Simon Wiesenthal ist tot

„Es gibt keine größere Sünde als das Vergessen“

Simon Wiesenthal

Simon Wiesenthal

20. September 2005 Im Alter von 96 Jahren ist in Wien der Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal gestorben. Wiesenthal sei in seinem Haus friedlich entschlafen, teilte der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Rabbi Marvin Hier, in Los Angeles mit. „Simon Wiesenthal war das Gewissen des Holocaust“, hieß es auf der Internet-Seite des Wiesenthal-Zentrums. „Als der Holocaust 1945 endete und die ganze Welt nach Hause ging, um zu vergessen, blieb er zurück, um zu erinnern.“ Wiesenthal sei der ständige Vertreter der Opfer gewesen, wild entschlossen, die Täter vor Gericht zu bringen.

„Es gibt keine größere Sünde als das Vergessen!“ Diese Worte galten Simon Wiesenthal als Lebensmotto. Mehr als 50 Jahre lang suchte der als „Nazijäger“ bekannt gewordene jüdische Architekt von Wien aus nach den Vordenkern und Vollstreckern des Holocausts, des Massenmordes an Millionen Juden. Durch diese Arbeit habe er sich „das Konzentrationslager um vier Jahrzehnte verlängert“, sagte er einst. Er habe „keines dieser Foltergesichter je vergessen“.

„Recht, nicht Rache“

Mai 1973: Der “Nazi-Jäger“ zeigt ein Foto des SS-Offiziers Walter Rauff

Mai 1973: Der "Nazi-Jäger" zeigt ein Foto des SS-Offiziers Walter Rauff

Wiesenthal verstand sich stets als Stimme für die sechs Millionen Juden, die im Holocaust ihr Leben verloren. „Ich wollte, daß die Menschen im Rückblick auf die Geschichte wissen, daß die Nazis nicht in der Lage waren, Millionen von Menschen zu töten, ohne straffrei zu bleiben“, sagte Wiesenthal einmal. Er wollte „Recht, nicht Rache“.

1908 in Buczacz in Galizien geboren, das damals zur Donaumonarchie gehörte, war Wiesenthal nach Schulbesuch in Lemberg (Lwiw) und Wien sowie Studium in Prag als Architekt und Bauingenieur in der Ukraine tätig, wo ihn 1941 der Sicherheitsdienst (SD) verhaftete. Bis zur Befreiung aus dem KZ Mauthausen hatte er insgesamt zwölf Konzentrationslager überlebt. Schon dort merkte sich Wiesenthal die Namen von Peinigern, und nach Kriegsende suchte er sie aufzuspüren. Zuerst arbeitete er für das „U.S. War Crime Office“, dann leitete er das Jüdische Zentralkomitee in der amerikanischen Besatzungszone Österreichs.

„Ich jagte Eichmann“

1947 gründete Wiesenthal mit 30 anderen Verschleppten in Linz ein Dokumentationszentrum zur Sammlung von Unterlagen über das Schicksal von Juden und deren Verfolger. Die politische Entwicklung während der Zeit des Kalten Kriegs minderte jedoch die Effektivität des Dokumentationszentrums. Wiesenthal resignierte und übergab seine Unterlagen dem „Yad Vashem“-Institut in Israel.

Die spektakuläre Ergreifung und Verurteilung von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1960/61 nahm Wiesenthal zum Anlaß, ein neues „Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes“ in Wien unter seiner Leitung zu errichten, das nach seinem Willen auch einen Beitrag zur tabufreien Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust zu leisten hatte. Über seine Rolle bei der Aufspürung Eichmanns, die er in dem Buch „Ich jagte Eichmann“ (1960) dokumentierte, sagte er später: „Es war Teamwork. Ich wurde bekannt als einer von vielen, die am Fall Eichmann beteiligt waren.“

Wiesenthals „schwierigster Fall“

1100 Nazi-Täter wurden nach eigener Einschätzung von Wiesenthal enttarnt und vor ihre Richter gebracht, 6000 Fälle insgesamt auf seine Hinweise hin untersucht. Zu den wichtigsten zählte er neben SS-Führer Rajakowitsch, den Vertreter Eichmanns in den Niederlanden, den Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Franz Stangl, der im März 1967 in São Paulo verhaftet, nach Deutschland ausgeliefert und dort zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Stangl starb im Gefängnis. Der „schwierigste Fall“ war Wiesenthals Angaben zufolge Karl Silberbauer (1963 entdeckt), der Anne Frank verhaften ließ.

Mai 1997: Anerkennung von UN-Generalsekretär Kofi Annan

Mai 1997: Anerkennung von UN-Generalsekretär Kofi Annan

Daß ein Mann wie Wiesenthal sich bei seiner Arbeit Feinde machte und Konflikte provozierte, war zwangsläufig. Wiesenthal prangerte den ehemaligen österreichischen SPÖ-Kanzler Kreisky, einen Juden, an, weil er 1970 aus purem Machtkalkül vier Minister mit NS-Vergangenheit in sein erstes Kabinett holte. Zudem deckte Wiesenthal die SS-Vergangenheit des damaligen FPÖ-Vorsitzenden Peter auf, der Kreiskys Minderheitsregierung unterstützte. Kreisky bekundete, er glaube Peter, der beteuerte, nicht an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. In diesem Zusammenhang verstieg sich der Kanzler zweimal dazu, Wiesenthal als „Nazi-Kollaborateur“ zu verdächtigen. Da Kreisky den Beweis dafür nicht antreten konnte, wurde er wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt. Später kleidete der Kläger den Ausgang des juristisch ausgetragenen politischen und zutiefst menschlichen Konflikts in die Worte: „Kreisky hat verloren, und anstatt die Geldstrafe zu bezahlen, ist er gestorben.“

Ärger mit Amerika

1982 explodierte vor Wiesenthals Haus eine Bombe, die Neonazis dort versteckt hatten. Im Frühjahr 1996 wurde Wiesenthal ausgerechnet von jüdischer Seite in den Vereinigten Staaten angegriffen. Er habe „in allen großen Nazi-Fällen der Nachkriegs-Ära - Bormann, Barbie, Mengele, Eichmann - versagt“, behauptete der Chef der Abteilung NS-Verfolgung im Justizministerium, Eli Rosenbaum. Er sei „inkompetent, egomanisch, ein Verbreiter falscher Informationen, eine tragische Figur“. Der frühere Chef des israelischen Geheimdienstes, Isser Harel, bezeichnete Wiesenthals Rolle bei der Eichmann-Ergreifung als Mythos. „Wir haben von Wiesenthal nichts bekommen, das von irgendwelcher Bedeutung für die Operation war. Alle seine Behauptungen waren falsch“.

Wiesenthal und seine Frau Silla 1982 in ihrem Haus in Wien

Wiesenthal und seine Frau Silla 1982 in ihrem Haus in Wien

Die meisten dieser Anschuldigungen wurden inzwischen widerlegt. Die britische Journalistin Hella Pick, die mit ihrer Familie als Kind aus dem von Hitler annektierten Österreich fliehen mußte, bezeichnete die Äußerungen Harels in ihrem Wiesenthal-Buch als „Schelte eines vom Leben enttäuschten Geheimdienstlers“, der nur eigene Verdienste gelten lassen wollte. Wiesenthal selbst führte die Vorwürfe aus Amerika in den 90er Jahren auf seine Weigerung zurück, den ehemaligen UN-Generalsekretär und österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim 1986 als Kriegsverbrecher zu brandmarken. Stattdessen hatte er die Einsetzung einer Historikerkommission vorgeschlagen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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