Leitartikel

Indien und Deutschland

Von Jochen Buchsteiner

Indiens Premierminister Manmohan Singh und Angela Merkel

Indiens Premierminister Manmohan Singh und Angela Merkel

24. April 2006 Indien und Deutschland haben viel gemeinsam. Diesen Satz wird man noch oft hören in diesem Jahr. Auf der Industriemesse in Hannover, die am Sonntag vom indischen Premierminister Manmohan Singh eröffnet wurde, stehen die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund. Im Herbst, wenn Indien Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse ist, dürfte die geistige Verbindung zweier Kulturnationen beschworen werden. Und stets wird man dem Gemeinplatz begegnen, daß beide Länder an die Demokratie glauben. Nur die Wahrheit spricht niemand aus: Daß sich Indien und Deutschland, die sich nie wirklich nah waren, immer fremder werden.

Unbestreitbar ist, daß sich der Handel positiv entwickelt. Auch die Investitionen nehmen zu. Nach langem Zögern hat die deutsche Wirtschaft begriffen, daß Indien zu den großen Wachstumsmärkten gehört und in einigen Jahrzehnten - zusammen mit China - einen Teil der Weltwirtschaft dominieren wird. Weniger klar ist manchen, daß der ökonomische Aufstieg Indiens nicht nur erfreuliche Seiten zeigt.

„Call Center“ bald der Schrecken von gestern

Gute Laune beim Gespräch in Hannover

Gute Laune beim Gespräch in Hannover

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen auf den Subkontinent hat gerade erst begonnen. Schon jetzt sind die Zeiten vorbei, da in Indien nur billiger produziert und telefoniert werden kann. Die berühmten „Call Centers“, in denen Kunden europäischer und amerikanischer Unternehmen von Indern betreut werden, sind schon bald der Schrecken von gestern. Heute bieten Outsourcing-Spezialisten wie Infosys oder Wipro weltweit an, auch qualifizierte Arbeiten zu übernehmen: von der digitalen Buchführung bis hin zur Produktentwicklung.

Gleichzeitig greift die erstarkende indische Industrie nach Westen aus. Lakshmi Mittal, der indische Stahlmagnat mit Sitz in London, mag mit seinem Übernahmeversuch von Arcelor ins Stocken geraten sein, andere haben Erfolge zu verbuchen, wie der Pharmakonzern Dr. Reddy's, der unlängst die deutsche Betapharm gekauft hat. Ob die langsame Durchdringung der Volkswirtschaften und Unternehmenskulturen zu mehr Verständnis führt oder eher die Unterschiede deutlich macht, wird man sehen; zumindest der Druck auf die deutschen Sozialstandards dürfte weiter zunehmen.

Politiker leben in gänzlich verschiedenen Welten

Kulturell hatten sich die beiden Länder nie viel zu sagen. Indische Mythologie und Denkungsart haben zwar deutsche Dichter und Denker beflügelt, aber andersherum wehte kein Lüftchen. In Indien kennt man nur eine deutsche Geistesgröße: den Indologen Max Müller, der vor eineinhalb Jahrhunderten in Oxford erstmals Sanskrittexte ins Englische übersetzte. Die Inder fühlen sich - dort, wo sie über den Subkontinent hinausblicken - als Teil der angelsächsischen Welt. Sie lesen englischsprachige Literatur und Zeitschriften, sehen Filme aus Hollywood, essen Chicken-Burger bei McDonald's. Die deutsche Jugend mag sich an Bollywood-Kitsch und indischer Fusion-Musik ergötzen - junge Inder wissen von Deutschland nur, daß dort Luxusautos gebaut werden und bald die WM zu Gast ist.

In gänzlich verschiedenen Welten leben die Politiker. Nicht, daß es an gemeinsamen Werten und Interessen mangelte. Beide Nationen fördern die Demokratie und bekennen sich zum Multilateralismus. Beide beteiligen sich an Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus und arbeiten auf weiteren Gebieten zusammen, vom Umweltschutz bis hin zur Raumfahrt. Aber dort, wo es Sonntagsreden in Politik zu übersetzen gilt, beginnt der gemeinsame Strang meist aufzuribbeln.

Selbstbescheidung als Staatsräson

Projekte, die den Deutschen wichtig sind, werden von Indien mit Mißachtung gestraft. So zeigt Delhi kein Interesse, den Internationalen Strafgerichtshof zu unterstützen. Vom Kyoto-Protokoll zur Verringerung der Treibhausgase verspricht sich Delhi weniger als von einer alternativen Initiative, die es mit Amerika und pazifischen Anrainerstaaten gestartet hat. Den von Deutschland hochgehaltenen Verträgen zur Nichtverbreitung von Kernwaffen fehlt bis heute die indische Unterschrift - statt dessen läßt sich Delhi von Washington an allen Verträgen vorbei zur anerkannten Atommacht aufwerten.

Das moderne Indien - und darin unterscheidet es sich von Deutschland fundamental - verfolgt eine Politik, in der die nationalen Interessen über den multilateralen stehen. Und es vermißt die Welt nach strategischen Gesichtspunkten. Von Amerika, aber auch von China und Rußland fühlt sich Indien besser verstanden als von einem Deutschland, das Machtpolitik ablehnt und die Selbstbescheidung zur Staatsräson erhoben hat.

Beliebt, aber nicht durchsetzungsstark

In Berlin reift die Erkenntnis, daß Indien nicht mehr als Entwicklungsland zu behandeln ist, sondern als globale Führungsmacht im Werden. Was aber der vereinbarten „strategischen Partnerschaft“ im Wege steht, ist die Wahrnehmung Delhis, daß Berlin ihm auf seinem Weg in die erste Reihe der Großmächte wenig zu bieten hat. Indien, das jährlich um mindestens sieben Prozent wächst, braucht Energie - Deutschland präsentiert sich mit seiner Atomausstiegspolitik und seinen rechtlichen Bedenken als unsicherer Partner. Indien, das an zwei Nuklearstaaten angrenzt, will seine Militärarsenale aufrüsten - Deutschland mit seiner Neigung, Rüstungsexporte grundsätzlich zu diskutieren, gilt als unberechenbarer Lieferant.

Kleines Geschenk an den Gast aus Indien

Kleines Geschenk an den Gast aus Indien

Als strategischem Verbündeten fehlt es Deutschland aus indischer Perspektive an Gewicht. Berlins Kritik am Irak-Krieg war laut, aber folgenlos. Das Bündnis, das Indien mit Deutschland, Japan und Brasilien eingegangen ist, um ständige Sitze im UN-Weltsicherheitsrat zu erstreiten, endete im Mißerfolg. Deutschland, heißt es in Delhi zuweilen, mag beliebt sein, durchsetzungsstark sei es nicht. Es paßt insofern ein bißchen ins Bild, daß Manmohan Singh seine Deutschland-Visite mit einem Besuch in Usbekistan kombiniert.

Text: F.A.Z., 24.04.2006, Nr. 95 / Seite 1
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche