28. Januar 2005 Seit Anfang Januar ist Adam Rotfeld polnischer Außenminister. Der Staatssekretär wurde Nachfolger von Cimoszewicz, der vom polnischen Unterhaus zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde.
Rotfeld, Kind jüdischer Eltern, ist ein erfahrener Diplomat. In den siebziger Jahren wirkte er an den Verhandlungen über die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit. Von 1991 bis 2002 leitete Rotfeld ein internationales Friedensforschungsinstitut, das Stockholm International Peace Research Institute (Sipri).
Herr Minister, haben die Deutschen die Lektion Auschwitz gelernt?
Ja, absolut. Alle verantwortlichen Parteien in Deutschland haben nach 1945 verstanden, was geschehen ist. Das demokratische Deutschland ist ein Beispiel dafür, wie so eine Aufgabe bewältigt werden kann.
Sie haben in einer Zeitung beklagt, die deutschen Eliten seien nicht mehr bereit, sich Asche aufs Haupt zu streuen. Sollten wir Asche auf unsere Häupter streuen?
Einerseits gehen manche in Deutschland mit diesem Thema sehr sensibel um. Sie haben ein Gefühl moralischer Verantwortung und drücken das in Worten und Taten aus. Andererseits aber gibt es da auch andere. Da gibt es eine neue Stufe der deutschen Mentalität, wo es heißt: Genug ist genug. Die Zeit ist reif, die Diskussion über Auschwitz zu beenden. Ich aber sage: Diese Diskussion wird nie ein für allemal beendet sein. Erinnerung ist ein Prozeß, und sie wird niemals abgeschlossen. Sonst kommt es zu solchen Fehlleistungen wie kürzlich in der deutschen Presse, wo Auschwitz als polnisches Konzentrationslager beschrieben wurde. In Polen empfindet man so etwas als Beleidigung. Übrigens sind die Deutschen in dieser Hinsicht noch viel akkurater als manche andere Nationen. So ein Fauxpas ist manchmal ein bloßes Versehen aus mangelnder Sensibilität. Manchmal aber steckt Absicht dahinter: Die polnische Nation soll für das, was geschehen ist, selbst verantwortlich gemacht werden.
Warum will Deutschland die Versöhnung mit Polen so viel schwerer gelingen als die mit Frankreich?
Nun, es gibt Unterschiede. Gesine Schwan, die Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-polnischen Beziehungen, hat gesagt, wegen Frankreichs kultureller Ausstrahlung hätten die Deutschen den Franzosen gegenüber ein Minderwertigkeitsgefühl, in bezug auf Polen dagegen gebe es in der deutschen Gesellschaft einen tiefverwurzelten Überlegenheitskomplex, ein Überheblichkeitsgefühl (Rotfeld benutzt das deutsche Wort, Anm. d. Red.). Außerdem hat Deutschland am Ende des Krieges ausgedehnte Gebiete verloren, und Polen hat sie gewonnen. Deshalb müssen wir die Erinnerung an die Ursachen des Krieges bewahren, sonst heißt es in einer Generation oder in zweien in Deutschland, der Gebietsverlust und die Vertreibung vieler Millionen Deutscher sei eine Ungerechtigkeit gewesen.
War sie das nicht? Ihr Amtsvorgänger Wladyslaw Bartoszewski hat 1995 vor dem Deutschen Bundestag seine Bewertung der Vertreibung mit einem Zitat des polnischen Essayisten Jan Józef Lipski beschrieben: Das uns angetane Böse, selbst das größte, ist . . . keine Rechtfertigung und darf auch keine sein für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben.
Mit diesem Satz identifiziere ich mich vollständig. Bartoszewski hat recht. Man darf nicht vergessen, daß Millionen von Unschuldigen die Opfer eines historischen Prozesses wurden - all die, die in Breslau oder Niederschlesien lebten. Für diese Leute war es kaum möglich, zwischen den Entscheidungen Hitlers und ihrem privaten Schicksal eine Verbindung zu sehen. Dennoch, und das wird in Deutschland oft total ignoriert: Hitler ist gewählt worden.
Nicht von den Kindern, die vertrieben wurden.
Natürlich. Verantwortung wird nicht vererbt. Wenn meine Großeltern ein Verbrechen begangen haben, bin ich dafür nicht verantwortlich. Dennoch gibt es die Debatte über Erika Steinbach und das ,Zentrum gegen Vertreibungen'. Nun weiß ich zwar, daß Frau Steinbach nicht die wichtigste aller Frauen in Deutschland ist. Aber sie vertritt den Bund der Vertriebenen. Millionen Deutsche glauben heute: Die Zeit ist reif, jetzt auch über die Untaten zu reden, die an uns selbst verübt wurden. All das muß diskutiert werden - aber immer im Zusammenhang des ganzen Bildes. Manche in Deutschland sagen jetzt: Der eigentliche Holocaust, das waren die Bombenangriffe auf Dresden und Hamburg. Ich habe so etwas übrigens auch in Hiroshima gesehen. An der dortigen Gedenkstätte für den amerikanischen Atomangriff wird mit keinem Wort die Vorgeschichte erwähnt, der japanische militaristische Expansionismus. Aber nicht die Vereinigten Staaten haben den Krieg im Pazifik begonnen. Die Japaner waren es, die Amerika angriffen.
Dennoch gedenken auch Amerikaner der Opfer von Hiroshima.
Es ist das Recht eines jeden, nicht zu vergessen. Auch wir sind uns der Implikationen unserer Geschichte bewußt. Nach dem Krieg wurden schließlich auch bei uns Millionen aus den ehemals polnischen Gebieten vertrieben, welche die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg erobert hatte. Dennoch gibt es keinen Revanchismus in Polen. Ich selbst bin in der Nähe von Lemberg, in der heutigen Ukraine, auf die Welt gekommen. Meine Familie wurde von Nazi-Deutschland hingerichtet. Das waren hochgebildete Leute und damit ein hervorgehobenes Ziel der Vernichtung, denn sowohl die Deutschen als auch die Russen verfolgten in Polen ein Programm der Elitenausrottung. So wurde etwa einer meiner Verwandten als polnischer Offizier von den Russen im Wald von Katyn ermordet. Außerdem waren wir jüdischer Abstammung und deshalb ohnehin dazu verurteilt zu sterben. Mein Vater hätte zwar 1941, als die Deutschen die Sowjetunion überfielen, zusammen mit uns allen fliehen können. Er glaubte jedoch damals, die Bolschewiken, die unser Land als Ergebnis des Hitler-Stalin-Pakts besetzt hielten, seien Barbaren, die Deutschen dagegen ein zivilisiertes Volk. Er hatte in Wien studiert, das Deutsche war bei uns noch aus der Zeit der österreichischen Herrschaft gängig. Mein Vater war so fasziniert von der deutschen Kultur, daß er leider die Gelegenheit zur Flucht verstreichen ließ. Das Ergebnis war, daß er zusammen mit dem ganzen Rest der Familie zugrunde ging. Sein Bruder kam nach Auschwitz, er selbst wurde zusammen mit meiner Mutter mitten in der Stadt öffentlich hingerichtet.
Was geschah mit Ihnen?
Zuletzt wurde ich mit einer Gruppe von Kriegswaisen nach Niederschlesien gebracht, in die ehemaligen deutschen Gebiete. Ich war damit genau das, was man in Deutschland ein Vertreibungsopfer nennt - nur daß dieses Schicksal für mich damals eine glückliche Fügung war. Wäre ich nicht aus dem Osten vertrieben worden, hätte ich schließlich auf sowjetischem Territorium bleiben müssen. Wahrscheinlich ist es genau so auch für manche Deutsche aus Schlesien heute besser, Mitglieder der deutschen Nation und Bürger von Deutschland zu sein. Dennoch habe ich viel Verständnis für alle Deutschen, die vielleicht wie ich ihre Eltern verloren haben und die sich fragen: Warum mußte das geschehen?
Das Gespräch führte Konrad Schuller
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 3
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