Allensbach-Umfrage

Die Entfremdung

Von Elisabeth Noelle

24. Juli 2003 Der Irak-Krieg hat das deutsch-amerikanische Verhältnis sehr gestört. Fast die Hälfte der Deutschen meint, die Vereinigten Staaten und Europa hätten sich auseinanderentwickelt.

Dabei wurde das deutsch-amerikanische Verhältnis von demoskopischen Umfragen seit langer Zeit als freundlich beschrieben. "Unsere Vettern, die Amerikaner" lautete schon eine vor Jahrzehnten in einer deutschen Illustrierten veröffentlichte Kolumne. Die deutsch-amerikanische Freundschaft wurde seit Ende der fünfziger Jahre in Allensbacher Umfragen laufend bestätigt, gab den Deutschen Rückhalt.

Zu den Motiven, die die Amerikaner den Deutschen entfremden, wird man auch die Ablehnung rechnen müssen, die die Deutschen gegen den amerikanischen Präsidenten hegen. Bei der ersten Umfrage über die Meinung zu George W. Bush 2001 gab es noch eine Balance der Für- und Gegenstimmen. Aber in den folgenden Jahren nahm die Zahl der Kritiker rasch zu.

Rückhalt für Schröder

Die Mehrheit der Deutschen (68 Prozent) verteidigt in der Frage des Irak-Krieges Bundeskanzler Gerhard Schröder. Sie lobt, daß er gleich bei Ausbruch des Krieges ohne jedes Wenn und Aber die amerikanische Entscheidung, einen Krieg anzufangen, für falsch erklärte.

In der Substanz geht es in Verbindung mit dem Irak-Krieg von Deutschland aus gesehen vor allem um das deutsch-amerikanische Verhältnis. Auch heute sagt noch die Mehrheit der Deutschen: Die Amerikaner brauchen uns, und wir brauchen die Amerikaner. 69 Prozent vertreten diese Ansicht, nur 17 Prozent widersprechen. Doch viele Deutsche bezweifeln, daß die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten von beiderseitiger Sympathie getragen ist. Bei der Frage "Glauben Sie, daß die Amerikaner uns Deutsche eigentlich mögen, oder mögen sie uns nicht besonders?" zeigt sich die Bevölkerung gespalten. 32 Prozent meinen, die Amerikaner mögen die Deutschen, 31 Prozent glauben das nicht. 1989 waren noch 55 Prozent von der Sympathie der Amerikaner für die Deutschen überzeugt.

11.September prägt Amerika-Bild

Befragt, was denn ihr Meinungsbild über die Amerikaner am meisten geprägt habe, sagen 75 Prozent: "der Terrorangriff vom 11. September 2001". Die großen verbindenden Ereignisse aus der Geschichte der deutsch-amerikanischen Freundschaft, die Berliner Luftbrücke, der Marshall-Plan und der Kennedy-Besuch in Berlin vor 40 Jahren, sind vor allem der älteren Generation noch lebhaft in Erinnerung. Selbst die Unterstützung der Amerikaner bei der Verwirklichung der deutschen Einheit wird, obwohl sie erst wenige Jahre zurückliegt, vor allem von den Sechzigjährigen und Älteren als Ereignis genannt, das ihr Amerika-Bild geprägt habe. Das Grundmotiv der Dankbarkeit ist im Amerika-Bild der Jüngeren weniger stark präsent.

Das Fazit lautet: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen müssen gepflegt werden, sie sind sensibler, als mancher denkt. Es ist nicht abwegig, sich vorzustellen, daß in der Mitte unseres Jahrhunderts Amerikaner und Europäer sich ganz voneinander entfremdet haben. Das hängt vor allem auch mit der deutsch-französischen Freundschaft zusammen. So erfreulich es ist, daß die jahrhundertelange "Erbfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich ein Ende hat - der französische Ehrgeiz, der Führungsanspruch, wie man ihn von de Gaulle kennt und an Chirac beobachten kann, könnte sich für Europa und die Vereinigten Staaten trennend bemerkbar machen.

Es gibt manche Anzeichen, daß sich eine solche Trennung schon vorbereitet. In der neuen Umfrage für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung gab es eine sogenannte Dialog-Frage, bei der einer der zwei Beteiligten den Standpunkt einnahm: "Die Europäer müssen eng mit den Amerikanern zusammenarbeiten." 31 Prozent stimmten zu. Der andere erklärte: "Die Europäer müssen verstärkt eigene Wege gehen, sich von den Amerikanern lösen." Das war die Ansicht der Mehrheit, von 52 Prozent.

Große Aufmerksamkeit widmet die deutsche Bevölkerung diesen Entwicklungen allerdings nicht. Das kann man schon daran erkennen, daß etwa die Hälfte der Bevölkerung noch nie von der Redeweise vom "Alten Europa" und "Neuen Europa" gehört hat. Das "Alte Europa": Das wird manchmal nostalgisch, doch überwiegend abschätzig verstanden, wie es ja auch anfänglich gemeint war.

Den vollständigen Beitrag von Elisabeth Noelle mit dem Umfrageergebnissen des Allensbach-Instituts können Sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23.07.2003 lesen.



Bildmaterial: F.A.Z.

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