Von Joseph Croitoru
26. Februar 2004 Am Vorabend der Anhörung zur israelischen Sperranlage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag überboten sich die israelischen Massenblätter mit dramatischen Schlagzeilen. "Blut gegen Blut, Horror gegen Horror" - so beschrieb die Zeitung "Jediot Achronot" die PR-Konkurrenz zwischen israelischen wie jüdischen Demonstranten einerseits, ihren palästinensischen Kontrahenten andererseits.
Schon vor dem Ereignis hatte man um die Gunst der internationalen Medien mit Verweis auf die jeweils eigene Opferrolle geworben. Das rechtsgerichtete Blatt "Maariv" schlug mit der Überschrift "Israel steht vor Gericht" Alarm. Justizminister Josef Lapid wurde mit der Aussage zitiert, nicht der Staat Israel stehe in Den Haag vor Gericht, "sondern vielmehr eine fehlgeleitete Weltöffentlichkeit, die den Juden das Grundrecht auf Selbstverteidigung nehmen will".
Anhörung lenkt vom Wesentlichen ab
Zwar lobt der nach Den Haag entsandte "Maariv"-Reporter Ben Kaspit den medialen Auftritt der Israelis: Er sei in allen Einzelheiten geplant und mit kühlem Kopf inszeniert worden. Doch er ist skeptisch, was die langfristige Lösung angeht: Der Zaun werde schließlich doch in den Grenzen von 1967 verlaufen müssen; am Ende werde der Verlauf vernünftig und human sein und nicht einer Invasion gleichkommen: "Bis dahin aber werden wir Israelis wieder allen möglichen Blödsinn veranstalten, bittere Pillen dafür schlucken müssen, und man wird uns in Schande aus Den Haag jagen." Indes lobt Kaspit den Justizminister. Er sei von Anfang an gegen den jetzigen Verlauf des Sperrzauns gewesen, habe sich damit jedoch gegen Ariel Scharon nicht durchsetzen können.
Daß der Sperrwall weiter fortgeführt werden muß, bezweifelt auch die linksliberale "Haaretz" nicht, ansonsten eine entschiedene Gegnerin der Expansionspolitik Scharons. Sie schließt sich damit dem breiten Konsens in Israel um die Errichtung des Sperrzauns an. Ihr Leitartikler hält die Anhörung in Den Haag deshalb für überflüssig, weil sie vom Wesentlichen ablenke: von der dringenden Notwendigkeit, den Zaunverlauf so zu korrigieren, daß die Palästinenser sowenig wie möglich darunter zu leiden hätten. Doch komme das Geschehen in Den Haag der Regierung Scharon als Ablenkung gerade recht. Ihre Propagandisten nützten die Anhörung vor dem Internationalen Gerichtshof, um ganz Israel als Terroropfer und das Land als Prügelknaben der Vereinten Nationen zu präsentieren. Die auch durch Demonstrationen im eigenen Land überspitzte Opferdramatik in Israel kommentiert der "Haaretz"-Journalist Rogel Alper mit der ironischen Bemerkung, selbst die Toten seien offenbar für den Bau des Zauns.
Schulmädchen und demonstrierende Großmütter
Außerhalb des israelischen Konsenses stehen nur mehr die Aktivisten der radikalen Linken und ultranationalistische Siedler. Diese behaupten, der Zaun werde zum Ergebnis einen palästinensischen Staat haben, mehr oder minder in den Grenzen von 1967, was einer existentiellen Bedrohung Israels gleichkäme. Jassir Arafat sieht es genau umgekehrt: Der Zaun mache seinem Volk einen eigenen Staat unmöglich und werde die Ghettoisierung und Zerstückelung Palästinas zur Folge haben, äußerte er vor einigen Tagen im Fernsehen und wurde damit auch in allen palästinensischen Tageszeitungen auf den Titelseiten zitiert. Unter den Palästinensern vereint der Konsens gegen den Mauerbau alle Fraktionen, auch wenn sich die Drahtzieher der Selbstmordattentate dieser Meinung nicht unbedingt anschließen dürften.
Auch dort verstehen es die Regierenden, die Massen wie die Medien in ihrem Sinne zu mobilisieren. Die Ost-Jerusalemer Zeitung "Al-Quds" widmete eine ganze Bilderseite den Demonstrationen, die zum Anlaß eines von der palästinensischen Nationalbehörde eilig ausgerufenen "Nationalen Tages des Kampfes gegen den Trennzaun" stattfanden. Hier bekam man alle Facetten des organisierten Volkszorns zu sehen: von Schulmädchen mit Transparenten bis zu ihren demonstrierenden Großmüttern.
Das Rednerpult im Gerichtssaal als Mauer
In der "Al-Hayat Al-Dschadida", die der Nationalbehörde nahesteht, legte Khalid al-Aza die negativen Folgen des "expansionistischen terroristischen Zauns" für die Palästinenser dar. Die Sperre sei eine Fortsetzung der andauernden israelischen Besatzungspolitik, die Scharon wie seine Vorgänger seit 1967 betrieben. Der Karikaturist des Blatts überspitzt, ähnlich wie seine Kollegen auf israelischer Seite, die Opferrolle des eigenen Volkes, indem er gar das Rednerpult im Gerichtssaal von Den Haag als Mauer gestaltet, den hochragenden israelischen Betonklötzen nachempfunden. Und wie sein israelischer Gegenspieler sieht auch Radschab Abu Sariya, palästinensischer Kommentator der Zeitung "Al-Ayyam", in der Haager Anhörung, obgleich sie der Welt die Benachteiligung der Palästinenser durch den nach internationalem Recht illegal erbauten Zaun vor Augen führe, nur eine Ablenkung.
Ausgeblendet nämlich bleibe das umfassende israelische Siedlungswerk in den Palästinensergebieten, von dem gegenwärtig niemand mehr spreche. Zufriedener gab sich am Tag darauf Hani Habib, der die Palästinenser als eindeutige Sieger aus der "Schlacht von Den Haag" hervorgehen sah: Den israelischen "Kriegsverbrechern" sei es, trotz der aufwendigen Inszenierung vor dem Internationalen Gerichtshof, nicht gelungen, ihre Taten zu vertuschen. Die "rassistische Politik" Israels werde auf Dauer vor der Weltöffentlichkeit nicht reüssieren - dies habe schon das Beispiel Südafrika gezeigt.
Jediot Achronot vom 22. Februar
Maariv vom 22. Februar
Haaretz vom 22. und 25. Februar
Al-Quds vom 24. Februar
Al-Hayat Al-Dschadida vom 24. Februar
Al-Ayyam vom 24. und 25. Februar
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2004, Nr. 48 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb