Allensbach-Analyse

Skepsis gegenüber den Führungseliten

Von Renate Köcher

23. April 2008 Während die deutsche Wirtschaft in der ganzen Welt höchstes Ansehen genießt, stehen gleichzeitig Manager in Deutschland im Dauerfeuer der Kritik. Ob es um unpopuläre Standortentscheidungen oder Rationalisierungsprozesse einzelner Großunternehmen geht, um das Reizthema Gehaltsentwicklung oder die Affäre um Steuerhinterziehung - durchweg fällt auf, dass Einzelfälle verallgemeinert werden. 79 Prozent der Bevölkerung diagnostizieren einen Imageschaden für die Manager insgesamt, 53 Prozent auch für Unternehmer.

Im langfristigen Vergleich wird deutlich, wie stark sich hier das Meinungsklima und die öffentliche Diskussion verändert haben. Am Anfang der neunziger Jahre hatten lediglich 23 Prozent der Bevölkerung den Eindruck, dass das Ansehen der Unternehmer gelitten habe, heute die Mehrheit. Viele nehmen in der Gesellschaft sogar Symptome von Feindseligkeit wahr; so haben 37 Prozent den Eindruck, dass die Bevölkerung mittlerweile Managern ausgeprägt feindselig gegenübersteht, weitere 48 Prozent sehen zumindest Ansätze solcher emotionalen Ressentiments.

„Materialisten ohne Ideale“

Die Kritikpunkte der öffentlichen Diskussion finden in der Bevölkerung denkbar breite Unterstützung. Für die überwältigende Mehrheit steht außer Frage, dass die Gehälter auf der Führungsebene der Unternehmen überhöht sind; 85 Prozent halten deutsche Manager für überbezahlt. 69 Prozent sind überzeugt, dass auf den Führungsetagen der Wirtschaft generell ein Verfall von Anstand und Moral zu beobachten ist. 63 Prozent halten es generell für gerechtfertigt, deutschen Managern Geldgier und Selbstbedienungsmentalität zuzuschreiben.

In dem Bild, das sich die deutsche Bevölkerung heute von Managern macht, dominieren die Assoziationen Gier, Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Verständnislosigkeit in Bezug auf die Sorgen der „kleinen Leute“. Diese Assoziationen sind keineswegs neu, haben sich aber tendenziell verstärkt. So sahen 2004 47 Prozent in Managern „Materialisten ohne Ideale“, 2005 49 Prozent, heute 52 Prozent. 62 Prozent waren vor vier Jahren überzeugt, dass von Managern kein Verständnis für die Lage der breiten Bevölkerung zu erwarten ist, 69 Prozent glauben dies heute.

Dies ist jedoch nur ein Ausschnitt aus einem insgesamt wesentlich differenzierteren Meinungsbild. Das Managerbild und vor allem auch das Unternehmerbild der Bevölkerung sind keineswegs nur negativ, sondern in weiten Teilen auch von großer Anerkennung für die Herausforderungen und Leistungen geprägt. So schreibt die Mehrheit Unternehmern wie Managern eine große Verantwortung zu und ist überzeugt, dass sie außerordentlichen Belastungen ausgesetzt sind. In hohem Maße werden Unternehmern und Managern Willensstärke, Risikofreude, Leistungskraft und ein Blick für Chancen und Entwicklungen zugeschrieben.

Distanz zum Volk

Es gibt auch Indizien, dass die vehemente Kritik der letzten Zeit teilweise eine Gegenbewegung ausgelöst hat. So ist der Anteil der Bevölkerung, der es für gerechtfertigt hält, Manager ohne Unterschied pauschal der Selbstbedienungsmentalität zu bezichtigen, in den letzten anderthalb Jahren von 74 auf 63 Prozent gesunken, während umgekehrt die Überzeugung, dass Einzelfälle unzulässig verallgemeinert werden, von 19 auf 29 Prozent angestiegen ist.

Die häufig zu hörende These, dass das Fehlverhalten einzelner Manager das Zutrauen in das Wirtschaftssystem vollends erodieren lasse, hält der empirischen Überprüfung nicht stand. Das Zutrauen in das deutsche Wirtschaftssystem hat zwar in den letzten anderthalb Jahrzehnten massiv gelitten, aber immer in den Phasen von Wachstumsschwäche und steigender Arbeitslosigkeit. In letzter Zeit ist unter dem Eindruck der kontinuierlichen Besserung auf dem Arbeitsmarkt das Zutrauen in das Wirtschaftssystem wieder gestiegen; seit dem Tiefpunkt im Jahr 2005 hat sich der Anteil der von dem deutschen Wirtschaftssystem Überzeugten von 25 auf 35 Prozent erhöht, der Anteil der kritischen Stimmen von 47 auf 37 Prozent vermindert. Das Empfinden der Mehrheit, bisher nur wenig von der guten Konjunktur zu profitieren, bremst zurzeit noch einen stärkeren Anstieg des Systemvertrauens.

Auch wenn wenig dafür spricht, dass das Verhalten Einzelner das Vertrauen in das Wirtschaftssystem unterminieren kann, so ist die Distanz der Bevölkerung zu den Führungseliten aus Wirtschaft wie Politik heute beunruhigend groß. Sie sind mit hohen Erwartungen konfrontiert, nicht nur in Bezug auf ihre Kompetenz und Zukunftsorientierung, sondern gerade auch in Bezug auf ihre Vorbildfunktion, charakterliche Disposition und ihr Verständnis für die breite Bevölkerung. An der Spitze der Erwartungen der Bevölkerung an Führungskräfte der Wirtschaft stehen Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit, gefolgt von Kompetenz, Zukunftsorientierung, der überzeugenden Wahrnehmung der Vorbildfunktion und Verständnis für die „kleinen Leute“.

Vertrauen in den eigenen Chef

Das Managerbild und abgemildert auch das Unternehmerbild der Bevölkerung bleiben weit hinter diesen Erwartungen zurück. Dabei sind allerdings gravierende Unterschiede zwischen dem Stereotyp und dem „Nahbild“, dem Urteil über den Chef des eigenen Unternehmens, festzustellen. Nur 27 Prozent bescheinigen Managern, 34 Prozent Unternehmern pauschal hohe Kompetenz, aber 62 Prozent der in der Privatwirtschaft Beschäftigten dem Leiter des eigenen Unternehmens. 25 Prozent attestieren Managern, 40 Prozent Unternehmern Verantwortungsbewusstsein, 65 Prozent dem Leiter des eigenen Unternehmens. Umgekehrt werden diesem kaum Egoismus, Gier oder mangelndes Verständnis für die breite Bevölkerung vorgeworfen, ganz anders als vor allem der Gesamtheit der Manager, aber teilweise auch der Unternehmer. Die persönlichen Erfahrungen der Bevölkerung mit wirtschaftlichen Führungskräften bilden einen auffallend großen Kontrast zu ihrem generellen Weltbild.

Dieses Weltbild ist von einer tiefen Skepsis gegenüber der ökonomischen wie politischen Führungsschicht geprägt. Nicht nur Managern, auch Politikern wird in hohem Maße unterstellt, dass ihnen das Verständnis für die Sorgen der Bevölkerung abgeht und ihre Handlungen von Egoismus und teilweise auch Gier angetrieben werden. Harte Arbeit, Mut, Kompetenz und Selbstlosigkeit assoziiert die Bevölkerung mit der politischen Klasse noch weniger als mit den wirtschaftlichen Führungsspitzen. Die Managerkritik aus der Politik verbucht die Mehrheit der Bevölkerung als Profilierungsversuch der einen zu Lasten der anderen Teilelite und vermutet darin auch teilweise ein Manöver, um von eigenen Problemen und Fehlern abzulenken. 60 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass solche Motive auch hinter der Managerkritik aus der Politik stehen.

Wohl der Bürger interessiert kaum

Wenn die Einschätzung von Wirtschaft und Politik im direkten Vergleich ermittelt wird, siedelt die Bevölkerung Kompetenz allgemein wie auch speziell die Fähigkeit, auf Veränderungen und Herausforderungen richtig zu reagieren, weitaus eher bei der Wirtschaft als bei der Politik an. 58 Prozent sind überzeugt, dass die fachliche Kompetenz von Führungskräften aus der Wirtschaft höher ist als die politischer Führungskräfte; 47 Prozent trauen eher der Wirtschaft zu, auf Herausforderungen richtig zu reagieren, 12 Prozent sehen hier eine besondere Stärke der Politik. Bei der Frage, wo heute mehr Integrität zu finden ist, mag die Mehrheit weder Politik noch Wirtschaft nennen; die 40 Prozent der Bevölkerung, die hier Unterschiede zwischen Wirtschaft und Politik konstatieren, ordnen mit großer Mehrheit Integrität eher der Wirtschaft zu.

Lediglich die Wahrnehmung der Interessen der Bevölkerung wird eher der Politik zugeschrieben, allerdings mit einem für die Politik eher enttäuschenden Votum: 14 Prozent der Bevölkerung trauen am ehesten der Wirtschaft zu, die Interessen der Bevölkerung (mit) wahrzunehmen, 32 Prozent der Politik. Wirtschaft wie Politik wird heute von der Mehrheit unterstellt, dass sie die Interessen und das Wohl der Bürger nur peripher interessieren. In Bezug auf die Wirtschaft sind davon 74 Prozent, in Bezug auf die Politik 57 Prozent überzeugt. Dies trifft die Politik zwangsläufig stärker als die Wirtschaft.

Die Wirtschaft lenkt das Land

Die meisten halten den Einfluss der Politik auf die Wirtschaft für wesentlich geringer als umgekehrt. 76 Prozent schreiben der Wirtschaft erheblichen politischen Einfluss zu, umgekehrt nur 35 Prozent der Politik auf die Wirtschaft. 42 Prozent der Gesamtbevölkerung wünschen eine stärkere politische Einflussnahme auf die Wirtschaft, in Ostdeutschland sogar 53 Prozent; 28 Prozent halten dagegen den politischen Einfluss auf die Wirtschaft eher für zu groß. Umgekehrt wünschen nur 24 Prozent eine Ausweitung der wirtschaftlichen Einflussnahme auf die Politik, 50 Prozent eine Reduzierung. Von der Kompetenz des Staates als Unternehmer hat die Mehrheit keine hohe Meinung. 60 Prozent sind überzeugt, dass sich privat geführte Unternehmen besser entwickeln als Unternehmen, die im weitesten Sinne zum Einflussbereich des Staates gehören, nur 16 Prozent glauben an eine besonders gute Entwicklung von Unternehmen unter Staatseinfluss.

Die harsche öffentliche Kritik an der Wirtschaft hat im Verbund mit dem Reformeifer der Wirtschaft, den die Politik als Bedrohung ihres Rückhalts bei den Wählern fürchten gelernt hat, auch wirtschaftsnahe Parteien dazu gebracht, eher auf Distanz zu gehen. Dabei wird jedoch teilweise übersehen, dass die Bevölkerung zutiefst überzeugt ist, dass ihre Zukunft in hohem Maße und vor allem anderen von der Wirtschaft abhängt. Zwar ist die Überzeugung erodiert, dass das Wohlergehen der Wirtschaft auch automatisch Wohlstand für die Bevölkerung sichert; davon sind heute nur noch 22 Prozent der gesamten Bevölkerung überzeugt.

Eine florierende Wirtschaft wird damit zwar nicht mehr als hinreichende, sehr wohl aber als notwendige Voraussetzung für Wohlstand gesehen. Von nichts anderem ist die Zukunft des Landes nach Überzeugung der Bevölkerung so abhängig wie von der wirtschaftlichen Entwicklung; die Rangfolge der gesellschaftlichen Gruppierungen, die darüber bestimmen, ob Deutschland eine gute Zukunft hat, führen die Unternehmer an - noch vor der Politik. Der Bevölkerung ist zutiefst bewusst, wie sehr ein Land von seinen Führungseliten abhängt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

Wie soll es weitergehen in Hessen?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche