdeutsche sei zur Referenzinstanz für den Texaner Bush geworden, ob es sich um den Ungang mit Wladimir Putin oder um den „Post-Kyoto-Prozess“ handelt.

Am liebsten, so hat man den Eindruck, würde Bush, den von Gerhard Schröder Welten trennten, diese Wertschätzung für Frau Merkel dem deutschen Besucher schriftlich geben. Heiligendamm, das wird was! Und man selbst schaut sieht unwillkürlich um, ob da vielleicht schon ein Platz für ein Bild von „Angela“ ausgesucht worden ist. Was natürlich nicht der Fall ist, wir sind schließlich im Roosevelt Room und nicht im Merkel-Zimmer.

Aufsteigende Abschiedsgedanken

Plötzlich steigt doch ein früher Abschiedsgedanke auf, etwas, was Bush seinem Amerika zurücklassen möchte. Was ihn umtreibe, besorgt stimme? „Niemals dürfen wir eine isolationistische, protektionistische Nation werden.“ Es wäre ein riesiger Fehler, wenn sich Amerika auf sich selbst zurückzöge.

Bush ist ernst. Die texanische Jovialität, die ansonsten aus ihm sprüht und in der manche eine Form von Angeberei sehen, ist verschwunden. Und diesen Glauben an das „Wunder“ der Freiheit und der Demokratie, den gibt Bush nicht auf; er ist das Markenzeichen eines Idealisten, der im Streit mit der Wirklichkeit der Welt nichts dagegen hatte, als naiv abgetan zu werden. „Ich hoffe, in fünfzehn Jahren wird Amerika noch immer für die Verbreitung der Freiheit eintreten.“ Vermutlich wird nicht das Gegenteil der Fall sein. Aber wie wird das Bild aussehen, das in fünfzehn Jahren seine Landsleute, von denen eine Mehrheit ihm nicht mehr vertraut, weil sie ihm nichts mehr zutraut, von George W. Bush haben?

„Ich habe noch – ich weiß es nicht, 19 Monate?“ Der Präsident will es gar nicht so genau wissen. „Wer hat schon nachgezählt? Ich werde spurten.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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